Die Formel 1 startete mit energiehungrigen Strecken in ihre neue Ära, doch die Leistungs-Debakel von Australien und Suzuka sind inzwischen Monate her, und viele mögen sie vergessen haben. Das wird sich dieses Wochenende in Silverstone ändern. "Es wird das beispielloseste Wochenende in Sachen Energie", kündigt Lewis Hamilton am Donnerstag an. "Die Fahrer sprechen im Fahrer-Chat alle darüber, wie mies das Deployment ist."
"Wartet auf morgen", unkt Fernando Alonso vielsagend, als er darauf angesprochen wird, ob es so schlimm wird wie die Kurven 9 und 10 in Australien. Diese Highspeed-Schikane hatte gleich zu Saisonbeginn das Schlechteste des neuen Reglements demonstriert. Denn solche Kurven sind mit diesen Hybrid-Motoren am effizientesten als "Ladestationen" zu nutzen, wie sie Alonso nennt.
Es ist technisch am sinnvollsten, vor und in diesen Kurven langsam zu fahren und auch den Verbrenner teilweise zum Laden der Batterie zu nutzen, um die Energie effizienter auf den Geraden einzusetzen. Die Folge, wie es Alex Albon beschreibt: "Es gibt in der Formel 1 quasi keine Highspeed-Kurven mehr." Genau das macht Silverstone zu so einem Albtraum. Das ist nicht Australien mit einer einzelnen Stelle. Silverstone besteht zu einem großen Teil aus legendären Highspeed-Kurven.
Ladestationen statt Kurven in Silverstone: Klassische Passagen zerstört?
"Es war ein traumhafter Kurs, besonders mit den Ground-Effect-Autos war Silverstone wohl die beste Strecke, einfach perfekt", trauert Alonso. "Dieses Jahr wird es sehr anders. Das Fahren wird keinen Spaß machen. Wenn ich mir den Simulator und so anschaue, wird es für uns Fahrer und auch für die Zuschauer ziemlich traurig werden."
Die erste Hälfte der Strecke ist noch zu managen. Man kann hinein in die Village-Haarnadel, und dann hinein in Brooklands auf der Bremse die Batterie aufladen. Dann aber wird es übel. "Uns geht hin zu Copse die Energie aus", beschreibt es Lewis Hamilton. "Normalerweise kommst du dort mit kreischendem Motor an, absolut am Limit. Dieses Jahr wirst du rollen, wahrscheinlich bei Vollgas runterschalten, um die Drehzahl höher zu halten."
Und das ist erst der Anfang. Denn vor Copse und dann durch Maggots und Becketts bremst man in einem Formel-1-Auto nirgends. In Chapel stupst man das Bremspedal kurz an. Bis Stowe gibt es also keine gute Möglichkeit, Bremsenergie zu sammeln. "Maggots und Becketts ist nicht dasselbe", so Hamilton. "Du musst mit Lift-and-Coast durchrollen. Es ist eine völlig andere Strecke."
Bittere Realität: Silverstone passt nicht zur neuen Formel 1
"Das war eine Strecke, wo die Mutigen im Qualifying den Unterschied gemacht haben", sagt Charles Leclerc. "Mit viel Leistung in die schnellen Ecken rein, bei hohem Tempo mit dem Limit spielen. Jetzt sind das wegen dem ganzen Clipping mittelschnelle Stellen. Ich weiß nicht genau, was ich erwarte. Ich habe eine Ahnung, aber auf jeden Fall wird es nicht so besonders sein wie früher."
Fundamental lässt sich das mit dem aktuellen Reglement nicht richten. "An vielen Stellen wirst du einfach langsamer, dieses Layout ist nicht für die aktuelle Motorformel gemacht", spricht Max Verstappen Klartext über eine der berühmtesten Strecken der Formel 1, die davor eigentlich seit Jahren als eine der besten im Kalender galt. "Es ist, schätze ich, einfacher zu fahren, aber zugleich tut es richtig weh, weil jeder Input noch wichtiger ist."
Denn jeder kleinste Fehltritt, den der Fahrer jetzt macht, kostet ihm auf eine andere, ganz besonders grausame Art Rundenzeit. Nämlich zehn Sekunden später auf einer Geraden, wenn er weniger Elektro-Power zum Einspeisen hat. Und diese "Fehltritte" sind keine klassischen Fahrfehler, sondern besser bezeichnet als Systemfehler, wenn der Fahrer etwas in der Kurve tut, was die Elektronik beim Laden nicht erwartet hat.
Geänderte Formel-1-Regeln helfen nicht: Max Verstappen möchte noch mehr
"Manchmal werden wir Fälle haben, wo es ultimativ schneller ist, wenn du langsamer durch eine Kurve fährst, etwa indem du länger mit dem Gasgeben wartest", hebt Sergio Perez hervor. "Diese Art von Spielchen wird hier recht kritisch sein." Dass in Miami hier Regeln angepasst wurden, hat das nicht eliminiert, und auf einer Strecke wie Silverstone wird es so schlimm wie noch nie hochkochen, unterstreicht Verstappen: "Sogar in Österreich hast du in Kurven unnatürliche Dinge getan."
Kann die Fahrer-Kritik womöglich aber eine Notfall-Änderung in letzter Sekunde anleiern? Nachdem sich die Fahrer nach ihren letzten Simulator-Sessions der Schwere der Lage bewusst wurden, wurde ihr Austausch immer expliziter, und drang schließlich auch an die oberen Stellen. "Natürlich bin ich in Kontakt mit Formel 1 und FIA", verrät Verstappen.
Interessanterweise wurde das finale Power-Unit-Infodokument, welches die streckenspezifischen Energiemanagement-Vorgaben enthält, am Donnerstag Stand 18:00 Uhr noch nicht veröffentlicht. "Es gab, glaube ich, ein paar Last-Minute-Gespräche, was wir tun können, um dem Deployment zu helfen", bestätigt Alex Albon, dass hier tatsächlich sich noch etwas tun könnte.
Formel 1 mit Spa schon vor nächstem Motor-Problem
Das Thema wird die Formel 1 nicht nur in den nächsten Tagen, sondern Wochen unweigerlich beschäftigen. Mit Spa-Francorchamps und Monza kommen zwei weitere Kurse, von denen jeder bereits weiß, dass es eine Energie-Horrorshow wird. "Wenn du in Spa von Kurve 1 bis Kurve 5 einspeist, dann ist Schluss für den Rest der Runde", mahnt Alonso. "Wenn du auf diesen beiden Geraden einspeist, was optimal ist, hast du eine Minute lang null Energie."
"Dann dürfen wir nicht vergessen, dass wir dieses Jahr deutlich weniger Leistung als im Vorjahr haben, und weniger Leistung als die Formel 2", warnt Alonso davor, wie das in Spa aussehen könnte. Wenn man sich an irgendetwas Positives festklammern will? Vielleicht die Action im Sprint und Rennen. "Von außen wird es toll aussehen", meint Lando Norris. Teils auch, weil unterschiedliches Energie-Management Chaos auslösen kann. Ob das hochwertiger Motorsport ist, muss jeder für sich entscheiden.



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