"Ich bin ins Fahrerlager gekommen und wusste nicht, wo ich hinmusste", scherzte Max Verstappen am Donnerstag noch über das Comeback der Formel 1 in Malaysia nach neun Jahren Abwesenheit. Auf der Strecke von Sepang weiß Verstappen hier dafür sehr genau, wo es langgeht. Nach seiner ersten Pole des Jahres schickt er sich an, genau dort weiterzumachen, wo er vor neun Jahren aufgehört hat.

Erst drei Mal ist Verstappen in Malaysia am Start gestanden, doch seine Ergebnisse sind hervorragend. 2016 holte er hier im Toro Rosso P7 und seine ersten F1-Punkte. 2016 wurde er Zweiter, nur zwei Sekunden hinter Teamkollege Daniel Ricciardo. 2017 brannte er Lewis Hamilton und Ricciardo bei einer dominanten Performance 12 respektive 22 Sekunden auf.

Malaysia bislang Red Bulls bestes Formel-1-Wochenende 2026

Dass das Rennen heute als "Bahrain-GP" ausgetragen wird, hat Verstappen beim Comeback nicht aufgehalten. Dass es eigentlich in dieser Ära nicht wie eine Red-Bull-Strecke wirkte, ebenfalls. Die Pole ist kein Zufall. Nach zwei Tagen wirkt der RB22 in Verstappens Händen mittlerweile wie das klar schnellste Auto. Auf jeden Fall im Qualifying-Trimm, in dem er fast drei Zehntel schneller war als er zweitplatzierte Lewis Hamilton.

Im Renn-Trimm flog Verstappen dank eines extralangen Medium-Longruns am Freitag unter dem Radar. Da der Reifenabbau auf dem harten und heißen Asphalt des Sepang International Circuit gigantisch ist, sahen seine Durchschnittszeiten schlechter aus als die seiner kürzer fahrenden Konkurrenz. Nimmt man zur besseren Vergleichbarkeit nur die erste Hälfte von Verstappens Longrun, so sieht er sofort neben dem einzigen echten Medium-Vergleichswert von Kimi Antonelli wettbewerbsfähig aus.

Die Red-Bull-Leistung ist also kein Zufall, obwohl sie nicht erwartet worden war. Das bunte Kurvengemisch wäre dem langsame Kurven bevorzugenden RB22 vor ein paar Monaten ganz schlecht bekommen. "Aber in den letzten Rennen haben wir das Auto wohl etwas besser verstanden, und auch die Upgrades haben ein paar der Schwächen ausgemerzt", lobt Verstappen sein Ingenieursteam für die Arbeit seit der Sommerpause und für das letzte Baku-Update.

Verstappens Reifen-Poker auf knallhartem heißen Malaysia-Asphalt

Gute Balance ist in Malaysia mehr noch als auf anderen Strecken enorm viel wert. Weil die Strecke eben die Reifen so hart rannimmt, die Temperaturen so hoch sind, und das Grip-Niveau niedriger ist als vor dem Wochenende erwartet, wird eine schlechte Balance mit potenziell gigantischem Reifenverschleiß bestraft. Ohnehin ist von mehr als einem Zehntel Pace-Verlust pro Runde auszugehen.

Der schnellste Weg ins Ziel ist zweimal zu stoppen. Drei Stopps sind laut Pirellis Simulationen über die Distanz aber nur um fünf Sekunden langsamer. Weil ein früher Stopp bei gigantischem Verschleiß einen gigantischen Sofort-Gewinn per Undercut-Effekt erzeugen wird, kann das eine Dreistopp-Strategie quer durch die Bank äußerst attraktiv machen, solange man innerhalb von zwei Sekunden am Vordermann dran ist.

Hier lohnt ein Blick darauf, welche Reifen die Spitzenfahrer nach dem Qualifying noch zur Verfügung haben. Verstappen tanzt nämlich zusammen mit dem vom vierten Rang losfahrenden Charles Leclerc aus der Reihe. Leclerc ist der einzige Fahrer im Feld, der an diesem Wochenende einen Hard-Reifen im Training ausprobierte. Alle anderen haben diese kostbaren zwei Sätze für das Rennen gespart.

P.FahrerHardMediumSoft
1Verstappen115
2Hamilton214
3Antonelli214
4Leclerc115
5Norris214
6Piastri214
7Russell214
8Hadjar214

Alle bis auf Leclerc. Und Verstappen, der den Hard nicht einmal fuhr, sondern freiwillig einen seiner zwei Sätze nach FP2 unbenutzt abgab. Verstappen und Leclerc sind die einzigen Fahrer an der Spitze, welche so die von Pirelli empfohlene Soft-Hard-Hard oder Medium-Hard-Hard-Strategie nicht fahren können.

Ob das ein Nachteil ist, wird das Rennen zeigen. Der Soft ist eigentlich hier trotz des hohen Verschleißes ein guter Reifen, weil er mit dem harten Asphalt sehr gut zurechtkommt. Der Hard sollte - genau kann das mit nur einem Mini-Longrun von Leclerc niemand wissen - gegen die gefürchtete thermische Überhitzung an der Hinterachse sehr gut ankommen, aber bis zu acht Zehntel pro Runde langsamer sein als der Soft. Gute Argumente für eine aggressive Dreistopp, um den schnelleren Soft länger am Auto zu haben?

Ist Ferrari der erste Verstappen-Jäger in Malaysia?

Der zweite Ferrari ist dafür konventionell unterwegs. Das macht Lewis Hamilton zum ersten Gegner von Verstappen. Seit Freitag hat Ferrari das Setup umfangreich adaptiert, und im Qualifying war klar: Der SF-26 ist hier das beste Chassis in den Kurven. "Wir verlieren hier nur drei, vier Zehntel auf den Geraden", meint Hamilton. Am Freitag war die Balance im Longrun noch schwieriger gewesen, mit den Änderungen hofft Hamilton für das Rennen auf Fortschritt.

Und dass das Überholen trotz der zwei langen Geraden im Rennen einfach wird, will Hamilton nicht mit Gewissheit sagen: "Auf den langen Geraden hast du immer Straight Mode offen, und die Reifen überhitzen permanent." Das macht es schwierig, durch die Kurven dranzubleiben. Dass der Ferrari brutale Zwei-oder-Dreistopp-Reifenschlachten mit aggressiven drei Stopps gewinnen kann, zeigte Hamilton mit seinem Sieg in Barcelona.

Teamkollege Charles Leclerc startet von Platz vier und glaubt ebenfalls an Chancen: "Das reicht, um an der Spitze mitzukämpfen." Leclerc sprach am Samstag aber schon von einem aggressiven Setup. Das sorgte schon im Qualifying für Übersteuern. Eigentlich baut man in Malaysia Setups, die auf eine Runde untersteuern, weil die Hinterreifen im Rennen thermisch so hart rangenommen werden, dass sie nach wenigen Runden zu schmieren beginnen und die Balance von Unter- auf Übersteuern wechselt. Beginnt man schon mit Übersteuern, endet das üblicherweise mit gigantischem Reifenabbau.

Mercedes & McLaren in Malaysia überraschend im Hintertreffen?

Zwischen den Ferraris sitzt Kimi Antonelli auf einem dritten Startplatz, bei einem enttäuschenden Wochenende. Noch nie war Mercedes 2026 so weit von der Pole abgerissen. "Sie haben hin und wieder starke Runden gefahren, wenn sie die durchgehend morgen schaffen, sind sie schwer zu schlagen", stellt Charles Leclerc fest. Doch Balance-Konstanz ist für den Mercedes mit seinem großen neuen Update aktuell sehr schwierig.

Mercedes durch F1-Update langsamer?! Wolff nach Qualifying-Schlappe ratlos (09:45 Min.)

Außerdem verlor das Auto seinen Topspeed-Vorteil. Liegt es am Update? Liegt es an einem großen neuen Kühlpaket speziell für die kommenden Hitzerennen? Toto Wolff schrieb nach dem Qualifying das Rennen schon ab. Die Rennpace ist nicht besser als die Konkurrenz, und ohne Topspeed wird das Überholen auch schwierig. Antonelli forderte sein Team schon zu aggressiven Strategien: "Sobald wir eine Chance haben, sollten wir Undercuts versuchen."

McLaren enttäuschte im Qualifying mit den Startplätzen 5 und 6 für Lando Norris und Oscar Piastri ebenfalls. Bei ähnlichen Bedingungen in Ungarn hatte Norris Pole und Sieg geholt, doch irgendwas will in Malaysia nicht klappen. Gute Longruns am Freitag lassen die Fahrer bei der jetzt schlechten Ausgangsposition nicht gerade optimistischer werden. "Spektakulär verglichen mit den anderen waren sie nicht, und die verwirbelte Luft wird eine große Rolle spielen", mahnt Piastri.

Außerdem fehlt Lando Norris auf den Geraden immer noch aus unbekannten Gründen Topspeed. Die McLaren-Ingenieure graben seit Baku tief in den Daten der Power Unit, doch es scheint - ungewöhnlich - ein Problem mit dem Verbrennungsmotor, nicht mit dem Elektro-Teil. Und solche Probleme sind deutlich schwieriger zu diagnostizieren und zu beheben.

Abschließende Randnotiz: Natürlich kann es regnen. Wer noch nie einen Malaysia-GP gesehen hat, dem sei hier gesagt: Dann ist alles möglich. Land unter in zwei Minuten, ewige Abbrüche, sofort trocknende Strecke, und bei alldem haben wir die 2026er-Autos sowieso noch nie im Regen gesehen...