Ein Vorsprung von 13,078 Sekunden auf Charles Leclerc und von 17,485 Sekunden auf Max Verstappen, das ist zuerst einmal kein enges Rennen, sondern ein deutlicher Sieg von Kimi Antonelli bei der Formel 1 in Austin. Diese Deutlichkeit ist aber keine reine Frage der Dominanz. Die Herausforderer brachten sich teils selbst zu Fall, zeigt die Analyse, und hätten um einiges herausfordernder sein können.

Mehrere Vorentscheidungen hierfür waren dabei schon am Samstag im Qualifying gefallen. Da as Reglement der Formel 1 begrenzt, wie viele Reifensätzen ins Rennen mitgenommen werden dürfen, müssen sich Teams schon am Samstag bis zu einem gewissen Grad strategisch festlegen. Mercedes traf eine klare Wahl: Man fuhr sorglos alle vier verbleibenden Soft-Reifen im Qualifying an und ließ nur einen Hard und einen Medium pro Fahrer unbenutzt. Einen klareren Einstopp-Indikator gibt es nicht.

HardHardMediumMediumSoftSoft
neualtneualtneualt
ANTONELLI101104
VERSTAPPEN101023
HADJAR101023
LECLERC101014
HAMILTON102004
RUSSELL101104
PIASTRI101104
NORRIS102004

Leclerc und Verstappen sparten sich zusätzlich Soft. Die Zweistopp-Logik war in Gang gesetzt worden. Für diese Entscheidung gibt es mehrere Gründe. Erst einmal ist es in Austin meist warm, mit Asphalttemperaturen von jenseits der 30 Grad, und in den Highspeed-Kurven leiden vor allem die Hinterreifen. Zwei Stopps waren in der Vergangenheit oft die Sieger-Strategie.

Warum wählten Ferrari & Red Bull die falschen Reifen?

2026 trieb Angst vor dem Hard-Reifen Ferrari und Red Bull weiter in diese Richtung. Seit Monaten wiederholt sich hier nämlich sonntags ein Szenario: Die harten Mischungen haben relativ zu den weicheren oft deutlich weniger Grip, rutschen zu viel, und sind schwierig in ein konstantes Arbeitsfenster zu bekommen. Als Konsequenz sind die in der Theorie schneller verschleißenden weichen Reifen viel besser, weil konstanter.

Die harten Reifen bieten nicht nur keinen Pace-Vorteil, sondern wegen des Herumrutschens auch keinen nennenswerten Verschleiß-Vorteil. Statt auf einen Medium-Hard-Eiertanz auf griparmen Reifen antizipierten Ferrari und Red Bull also eine Zweistopp-Kombination aus Soft und Medium. Verstappens früher erster Stopp in Runde 13, gefolgt von Lewis Hamilton in Runde 15 und Leclerc in Runde 16, verdeutlichte das.

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Die Ferrari-Strategen hatten die Medium-Hard-Einstopp, an der Antonelli festhielt, als nicht sinnvoll herausgerechnet, das bestätigt Leclerc nach dem Rennen: "Basierend auf unseren Zahlen würde er gegen Ende des Rennens in Bedrängnis kommen. Aber er kam nie gegen Ende des Rennens in Bedrängnis."

Während Ferrari auf Soft startete und dann auf Medium wechselte, war Red Bull mit zwei Mal Soft noch aggressiver unterwegs. Etwas, das Verstappen schon direkt nach dem Stopp anzweifelte. Denn bereits in den ersten Runden hatte sich der Soft-Fokus als zunehmend fragwürdig herausgestellt. An keinem Punkt waren Verstappen und Leclerc in der Lage, ihren vermeintlich besseren Soft-Grip auszuspielen und zu Antonelli aufzuschließen, nachdem sie sich mit einem Duell in der ersten Runde gegenseitig zwei Sekunden gekostet hatten.

Ferrari liegt mit Reifen-Taktik falsch, Max Verstappen erst recht

Bei Red Bull gab es noch einen guten Grund, diesen Weg einzuschlagen. Der RB22 ist generell ein Auto, dass sich mit dem zusätzlichen Grip weicherer Reifenmischungen besser verträgt. "Heute hatten wir Probleme, diesen Vorteil auszuspielen", überlegt Teamchef Laurent Mekies nach dem Rennen. "Wir litten mit Max auf den zwei Soft-Sätzen an recht hohem Abbau."

Red Bull legte mit dem Festhalten an weicheren Mischungen den Grundstein für das Verlieren des zweiten Platzes an Ferrari. Auf seinem zweiten Soft-Satz wurde Verstappen vom mediumbereiften Leclerc bedrängt und in Runde 31 zum defensiven vorzeitigen zweiten Stopp gezwungen. Red Bull wechselte nun auf Medium, wieder falsch. Mittlerweile zeichnete sich nämlich bereits ab, dass der Hard wider Erwarten der beste Reifen war. Leclerc wechselte in Runde 38 auf Hard. Mit dem war er im Schluss-Spurt eineinhalb Sekunden pro Runde schneller als Verstappen, dem er in Runde 49 den zweiten Platz auf der Strecke abnahm.

Antonelli war aber selbst für Ferraris "richtige" Version der Zweistopp-Strategie außer Reichweite. Selbst wenn er keinen Verstappen vor sich gehabt hätte und kein spätes Virtuelles Safety Car gekommen wäre, so schien Leclerc am Ende nicht in der Lage, mehr als eine Sekunde pro Runde auf Antonelli aufzuholen. Selbst im besten Fall hätte Antonelli 6 Sekunden Vorsprung über die Linie gerettet.

War Kimi Antonelli mit der McLaren-Strategie zu schlagen?

Mercedes hatte also absolut recht, an der Einstopp-Strategie festzuhalten, als Verstappen und Leclerc zum ersten Mal stoppten. Das Rennen war eine Nervenprobe, gesteht Antonelli später: "Es war überraschend, nachdem der Soft in den letzten Rennen immer der beste Reifen war. Eine gute Überraschung, zum Glück klappte es für uns."

Ferrari und Red Bull machten diese Entscheidung einfacher, indem sie auf Medium respektive Soft wechselten und damit ihre Zweistopp-Absichten telegrafierten. Sie hätten aber noch etwas anders machen können - und hier kommt McLaren ins Spiel. Die waren zwar in Austin nirgends. Lando Norris zockte mit einer Medium-Hard-Einstopp mit einem Wechsel schon in Runde 16, wurde aber von den Zweistoppern Leclerc, Verstappen und Hamilton locker abgefangen.

McLarens Strategie zeigt dennoch ein interessantes Szenario. Mit ihrem frühen Wechsel auf Hard konnten Norris und Oscar Piastri Undercuts exekutieren. Norris gewann zwei Positionen gegen Isack Hadjar und George Russell, Piastri eine gegen Russell, und er demonstrierte auch, dass er selbst mit sieben Runden älteren Hards Russell 40 Runden bis ins Ziel hinter sich halten konnte, ohne langsamer zu werden.

Leclerc und Verstappen hätten durchaus die McLaren-Idee kopieren können - beim ersten Stopp direkt auf Hard wechseln und durchfahren, dafür war der Hard robust genug. Sie hätten einen Undercut gegen Antonelli gefahren, der mit 12 respektive 11 Runden frischeren Hard 10 respektive 8 Sekunden hinter Verstappen und Leclerc zurück auf die Strecke gekommen wäre.

Wäre das ein ausreichender Reifen-Vorteil für Antonelli gewesen, um zu überholen? Das wird sich rückblickend nicht mehr sagen lassen, auch weil offen bleibt, ob Russells schwache Form im Rennen zu seinen Problemen mit Piastri beigetragen hat.

Antonelli war letztendlich stärkster Fahrer im Rennen. Sein Zeitenschnitt aller freien Runden (ohne Stopps und VSCs) betrug 1:40,4. Leclerc schaffte zwar 1:40,2 - weil er einen zusätzlichen Stopp fuhr, muss ein boxenstoppbereinigter Schnitt aber eigentlich deutlich besser sein, weil er weniger Reifenmanagement verlangt. Dass Antonelli mit mehr Management nur zwei Zehntel im Schnitt verlor, zeigt klar: Er war der verdiente Sieger.