Guten Appetit, Nyck de Vries! Mittagessen mit dem Toyota-Werksfahrer am Rande des WEC-Saisonfinales in Monza. Rolex hat zu Tisch gebeten.
Neben Pizza und Pasta haben wir endlich mal Zeit, ausführlich über seinen Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans zu sprechen. Zeit ist ein teures Gut beim Niederländer, der mit seinen Engagements in der WEC, Formel E und Co. auf locker 150 Flüge pro Saison kommt.
Nyck, du bist Formel 1 gefahren, Formel-E-Weltmeister geworden und hast dieses Jahr mit Toyota zum ersten Mal die 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Wie ordnest du diesen Erfolg in deiner Karriere ein?
Nyck de Vries: Le Mans ist ein unglaublich großes Rennen im Motorsport. Ich würde sagen, es ist eines der größten Rennen überhaupt, neben dem Formel-1-Grand-Prix von Monaco oder dem Indy 500. Le Mans steht wirklich ganz weit oben. Ich persönlich lebe lieber in der Gegenwart, und in dieser Saison stand es auf meiner Prioritätenliste ganz weit oben, dort um den Sieg zu kämpfen und Le Mans zu gewinnen. Ich war so dankbar, dass alle Sterne richtig standen und alles zusammengepasst hat, als es darauf ankam, und dass wir gemeinsam mit dem Team alles richtig umgesetzt und abgeliefert haben.

Ein Spaziergang war es nicht für Toyota. BMW hat euch im Rennen lange Zeit einen harten Kampf geliefert...
Nyck de Vries: Die Konkurrenz war extrem stark. In Le Mans muss man zum richtigen Zeitpunkt konkurrenzfähig sein. Wenn ich mir das Rennen anschaue, waren der Cadillac und die BMW in der Nacht sowie am frühen Morgen meiner Meinung nach schneller als wir. Wir waren stark, wenn es heiß war und der Reifenverschleiß etwas höher lag. Direkt nach dem Rennstart waren wir stark, und auch am Ende des Rennens. Das kann man aber nicht planen. Die Bedingungen müssen passen. Ein Safety-Car vier Stunden vor Schluss hat uns wieder voll ins Rennen gebracht. Wir waren zur richtigen Zeit auf den richtigen Reifen. Deshalb wäre es aus meiner Sicht falsch, dafür die Anerkennung für sich zu beanspruchen. Man muss einfach die Gesetze von Le Mans respektieren. Wie man so schön sagt: Le Mans sucht sich seine Sieger selbst aus. Für mich ist das ein riesiger Meilenstein. Alle anderen im Team hatten bereits mehrere Erfolge und Meisterschaften im Langstreckensport erzielt. Ich war gewissermaßen der Grünschnabel, der noch übrig war. Es ist einfach schön, diese Last endlich loszuwerden und selbst zu erleben, wie sich das wirklich anfühlt.
Le Mans ist nur ein einziges Rennen, während du in anderen Serien eine komplette Saison lang um den großen Triumph kämpfst. Macht das in deiner Wahrnehmung einen Unterschied?
Nyck de Vries: Le Mans findet nur einmal im Jahr statt. Ich bin mittlerweile schon einige Male dort gefahren, einschließlich meiner Einsätze in der LMP2 und meiner drei Jahre mit Toyota, insgesamt fünfmal. Am Ende in einer Position zu sein, in der man um den Sieg kämpfen kann, ist genau das, wofür man lebt und arbeitet. Denn was niemand sieht, ist, dass wir schon vor Jahresende zwei Langstreckentests in Frankreich und Portugal absolvieren. Wir fahren durch die Nacht, man wacht auf und fährt zwei Stunden über die Strecke, im Regen, im Trockenen, in der Kälte. Da steckt unglaublich viel Arbeit dahinter. Es ist praktisch ein zwölfmonatiger Vorbereitungszyklus. Ich denke, dabei baut sich sehr viel auf.

Und dadurch baut sich eine größere Erwartung auf als bei anderen Langstreckenrennen?
Nyck de Vries: Ich würde es nicht unbedingt Erwartungshaltung nennen, aber man entwickelt eine enorme Vorfreude auf dieses spezielle Rennen. Und wenn dann der Moment kommt, in dem man die Chance hat, zu gewinnen und um den Gesamtsieg zu kämpfen, weiß man plötzlich, dass man es jetzt schaffen muss. Ich glaube, die Emotionen sind dadurch viel stärker, auch, weil man zehn Tage dort ist. Das gesamte Rennen ist eine Achterbahnfahrt. Es gab während des Rennens viele Phasen, in denen wir dachten, dass wir keine Chance mehr hätten. Bei einem Sprintrennen weiß man oft schon von Anfang an, ob man eine Chance hat, eine gute Leistung zu zeigen oder nicht. In Le Mans kann man 20 Stunden lang einen großartigen Job machen und trotzdem ausfallen.
Erinnerst du dich noch an dein erstes Gefühl kurz nach dem Zieleinlauf in Le Mans?
Nyck de Vries: Ich war einfach dankbar. Im Laufe einer Karriere erlebt man Höhen und Tiefen. Ich hatte viele gute Tage und schlechte Tage. Ich hatte eine schwierige Zeit in der Formel 1. Dann bin ich hierhergekommen und bin sehr glücklich mit dem, was ich jetzt mache. Aber ich musste dieses Rennen eben noch gewinnen. Ich hatte es bis dahin noch nicht geschafft. Und jedes Jahr wartet man wieder darauf. Irgendwie wird diese Last immer schwerer.

Wie fielen die Reaktionen in deiner Heimat aus? Hat sich durch den Sieg in Le Mans etwas in deiner Wahrnehmung verändert?
Nyck de Vries: Offen gesagt verfolge ich das nicht. Ich beschäftige mich nicht unbedingt damit, wie groß die Aufmerksamkeit ist. Und ich fahre keine Rennen für die Niederlande. Das meine ich nicht respektlos, aber ich fahre für Toyota und für mich selbst. Mir sind die Menschen wichtig, mit denen ich zusammenarbeite, und unsere gemeinsamen Ambitionen. Ich war der dritte Niederländer. Vor mir gab es Gijs van Lennep und Jan Lammers. Das hatte man mir erst vor dem Wochenende erzählt. Ich hätte das selbst nicht gewusst, und wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch nicht besonders wichtig.
Du teilst dir den #7 Toyota mit Kamui Kobaysashi und Mike Conway. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit unter Teamkollegen und auch mit dem Schwesterauto?
Nyck de Vries: Ich denke, dass wir als Team mit beiden Fahrzeugbesatzungen wirklich als eine Einheit arbeiten. Das klingt natürlich sehr klischeehaft, weil wahrscheinlich jeder im Fahrerlager dasselbe behaupten würde. Aber wenn man sich anschaut, wie wir die Dinge umsetzen und zusammenarbeiten, dann ist das meiner Meinung nach ein Beweis dafür, wie gut wir als Team funktionieren. Offen gesagt glaube ich, dass wir dieses Jahr nur ein einziges Rennen durch reine Performance-Dominanz gewonnen haben, und das war Barcelona. Die meisten anderen Rennen haben wir durch operative Abläufe und die Umsetzung gewonnen. Und so etwas entsteht nicht über Nacht. Es gibt kein Wundermittel für den Erfolg. Es geht immer um die vielen kleinen Verbesserungen über einen längeren Zeitraum. Toyota spricht dabei gerne von der 'Kaizen-Kultur'. Dabei geht es um diese kontinuierlichen kleinen Verbesserungen. Das gilt auch für unsere Fahrzeugbesatzungen und Fahrer. Wir ergänzen uns sehr gut. Jeder bringt unterschiedliche Qualitäten ein.

Oftmals heißt es, dass in der WEC eigentlich alle nur auf den Sieg in Le Mans hinarbeiten und die WM an sich gar nicht so wichtig sei. Wie siehst du das?
Nyck de Vries: Ich glaube, bis Juni beziehungsweise bis Le Mans sagen das alle. Aber sobald Le Mans vorbei ist, muss ich sagen, dass ich das bereits vergessen habe. Ich schaue nach vorne und darauf, was es jetzt noch zu gewinnen gibt. Deshalb wollen wir diesen Titel auf jeden Fall unbedingt holen.
Le Mans hast du gewonnen, die Fahrer-WM könnte folgen. Schaust du auf die Erfolgs-Statistiken?
Nyck de Vries: Für mich ist das ein Lebensstil. Ich werde niemals damit fertig sein, Leistung zu bringen und gemeinsam zu versuchen, der Beste in dem zu sein, was wir tun. Ich liebe diesen Prozess einfach. Es geht nicht um eine Rekordliste oder darum, einmal Le Mans, eine Meisterschaft oder mehrere Meisterschaften zu gewinnen. Ob es ein, zwei, drei, vier oder fünf Titel sind, spielt keine Rolle. Es geht einfach um die kontinuierliche gemeinsame Arbeit, die notwendig ist, um diese Ergebnisse zu erreichen. An manchen Tagen müssen wir mit Platz fünf zufrieden sein, und an anderen Tagen können wir sogar enttäuscht sein, obwohl wir gewonnen haben. Das ist natürlich übertrieben, aber es geht einfach um die gemeinsame Arbeit, die erforderlich ist, um als Team Leistung zu bringen.
Es ist bekannt, dass du ein Fan von schönen Uhren bist. Für den Sieg in Le Mans gab's eine spezielle Rolex-Uhr, eine weitere winkt beim Sieg in der Fahrer-WM. Was bedeutet es dir, so etwas zu besitzen?
Nyck de Vries: Ich würde nicht sagen, dass ich für die Uhr Rennen fahre, auch wenn ich Rolex-Testimonial bin. Natürlich ist das am Ende eine großartige Belohnung. Aber was sie mit sich bringt, sind Erinnerungen. Wir sprechen gerade über Le Mans, und offen gesagt denke ich im Moment gar nicht mehr an diesen Sieg. Das meine ich überhaupt nicht respektlos, denn ich bin sehr dankbar, dass wir dieses Jahr gewonnen haben. Aber jetzt leben wir in der Gegenwart und in der Zukunft. Wir schauen nach vorne auf die neuen Dinge und Ziele, die wir gemeinsam erreichen wollen. Wenn man die Uhr allerdings am Handgelenk trägt, erinnert sie einen immer an diesen Moment. Ich habe schon angefangen, Uhren zu sammeln, bevor ich mit Rolex zusammengearbeitet habe. Für mich geht es darum, einen Erfolg, eine Emotion und ein Erlebnis mit etwas Greifbarem zu verbinden, das man bei sich trägt und das einen daran erinnert.

Muss sich besonders gut anfühlen, wenn man eine Le-Mans-Sieger-Rolex am Handgelenk trägt...
Nyck de Vries: Eine kleine Anekdote dazu: Nach Le Mans bin ich am Montag nach Hause geflogen. Meine Freundin hat mich am Flughafen abgeholt, und ich bin direkt zum Rolex-Händler in Monaco gegangen, um das Armband anpassen zu lassen! Direkt danach ging es weiter zu einem Formel-E-Rennen, und da habe ich die Uhr dann fast schon demonstrativ mit sehr viel Stolz durchs Fahrerlager getragen. Und noch etwas...
Ja, bitte?
Nyck de Vries: Ich finde, dass Uhren getragen werden müssen. Ich mag es nicht, wenn noch die Schutzfolien darauf sind. Ich liebe es fast schon, wenn sie ein bisschen angekratzt sind und man sieht, dass sie benutzt wurden.
Hast du schon mal ein 'unmoralisches Angebot' von einem Uhrenhändler bekommen? Die Rolex-Uhren für Siege in Le Mans oder Daytona sollen sechsstellige Preise auf dem Schwarzmarkt erzielen, haben wir gehört.
Nyck de Vries: Ich verkaufe meine Uhren nicht! Ich kaufe auch keine Uhren, um sie wieder zu verkaufen. Das ist eine Sammlung, und das sind meine persönlichen Erinnerungsstücke. Schau mal: Ich besitze eigentlich nichts in meinem Leben. Ich habe keine Autos, keine Häuser, nichts. Ich besitze nichts, außer ein paar Uhren. Deshalb verkaufe ich sie nicht. Sie sind für mich da, für meine persönlichen Erinnerungen.
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