Jeden zweiten Sonntag sitzt Gerhard Berger wie Millionen von F1-Fans vor seinem Fernseher, freut sich auf ein spannendes Rennen, erhält per Anruf von der Strecke die letzten Informationen und drückt Christian Klien, BMW, Ferrari und seinen vielen Bekannten aus der Königsklasse die Daumen.

"Ich habe bis jetzt keinen Grand Prix verpasst", stellt der Österreicher das genaue Gegenteil zu Damon Hill dar. Der Ex-Weltmeister gestand zuletzt, dass er sich die heutigen F1-Rennen überhaupt nicht mehr ansieht.

"Ich habe ehrlich gesagt seit Jahren kein Rennen mehr gesehen", verblüffte Hill unseren britischen Kollegen Matt Bishop vom F1 Racing Magazine. "2005 habe ich kein einziges Rennen angeschaut." Und Damon "denkt noch nicht einmal" darüber nach sich einen Grand Prix anzusehen.

Sie können es nicht lassen: Berger als Ducati-Beifahrer., Foto: Sutton
Sie können es nicht lassen: Berger als Ducati-Beifahrer., Foto: Sutton

"Die Emotionen die mich einst mit der F1 verbunden haben sind verschwunden. Allerdings möchte ich nicht, dass man denkt ich würde die F1 nicht respektieren. Ich habe sie lange Zeit bewundert, jetzt sehe ich sie als faszinierendes Geschäft, aber auch als frustrierenden Sport."

Wie bei Hill ist das Feuer auch bei Berger geringer geworden; allerdings ist es noch nicht ganz erloschen. "Vor allem kurz vor dem Start, bei der Startaufstellung, kommen Erinnerungen aus der eigenen Zeit zurück", verriet er dem Trend. "Es sind ja die meisten Strecken noch dieselben. Da gibt´s die eine oder andere Emotion. Aber insgesamt sehe ich es als Geschäft. Nervös bin ich nicht, wenn ich vor dem Fernseher sitze."

Jacques Villeneuve 'durfte' diese Perspektive im Jahr 2004 ebenfalls eine Zeit lang 'genießen'. Dem Kanadier sagte sie aber nicht zu: "Als ich neun Monate lang am Fernseher zusehen musste, war ich nach 5 Runden verloren und wusste wie die Fans sich fühlen müssen."

Im Gegensatz zu Villeneuve empfindet Berger es nicht als schlimm, wenn er nicht alle strategischen Finessen kennt. "Ich schau gerne aus einem gewissen Abstand zu und finde auch die Perspektive ganz toll, sich in die Rolle des Fans zu versetzen und nicht jedes strategische Detail zu wissen." Allerdings gestand der Österreicher auch ein, dass er vor dem Rennen hin und wieder einen Anruf seiner Freunde bekommt, um ihm zu verraten "wer mit welchen Reifen und mit welcher Strategie unterwegs ist".

Abseits der Fernsehgewohnheiten an jedem zweiten Sonntag des Monats verlaufen die Karrieren von Damon und Gerhard relativ ähnlich. Beide sind erfolgreiche Geschäftsleute.

Während Hill mehrere Audi- und eine BMW-Niederlassung besitzt und als Mitbesitzer in das Unternehmen P1 International involviert ist, kümmerte sich Berger in den letzten zwei Jahren um die Spedition seines Vaters.

Sie können es nicht lassen: Hill beim GP2-Test., Foto: Sutton
Sie können es nicht lassen: Hill beim GP2-Test., Foto: Sutton

"Wir haben immerhin 350 Angestellte. Mein Schreibtisch ist voll von verschiedenen Projekten. Man schaut, dass sein Geld idealerweise mehr wird. Ich habe immer auch gern gedealt. Geschaut, wo man etwas Brauchbares kaufen und verkaufen kann. Das macht auch Spaß", sagt Berger. "Da kann ich mir die Zeit völlig frei einteilen, ganz anders als im Motorsport. Das ist ein Luxus, den ich schon lange nicht mehr gehabt habe."

Ein Luxus der dafür verantwortlich ist, warum Berger nicht in die F1 zurückkehren möchte; jedenfalls noch nicht. "Ich will mich nicht während der Woche nach England setzen, an den Wochenenden dann bei den Rennen sein und meine Frau, meine Kinder alleine lassen", sagt er über ein mögliches Engagement bei Red Bull Racing.

Allerdings möchte er eine Rückkehr in die Königsklasse nicht ganz ausschließen. "Es kann sein, dass ich eines Morgens aufstehe und das Gefühl habe: Ich brauch es wieder. Dann mach ich es."

Damon Hill wird es höchstwahrscheinlich nicht so ergehen. Ihm gefällt die Welt als Autohändler und Familienvater. Schließlich gilt es vier Kinder, drei Hunde, eine Katze und eine Ehefrau zu versorgen. "Meine Familie ist der wichtigste Teil meines Lebens", sagt er. "Ich bin sehr glücklich diesen Teil meines Lebens genießen zu können, nachdem ich mein Leben vorher als Rennfahrer riskiert habe."