"Schaut euch dieses Wochenende an. Ich denke, es wird Aufschluss darüber geben, wo wir stehen", versprach ein optimistischer James Vowles vor dem Formel-1-GP in Silverstone. Der Williams-Teamboss kalkulierte damit, dass das Team nach den extrem heißen Temperaturen in Barcelona und Österreich beim milderen Großbritannien-GP einen klaren Leistungssprung hinlegen werde.
Nicht zuletzt auch deshalb, weil Williams einen neuen Frontflügel im Gepäck hatte, den Vowles gegenüber Motorsport-Magazin.com als "ordentliches Update" bezeichnete. Doch der erhoffte Sprung blieb aus und befeuerte die bereits seit längerem kursierende Unzufriedenheit mit der Entwicklungsarbeit.
Carlos Sainz stellt den Upgrades ein schlechtes Zeugnis aus: "Bedenklich und frustrierend"
Carlos Sainz zeigte sich besorgt: "Es ist bedenklich und frustrierend. Denn es beginnt ein schlechter Trend in diesem Jahr zu werden, dass wir nicht wirklich viel Rundenzeit finden, wenn Upgrades kommen." Dabei speckte Williams, das mit sehr viel Übergewicht in die Saison gestartet war, Update für Update Kilogramm ab, ohne sichtliche nachhaltige Besserung.
"Wir müssen uns in dieser Woche zusammensetzen und analysieren, was los ist. Denn wir haben bisher sehr viel Gewicht vom Auto abgebaut, aber der Abstand zur Spitze wächst weiterhin an und der Abstand zum Ende des Mittelfeldes wächst weiterhin an", beklagt sich Sainz. "Wir scheinen nicht die Rundenzeit zu finden, die wir anfangs erwartet haben."
Aus den Daten lässt sich ein 'Anwachsen' des Rückstands nicht unbedingt ablesen, eher eine Stagnation. Der durchschnittliche Qualifying-Rückstand des besseren Williams im Qualifying auf die Spitze bewegt sich nach wie vor im Bereich von etwa 1,8 Prozent und damit in ähnlichen Sphären wie in den ersten Rennen. In der Regel scheitert Williams aktuell im ersten Qualifying-Segment oder chancenlos in Q2, ebenfalls ähnlich wie in den ersten Rennen. Hier könnt ihr euch die Entwicklung graphisch aufbereitet anschauen:
Das einzige Zwischenhoch gab es nach dem bislang einzigen großen Update-Paket in Miami. Damals wurde vom Unterboden über den Seitenkasten bis zur Motorabdeckung an so gut wie allen fundamentalen Performance-Faktoren Hand angelegt. Doch spätestens seitdem es in Barcelona wieder auf klassische Rennstrecken ging, verpuffte dieser Aufschwung wieder. P15 war seitdem im Qualifying das höchste der Gefühle.
Sainz sucht nach Erklärungen dafür, dass die Williams-Updates zum wiederholten Male hinter den Erwartungen geblieben sind. "Ich weiß nicht, ob wir mit diesem Reglement die Flow-Aerodynamik nicht gut genug verstehen oder was los ist. Aber in Suzuka waren wir 1,6 bis 1,8 Sekunden in einem sehr übergewichtigen Auto hinten. Hier sind es zwei Sekunden mit einem viel besseren Gewicht und das bedeutet, es fehlt irgendwo im Auto an Last", sagte der Spanier.
Dafür, dass Williams seinen Silverstone-Frontflügel, der eigentlich erst in Spa hätte kommen sollen, noch nicht versteht, spricht auch der Rennsonntag. In diesem wurde Alex Albons Rennen in aussichtsarmer Position zu einer reinen Testsession umfunktioniert und er noch dreimal zusätzlich an die Box beordert, um verschiedene Einstellungen zu testen, bevor er abstellte.Bei Teamkollege Sainz lief das Rennen aber auch nicht viel besser. Mehr dazu könnt ihr in diesem Artikel nachlesen:
Williams muss noch zwei Monate leiden: In Baku kommt ein neues F1-Chassis
Kurzfristig wird sich an den Problemen von Williams kaum etwas ändern. Nach dem angezweifelten neuen Frontflügel in Silverstone kommt in den nächsten Rennen erst einmal nur Kleinkram ans Auto. In der aktuellen Formel 1, in der Updates bis zu drei Zehntel an Rundenzeit bringen sollen, ist das ein kaum aufholbarer Nachteil gegen die Mittelfeld-Konkurrenz, von der wir in den Sommermonaten noch viele Umbauten erwarten können.
Das nächste große Williams-Paket gibt es dagegen erst in über zwei Monaten. "Was die Pace angeht, müssen wir bis Baku warten", verriet Alex Albon schon am Donnerstag vor dem Großbritannien-GP den dafür vorgesehenen Termin. Bis dahin hegt er keine Hoffnung, dass man dank der eigenen Pace Punkte einfahren kann, sondern höchstens über die Zuverlässigkeit.
Vowles verspricht für dieses Upgrade einen radikal erneuerten Williams FW48. "Der beste Weg, es zu beschreiben, ist ein B-Spec-Auto. Es ist ein neues Chassis und andere Teile, die damit einhergehen." Für ihn ist dieses Projekt ein Lackmus-Test für die aktuelle Entwicklungsfitness des Teams, das letzten Winter den Zeitplan für sein Auto zu aggressiv angesetzt hatte, und deshalb nicht nur die ersten Testfahrten komplett verpasste, sondern eben auch weit über dem Gewichtslimit in die Formel-1-Saison starten musste.
James Vowles: Flugzeug fliegen und gleichzeitig reparieren
Das soll nun besser werden. "Wir müssen uns als Business beweisen, dass wir Engineering auf dem richtigen Qualitätslevel betreiben und ein Auto auf dem richtigen Qualitätslevel während der Saison bauen können", sagte Vowles. "Es ist das Äquivalent dazu, ein Flugzeug gleichzeitig zu fliegen und zu reparieren. Aber wir müssen beweisen, dass wir uns im Vergleich zu vor drei Jahren verändert haben, und diese Fähigkeit besitzen."
Aktuell befinde man sich bei der Entwicklung dieses B-Specs im Plan. Perfekt seien die Abläufe in Grove aber immer noch nicht, stellt Vowles fest, dessen Amtsauftrag seitdem er die Rolle 2023 übernommen hat, darin besteht, die einst klamme und technologisch rückständige Familienmannschaft in ein modernes Formel-1-Topteam zu verwandeln. "Ich weiß, wie eine effiziente Organisation aussieht und sogar heute haben wir Probleme, Sachen zu tun, die andere tun können", so der ehemalige Mercedes-Mann.



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