Lando Norris ist seit dem letzten Wochenende offiziell nicht mehr amtierender Formel-1-Weltmeister. Der McLaren-Pilot wurde in diesem Jahr praktisch kampflos von Kimi Antonelli entthront. Kampflos deshalb, weil er zu keinem Zeitpunkt der Saison im direkten Titelkampf mit dem Italiener war. Zwei Siege im Sommer erwiesen sich als einziger kurzer Höhenflug.

Für einen Titelträger natürlich eine bittere Pille, wenn man schon im Folgejahr mit der Meisterschaft nichts mehr zu tun hat und, wie Norris im Moment, nicht einmal in den Top 5 liegt. Möchte man jedenfalls meinen… Norris hat eine andere Sicht auf die Dinge. "Ich würde auf keinen Fall sagen, dass dieses Jahr ein Fehlschlag war. Ich denke, das wäre das komplett falsche Mindset", sagte der F1-Weltmeister von 2025.

"Mit meinen zwei Siegen und dem Rennen in Spanien hatte ich das Gefühl, dass ich eine sehr sehr gute Saison hatte", ist Norris überzeugt. In Ungarn und Zandvoort schwamm er auf einer Welle des Erfolges, als Updates an seinem McLaren ihre Wirkung entfalteten und das noch dazu auf zwei Strecken, die dem MCL40 ohnehin lagen. Beim Spanien-GP in Madrid schien ein Sieg von Norris nach einer Fabelrunde im Qualifying so gut wie fix zu sein, ehe eine VSC-Phase zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt ihm die Tour vermasselte.

Abgesehen von seinen beiden Siegen fuhr Norris in Summe nur dreimal auf das Podest, das letzte Mal beim eben angesprochenen Spanien-GP. Dieser liegt inzwischen auch schon fast zwei Monate zurück. "In der Formel 1 werden viel zu viele Dinge nur am Resultat gemessen, […] aber ich habe in vielen Arten das Gefühl, dass ich ein sehr gutes Jahr hatte", sieht Norris darüber hinweg.

Denn der andere Blickwinkel auf seine Saison ist auch, dass er Teamkollege Oscar Piastri im Griff hatte. Im Vorjahr war das Duell gegen den Australier noch eines auf Augenhöhe gewesen, bei dem Norris im Titelkampf lange auf der Verliererstraße unterwegs war. 2026 war er im Schnitt im Qualifying 0,1 Prozent schneller als sein Teamkollege, deutlicher ging die Schere im Rennen auseinander.

QualifyingNORPIA
Duell178
Ø Rückstand-0,1%0,1%
Ø Platz4,525,72
Rennen
Duell117
Ø Platz4,336,81
DNF43
Punkte221142

Norris behauptet: McLaren hat 2026 für WM-Titel geopfert: Stimmt das wirklich?

Norris glaubt, dass man 2026 aus zwei Gründen sowieso immer einen Nachteil hatte. Der erste war die Entwicklung im Vorjahr, als man spät auf 2026 umgestellt habe, um den Titelgewinn nicht zu gefährden. "Wir mussten so hart um die letztjährige Weltmeisterschaft kämpfen. Wir wussten, dass wir dafür den Preis zahlen würden, vor allem wenn es in der Formel 1 solch eine große Regeländerung gibt", glaubt er. "Ich denke, es war fast unmöglich, von einer Titelverteidigung zu träumen."

Aber stimmt diese Erklärung überhaupt? Tatsächlich brachte McLaren 2025 sein letztes größeres Aerodynamik-Update, das über streckenspezifische Flügeladaptionen hinausging, bereits in Silverstone. Danach stellte man die Entwicklung praktisch vollständig ein und war damit in etwa auf einer Linie mit dem Großteil der Konkurrenz. Red Bull entwickelte sogar bis in den Herbst noch auf Hochtouren, um die ferne Titelchance von Max Verstappen zu wahren.

Nur an der Entwicklung kann es also mitnichten gelegen haben, dass McLaren 2026 nicht so gut aus den Startlöchern kam. Aber Norris hat auch noch eine zweite Erklärung parat: Die Power Unit. Bei dieser hatte man vor allem zu Saisonanfang einen klaren Nachteil gegenüber dem Werksteam, das spät bei den Testfahrten noch eine Adaption brachte, welche die Kunden erst mit Verzögerung ausrollen konnten. Dadurch fehlte es McLaren nicht nur an Lerneffekten, sondern auch die Getriebeabstimmung war auf eine etwas andere Power Unit ausgelegt. Ein großes Streitthema zu Saisonbeginn, bei dem Teamchef Andrea Stella nach einer ersten Anklage schnell zurückruderte.

"Als ein Kundenteam von Mercedes haben sich für uns die Dinge natürlich schwieriger gestaltet. Selbst wenn wir das gleiche Auto gehabt hätten, hätten sie uns geschlagen", ist Norris überzeugt. "Der Umstand, dass wir in diesem Jahr Rennen gewonnen haben, ist schon ein großer Erfolg an sich, wenn man bedenkt, wie wir in die Saison gestartet sind."

In der ersten Saisonhälfte plagte McLaren und vor allem ihn selbst nicht nur ein Pace-Nachteil, sondern es machte auch die Zuverlässigkeit große Probleme. In den ersten sechs Grands Prix schaffte es Norris nur dreimal ins Ziel. Verantwortlich dafür waren jeweils Defekte. Die Zuverlässigkeitsprobleme sind seitdem verschwunden.

Lando Norris über Entwicklungskurve besorgt: "Haben wieder abgerissen"

So gut die Entwicklung der Konstrukteursweltmeister der letzten beiden Jahre bis zum Ende der Europa-Saison aussah, sie verlief seither schleppend. Grundlegende Schwachstellen, wie etwa die langsamen kurzen Kurven, konnte man immer noch nicht lösen, und einige Neuentwicklungen entsprachen nicht dem Niveau der Konkurrenz.

Das fällt auch Norris auf, der sich von diesem Trend beunruhigt zeigt: "Der Umstand, dass wir ein bisschen abgerissen sind, tut weh. Die anderen Teams haben in den letzten Monaten große Upgrades gebracht und haben besser zugelegt als wir." Inzwischen sind die Papayas mittlerweile schon seit einigen Wochen nur mehr vierte Kraft.

Auf eine große Änderung des Designs am Seitenkasten und an der Motorverkleidung in Baku folgten weitere Schritte in Austin. Diese machten das Auto in der Theorie zwar nicht unbedingt langsamer, aber wesentlich schwieriger zu steuern. In Austin und Mexiko verzweifelten Norris und Piastri vor allem im Qualifying bei der Suche nach dem Limit.

Das Entwicklungsrennen ist aber noch lange nicht vorbei. Da die Aerodynamik-Regeln für 2027 weitestgehend gleich bleiben, wird in diesem Jahr auch im Herbst noch ordentlich nachgelegt. Sogar beim dritten Rennen des aktuellen Tripleheaders fällt da etwas an: In Brasilien bringt das Woking-Team Neuerungen am Front- und Heckflügel ans Auto, mit denen man gegen Red Bull im Kampf um P3 in der Konstrukteurs-WM zurückschlagen will. Die Bullen haben ihre Entwicklung für das Jahr schon eingestellt, sind im Gegensatz zu McLaren aber mit Max Verstappen am Steuer immer noch siegfähig.