Als die schwarz-weiß-karierte Flagge in Silverstone fiel, war der Stein, der von Charles Leclercs Schultern fiel, nahezu hörbar. Nach schwierigen Wochen war der erlösende erste Sieg seit dem US GP 2024 für den Monegassen von unschätzbarem Wert.

Allerdings stellten sich einige Formel 1-Beobachter insgeheim die Frage: Hätte Ferrari eine Stallorder zugunsten von Lewis Hamilton aussprechen müssen, als am Mercedes von Kimi Antonelli der linke vordere Radschützer (Wheel Shield) brach?

Außergewöhnliche Umstände fordern außergewöhnliche Maßnahmen

Obwohl der nackte Gedanke an eine Teamorder eigentlich seinem persönlichen Sportverständnis widerspricht, ist Ex-Ferrari-Ingenieur Rob Smedley der Meinung, dass außergewöhnliche Umstände eben außergewöhnliche Maßnahmen erfordern.

"Wenn Ferrari versucht, Mercedes allein über die Leistungsfähigkeit des Autos zu schlagen und gleichzeitig die Fahrer gegeneinander fahren lässt, dann sinken die Chancen auf den Gewinn der Fahrer-Weltmeisterschaft erheblich. Ich denke, das [Teamorder; Anm. der Red.] ist die einzige Strategie, mit der Lewis diese Weltmeisterschaft noch gewinnen kann", erklärte Smedley.

Leclercs Sieg-Geheimnis, Antonelli-Drama & Hülkenberg-Frust (01:13:34)

Wie unsere Grafik zum WM-Stand veranschaulicht, lag Charles Leclerc nach dem Sprint in Silverstone 96 Punkte hinter dem WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli und teamintern 49 Zähler hinter Hamilton. Durch eine Stallorder am Sonntag hätte Hamilton wertvolle 25 Punkte im Titelkampf gutmachen können.

Schumacher hätte die Teamorder sofort gefordert

Als langjähriger Renningenieur von Felipe Massa kennt Smedley die Zeiten, in denen eine Stallregie in Maranello an der Tagesordnung war, aus nächster Nähe. Entsprechend kurz muss der Brite überlegen, als ihm im High Performance Racing Podcast die Frage gestellt wird, ob ein Michael Schumacher an Hamiltons Stelle in Silverstone eine Teamorder eingefordert hätte: "Ja", lautet Smedleys knapp Antwort.

Während Schumachers dominanten Jahren scheute sich die Scuderia bekanntlich nur selten davor, die Stallregie-Karte zu zücken, wenn sie dem übergeordneten Ziel diente, Siege und Titel einzufahren. Der letzte Ferrari-Fahrer-Titel liegt mittlerweile 19 Jahre zurück. Allerdings hätte eine Teamorder in Silverstone bedeutet, dass die Boxenmauer Leclerc brutal hätte einbremsen müssen. Sein Vorsprung auf Hamilton betrug in Runde 42 bereits 20 Sekunden.

Silverstone: Abstand zwischen Ferrari-Duo zu groß

Zudem fuhren beide zu diesem Zeitpunkt nahezu identische Rundenzeiten - Hamilton eine 1:33,3 und Leclerc eine 1:33,4. Selbst in Zeiten, in denen Ferrari die Stallorder diktierte, waren die Abstände zwischen den roten Autos niemals so groß. Ein Blick in die Geschichtsbücher untermauert das:

  • Hockenheim 2010: Als Smedley den legendären Funkspruch "Fernando is faster than you. Can you confirm you understood that message?" an Felipe Massa absetzte, lag Fernando Alonso lediglich 1,2 Sekunden hinter dem Brasilianer.
  • Sotschi 2019: Als Ferrari Sebastian Vettel anwies, die Position mit Leclerc zu tauschen, betrug der Abstand zwischen den beiden Kontrahenten 1,4 Sekunden.
  • Spielberg 2002: Beim wohl berüchtigtsten Stallorder-Skandal der F1-Geschichte konnte Michael Schumacher seinen Rückstand auf den Führenden, Rubens Barrichello, in der Schlussphase auf unter eine Sekunde reduzieren.