In der Formel 1 zeigen 2026 diverse Fahrer dramatische Verwandlungen. Kimi Antonelli wird zum Superstar, Lewis Hamilton feiert seine Wiederauferstehung, George Russell und Oscar Piastri verlieren ihr Mojo. Und dann ist da noch Carlos Sainz: Vierfacher Grand-Prix-Sieger mit Ferrari, 2025 im Williams der Held im Mittelfeld und dieses Jahr nicht wiederzuerkennen. In Madrid zog er zuletzt den Zorn von Fernando Alonso auf sich. Es war der jüngste in einer Reihe von Fehltritten, die sich der sonst gerne als Moralapostel auftretende GPDA-Direktor seit der Sommerpause leistete. F1-Experte Christian Danner hat den Problemfall analysiert und kommt zu einer eindeutigen Schlussfolgerung.
"Er ist schon ein bisschen verhaltensauffällig", so der ehemalige Formel-1-Fahrer mit Blick auf die zahlreichen Aktionen, mit denen Sainz seit dem zehnten Saisonrennen in Spa-Francorchamps für Negativpresse sorgte. Die Bilanz: Fünf Rennwochenenden, elf Untersuchungen. Aus diesen resultierten fünf Strafen und vier Verwarnungen. In der ersten Saisonhälfte hatte Sainz nur zweimal die Aufmerksamkeit der Stewards auf sich gezogen. Seit der Sommerpause scheint der 32-Jährige völlig neben sich zu stehen. Dabei ist es vor allem er, der als Direktor der Fahrergewerkschaft GPDA stets um die Einhaltung der Regeln, die Sicherheit und den guten Stil auf der Rennstrecke bemüht ist. Sportlich lief es mit Williams diese Saison aber von Anfang an schon nicht. Und genau hier sieht Danner die Wurzel allen Übels: "Ich glaube, Carlos Sainz hat im Moment eine tiefe Frustphase und auch eine Phase der absoluten Hoffnungslosigkeit."
| Event | Tatbestand | Entscheidung |
|---|---|---|
| Suzuka | Gefährliches Fahren / Zwischenfall mit Liam Lawson | Freispruch |
| Silverstone | Unerlaubtes Überholen des Safety Cars | 1x Strafrunde |
| Spa | Überfahren der weißen Linie an der Boxeneinfahrt | Verwarnung |
| Spa | Mutmaßlich nicht ausreichend verlangsamt bei Doppel-Gelb | Freispruch |
| Ungarn | Gefährliches Fahren / Behinderung von Max Verstappen | Verwarnung |
| Ungarn | Unvorhersehbares Fahren / Zwischenfall mit Paul Aron | Freispruch |
| Ungarn | Kollision mit Oscar Piastri | +5 Zeitstrafe |
| Zandvoort | Unnötig langsames Fahren / Zwischenfall mit Charles Leclerc | Verwarnung |
| Zandvoort | Überholen von Valtteri Bottas in der Einführungsrunde | Verwarnung |
| Zandvoort | Kollision mit Alex Albon | +10 Zeitstrafe |
| Monza | Mutmaßlich nicht ausreichend verlangsamt bei Doppel-Gelb | Freispruch |
| Madrid | Behindern von Valtteri Bottas | +3 Startplatzstrafe |
| Madrid | Bewegung beim Anbremsen / Kollision mit Fernando Alonso | +5 Zeitstrafe |
Carlos Sainz blüht bei Williams auf: Team kann hohe Erwartungen in der Formel 1 2026 nicht erfüllen
Nachdem er zur Saison 2025 seinen Platz bei Ferrari an Lewis Hamilton verlor und gezwungenermaßen den Abstieg zu Williams antreten musste, hatte sich Sainz von diesem Karriereknick scheinbar hervorragend erholt. In der zweiten Saisonhälfte 2025 trumpfte er als Underdog im Williams groß auf. Er holte drei Podien, darunter zwei dritte Plätze in den Grands Prix in Baku und Katar sowie einen im Sprint von Austin. Die Saison beendete er auf Platz neun der Fahrerwertung. "Als er zu Williams kam, lief es ja eigentlich erstmal viel besser, als er gedacht hat. Und er konnte seine Fähigkeiten dort wunderbar unter Beweis stellen", merkt Danner im AvD Motorsport-Magazin an.
Bei Williams waren die Ansprüche nach Platz fünf in der Konstrukteurswertung dementsprechend hoch. Für das statistisch mit sieben Fahrer- und neun Konstrukteurstiteln immer noch drittbeste Team der Formel-1-Geschichte war es die stärkste Saison seit 2017 und ein echter Aufschwung. 2026 begann katastrophal. "James Vowles hat uns immer wieder versprochen: das letzte Jahr war ganz okay, aber dieses Jahr, 2026, das ist unser Jahr, da arbeiten wir mit vollem Elan draufhin. Und was kam dabei raus? Der langsamste Williams seit vielen Jahren", so Danner.
Der Williams FW48 wurde zu den ersten Wintertestfahrten nicht rechtzeitig fertig und war darüber hinaus technisch unterentwickelt sowie übergewichtig. Derzeit steht Sainz in der Gesamtwertung mit sechs Punkten an 16. Stelle. Sein letztes Punkteresultat datiert auf den Grand Prix von Kanada am 24. Mai zurück. Für Alex Albon sieht es mit fünf Zählern kaum besser aus. Er war seit dem auf Montreal folgenden Rennen in Monaco nicht mehr in den Top-10.
Formel-1-Krise von Williams in 2026 reißt Carlos Sainz mit in den Abgrund
Für einen Grand-Prix-Sieger in der Blüte seiner Karriere ist das laut Danner absolutes Gift. "Das kommt bei einem Mann wie Carlos Sainz, der schon ein ordentliches Ego und ein Selbstverständnis hat, dass er eigentlich einem Leclerc oder Hamilton auf jeden Fall das Wasser reichen kann - und das bei Ferrari auch bewiesen hat - ein tiefer Frust auf", sagt der 68-Jährige, der die Hoffnungslosigkeit des Madrilenen gut nachvollziehen kann.
Er selbst ging zwischen 1985 und 1989 in der Formel 1 für Hinterbänkler-Teams wie Zakspeed, Osella, Arrows und Rial an den Start. "Das Tal der Hoffnungslosigkeit hat meiner Ansicht nach gerade erst begonnen, denn ich sehe da bei Williams keine Verbesserung für dieses Jahr", so Danner, der bei Sainz die Tendenz sieht, sich mit dem unterlegenen Material mit aller Gewalt in Szene setzen zu wollen.
"Diesen Frust mit 'erratic driving', wie es im Fachjargon heißt, zu kompensieren, ist natürlich der falsche Weg. Das führt zu nichts. Und der Pragmatismus, den man da haben muss, wenn man in einem schlechten Auto fährt - und da spreche ich auch wieder aus ganz eigener Erfahrung - heißt nicht: "Das ist hier alles Mist und jetzt fahre ich mal hier und mal da hin". Nein, es heißt einfach, dass du mit dem, was du hast, das Beste machen musst und nicht die anderen mit deiner Präsenz in die Wand schickst
Nach dem Rennen in Madrid beschwerte sich Carlos Sainz darüber, dass Unfallgegner Fernando Alonso nach der strittigen Szene einen Funkspruch abgesetzte und damit die Strafe für ihn heraufbeschwor. Christian Danner schlägt sich auf die Seite des zweimaligen Weltmeisters: "Ich muss ganz ehrlich sagen, die Art und Weise, wie Alonso sich da beschwert hat, war schon richtig. Er hat gesagt: jetzt ist dann auch mal gut!"
Formel-1-Rüpel Carlos Sainz 2026 trotzdem ohne Strafpunkte
Besonders kurios mutet bei all dem der Umstand an, dass Carlos Sainz für seine Missetaten 2026 noch keinen einzigen Strafpunkt kassierte. Tatsächlich hat er derzeit nur zwei Strafpunkte auf seinem Konto in der Formel-1-Sünderkartei. Diese datieren auf den US GP 2025 in Austin zurück und verfallen am 19. Oktober diesen Jahres. Danner fürchtet für ihn allerdings, dass die Stewards bald nicht mehr allzu nachsichtig sein werden und auch nicht davor zurückscheuen, ein Exempel zu statuieren.
"Es kann sehr schnell passieren, dass er da nicht nur als schwarzes Schaf dasteht, sondern beim nächsten oder übernächsten Rennen die Stewards so sensibilisiert sind, dass sie ihm relativ früh ins Handwerk pfuschen. Dann machen wir mal einen kleinen Boxenstopp", so seine Prognose. "Da hat der Rennleiter alle Freiheiten der Welt, so etwas zu entscheiden und die Stewards können da auch ziemlich hart durchgreifen. Wir dürfen nicht vergessen, die Sicherheit steht bei Entscheidungen immer wieder an erster Stelle, wenn diese im Raum der Stewards getroffen werden."



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