0,001 Sekunden. Ein Bruchteil einer Sekunde. Nicht einmal ein Zehntel oder ein Hundertstel. Ein Tausendstel einer Sekunde. Eine Zeitspanne so kurz, dass sie für das menschliche Gehirn nicht begreifbar ist. Und doch verpasste Gabriel Bortoleto beim Formel-1-Qualifying in Monza um 0,001 Sekunden den Einzug in die dritte Runde.

"So knapp am Aufstieg in die nächste Session war ich, glaube ich, noch nie dran", kann der junge Brasilianer das Ergebnis kaum fassen. Dabei ist es womöglich gar nicht so schlecht, den Fahrer auf Platz zehn nicht doch übertrumpft zu haben. Das war nämlich Lewis Hamilton, der beim Ferrari-Heimspiel in Monza selbst nur um Haaresbreite noch ins Q3 kam. Ansonsten hätte sich Bortoleto möglicherweise den geballten Hass der Tifosi eingefangen.

"Es ist schade, aber in Monza ist es immer eng. Ich bin glücklich, dass wir das Auto so nah ans Q3 bringen konnten", sieht er die Dinge positiv. Denn obwohl die Top 10 so nah, aber doch so fern waren, ist es eine halbe Sensation, dass das Team überhaupt imstande gewesen wäre, unter den Besten mitzufahren. Eigentlich war Audi davon ausgegangen, dass Monza ein katastrophales Wochenende wird.

Gasly-Sensation in Monza! Wolff sicher: Verstappen hat Russell die Pole gekostet! (09:51 Min.)

Motor steht Audi im Weg, doch Windschatten-Hulk regelt

Dem Motor aus Neuburg an der Donau fehlt es nämlich ordentlich an Speed auf der Geraden – keine guten Voraussetzungen im "Temple of Speed". Dass man dann doch im oberen Mittelfeld mitfuhr, war eine Überraschung. "Ich dachte, wir wären schon [im Q1, Anm. d. Red.] draußen oder zumindest, dass es schwer wäre, durchs Q1 zu kommen", gesteht Bortoleto.

Dass beide Audi-Piloten es unter die besten 16 schafften, war exzellenter Teamarbeit zu verdanken. Besser gesagt: der exzellenten Windschatten-Arbeit von Nico Hülkenberg. In der ersten Qualifying-Session fuhr er exemplarisch etwa eine Sekunde vor seinem Teamkollegen her und zog ihn durch die Runde.

Da sich beide im dichten Mittelfeld-Windschatten-Sog befanden, kam auch Hülkenberg mit P14 ins Q2. "Es ist nicht leicht, aber wir haben es geschafft, einen unglaublichen Windschatten zu bekommen", lobte Bortoleto.

Positionstausch und Patzer: Was ging in Q2 bei Audi schief?

In der ersten Runde der zweiten Session fuhren sie wieder im gleichen Tandemflug und Bortoleto war auf Platz neun. Doch beim zweiten Anlauf war aus irgendeinem Grund plötzlich Bortoleto vor Hülkenberg. Dass das nicht so hätte sein sollen, wurde durch den Funkverkehr klar. "Wenn du vor Gabi fahren könntest", wies Renningenieur Steven Petrik seinen Fahrer an. Doch mit nur noch wenig Zeit für die Aufwärmrunde auf der Uhr und der Gefahr, den Anschluss an den Windschatten-Zug zu verlieren, konnten sie nicht mehr Plätze tauschen.

Die falsche Reihenfolge könnte dem geschuldet sein, dass die Fast Lane bereits ordentlich befüllt war, als die Audi-Mechaniker die beiden Fahrer rauswinkten. Hülkenberg musste kurz warten, bevor er sich einreihen konnte. Bortoleto, dessen Box die nähere an der Boxenausfahrt ist, fuhr direkt nach seinem Teamkollegen hinaus, stand aber schon zu weit in die Fast Lane hinein, sodass Hülkenberg nicht mehr vorbeifahren konnte. Die Nummer 6 musste also vor der Nummer 27 fahren.

Trotzdem erwischte Bortoleto einen guten Windschatten hinter Vordermann Pierre Gasly – patzte dann aber auf seiner entscheidenden Runde. "Ich bin enttäuscht, weil ich das Gefühl hatte, die Lap war großartig bis Ascari", lamentierte der 21-Jährige. In der Schikane nahm er zu viel Kerb mit und verlor beinahe das Heck. Dabei blieben mindestens 0,001 Sekunden liegen.

Wird Audi beim Rennstart überrumpelt? Bortoleto bläst zum Angriff

"Ich habe in den Kurven alles gegeben. Ich dachte etwa zehnmal, dass ich gleich crashe, um ehrlich zu sein. Ich habe das Heck ständig verloren, weil ich so am Limit war", beschreibt Bortoleto. Das konnte er vermeiden, aber nach Q2 war Schluss für ihn und Hülkenberg, dem auf Platz 13 0,262 Sekunden auf seinen Teamkollegen fehlten.

"Die Performance war da", zieht Bortoleto ein positives Resümee. "Es war großartige Arbeit vom Team. Auch an einem Wochenende, an dem wir nicht denken, dass wir konkurrenzfähig sind, sind wir trotzdem dabei." Auch für Hülkenberg geht der Samstag in Italien positiv aus: "Uns fehlt immer noch Top-Speed, aber dass wir so knapp an den Top 10 waren, ist vielversprechend."

Die große Unbekannte ist nun das Rennen. Von der Startaufstellung bis zum ersten Bremspunkt warten 465 Meter Vollgas. "Ich hoffe nicht, dass wir da gleich überholt werden", scherzt Hülkenberg. "Hoffentlich können wir überleben", stimmt Bortoleto seinen Sorgen zu. Davon will er sich aber nicht abschrecken lassen: "Ich werde mein Bestes geben. Ich werde versuchen, meine Position zu halten und vielleicht auch anzugreifen. Wir werden sehen." Zumindest eine Position gewannen beide bereits durch die Strafversetzung von Kimi Antonelli ans Ende des Felds. Die Startaufstellung für den Italien GP gibt es in diesem Artikel: