In Monza kehrt die Formel 1 zurück auf eine der Problemstrecken des neuen Reglements, ja, es ist die Problemstrecke schlechthin. Viel Vollgas, wenig Kurven, kaum ein Ort macht das sowieso 2026 schwierige Aufladen der Batterie noch schwieriger. Die leistungsarmen Autos drohen im Qualifying ein Chaos um Windschatten auszulösen, und im Rennen ein Chaos um Überholmanöver.
Das grundsätzliche Problem ist nach Silverstone und Spa längst allen hinlänglich bekannt. Zu großer Vollgas-Anteil bedeutet, dass den Autos auf den Geraden der Strom ausgeht und sie einen Großteil der Vollgas-Passagen nur mit dem Verbrennungs-Motor fahren müssen. Dann hat das Auto effektiv nur mehr die Hälfte der Leistung zur Verfügung.
Dieses Wochenende wird das auf die Spitze treiben. Hatte man in Silverstone und Spa wenigstens kurvige Sektoren, droht Monza ab der Streckenmitte zur Horrorvorstellung zu werden. Nach den zwei mittelschnellen Lesmos gibt es drei aufeinanderfolgende ewig lange Geraden, getrennt nur von der schnellen Ascari-Schikane und der ebenfalls nicht langsamen Parabolica. Die Batterie ausreichend aufladen? Unmöglich.
FIA reduziert Lade-Limit in Monza extrem
Um eine exzessive Lade-Show zu vermeiden, hat die FIA im Vorlauf schon das maximale Lade-Limit im Qualifying bis auf 5 Megajoule reduziert. Das der niedrigste Wert des Jahres, sogar noch niedriger als Österreich - obwohl die dortige Strecke gut eineinhalb Kilometer kürzer war. Nur in Extremfällen dürfte man den Wert noch unter 5 drücken.
"Es ist nicht wie andere Strecken, wo du Leistung hast und es davon abhängt, wo du sie ausgibst, hier gibt es einfach keine Leistung", berichtet Racing-Bulls-Pilot Arvid Lindblad aus dem Simulator. "Es war die konfuseste Simulator-Session des Jahres." Lindblad meint, dass man in Spa und Silverstone noch per Fahrstil dagegen ankämpfen konnte. Mit dem niedrigen Lade-Limit und den fehlenden Ladezonen geht das in Monza auch nicht mehr: "Es war schlimmer als erwartet."
Konkret meinen mehrere Fahrer, dass es wegen des niedrigen Limits womöglich nicht einmal diese mittlerweile berüchtigten Superclipping-Szenen geben wird, wo die Autos auf den Geraden den Verbrenner plötzlich zum Laden der Batterie hernehmen und dadurch bei Vollgas langsamer werden. Stattdessen könnte das Geschwindigkeitsprofil einfach komplett flach bleiben, weil den Autos sofort nach der Kurve schon der Strom ausgeht.
Qualifying-Chaos mit Jagd auf Windschatten in Monza 2026 vorprogrammiert
Zusammengefasst heißt das, dass die Autos den Großteil der Geraden untermotorisiert nur mit dem Verbrenner zurücklegen werden. "Am Ende sind wir 20 bis 30 km/h langsamer als in der Vergangenheit", prognostiziert Lewis Hamilton. Das rückt den Windschatten sofort in den Fokus. Der war schon immer in Monza wertvoll. Aber wenn ein F1-Auto nur mit der Hälfte der Leistung fährt, für die es konzipiert wurde, hat es relativ gesehen viel zu viel Luftwiderstand. Das bedeutet, dass es extrem viel Zeit bringt, sich im Qualifying in den Windschatten des Vordermannes zu klemmen.
"Niemand wird vorneweg fahren wollen", sagt Aston-Martin-Ingenieur Mike Krack und erinnert sich gleich an das berüchtigte Qualifying-Debakel von 2019. Damals waren alle 10 Autos im finalen Q3-Versuch raus aus der Box nur langsam herumgeeiert und hatten versucht, sich gegenseitig die Führung zuzuschanzen, bis ihnen die Zeit ausging und nur einer von ihnen überhaupt eine Runde fahren konnte.
2026 wird insofern problematisch, weil die Umstände mit dem niedrigeren Tempo und der niedrigeren Leistung bedeuten, dass ein dichteres Auffahren im Windschatten mehr bringt. War die optimale Lücke zum Vordermann in den letzten Jahren auf bis zu fünf Sekunden angewachsen, so sollte man sich 2026 weniger als drei Sekunden dahinter einreihen, schätzt Nico Hülkenberg gegenüber Motorsport-Magazin.com.
Sergio Perez meint, dass es in Spa sich schon nur mehr im Bereich von eineinhalb bis zwei Sekunden bewegt hätte. Wie es mit schwächer motorisierten Autos aussehen kann, unterstreicht in Monza Jahr für Jahr die Formel 3. Dort sind farce-artige Vorstellungen wie sie die Formel 1 2019 lieferte praktisch an der Tagesordnung, allerdings mit 30 identischen Autos und unerfahrenen Nachwuchsfahrern. Ob das in Q1 bei 22 Autos auch der F1 blüht, bleibt abzuwarten.
Wie wird sich das Renn-Chaos in Monza 2026 materialisieren?
Energiearmut verursachte dafür in der Formel 1 2026 wenigstens turbulente Rennen mit vielen Überholmanövern, weil ein Fahrer, der ineffizient-aggressiv Energie zum Überholen einsetzt, dann zwei oder drei Geraden lang mit komplett leerer Batterie leidet und wieder zurücküberholt werden kann - das berüchtigte "Jo-Jo-Racing".
Die logische Schlussfolgerung: In Monza folgt der Gipfel. "Es wird wohl ein Allzeit-Rekord werden, oder es wird wie in der MotoGP zugehen", kann sich Mike Krack vorstellen.
"Ich weiß, die Rennen auf den energiearmen Strecken waren nicht jedermanns Ding, aber man kann ihnen nicht absprechen, dass sie unterhaltsam waren", verteidigt George Russell einmal mehr den Unterhaltungsfaktor. "Es wird hin und her gehen, es kann auch schiefgehen. Wenn dir die Energie ausgeht, ist ein Konter sehr schwierig, aber jeder sitzt im gleichen Boot. Ich denke, es wird ein recht cooles Rennen."
Andere sind sich da nicht so sicher. Weil die Energie-Armut in Monza so extrem ist. "Die ersten drei Runden werden interessant", prognostiziert Arvid Lindblad. "Danach weiß ich nicht. Der Unterschied selbst zu den energiearmen Strecken ist, dass du dort eine Runde brauchst, um dich nach einem Boost wieder zu erholen. Du bist zwei oder drei Geraden langsam, dann geht es wieder. Hier ist das viel länger."
"Hier überholst du jemanden und verlierst dann eineinhalb Sekunden", fürchtet Lindblad. Manche Fahrer sind aber nach den letzten energiearmen Strecken vorsichtiger mit ihren Prognosen. "Spa und Silverstone, da war ich zu Beginn des Wochenendes auch etwas skeptisch, wie sich das Auto auf diesen Strecken anfühlen würde, und dann war es viel besser als ich erwartet habe, als wir gefahren sind", erinnert sich Charles Leclerc.
Für 2027 kämpft die Formel 1 mit erhöhtem Benzin-Durchfluss gegen die schlimmste Energie-Armut. Das erzwingt nun allerdings das Verkürzen der Renndistanz. Diesbezüglich wurden sich die Teams in Monza einig. Mehr dazu gibt es hier:



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