"Schaust du kein Qualifying?! Wir nehmen Soft", schimpfte Lando Norris vier Runden vor Ende des Formel-1-Rennens in Austin mit seinem Renningenieur Will Joseph. Dieser wollte seinen Fahrer während des virtuellen Safety-Cars in Runde 52 nur auf einen möglichen Boxenstopp vorbereiten, falls die Rennleitung das Safety-Car rausschicken sollte. Dass er Norris dabei den Medium-Reifen anbot, stieß dem amtierenden Weltmeister sauer auf, auch wenn der kleine Disput direkt nach dem Rennen schon wieder vergessen war.
Vier Runden vor Schluss aber nicht den schnellsten Reifen, mit dem auch die Qualifying-Bestzeiten aufgestellt wurden, aufzuziehen, wäre dennoch eine etwas riskante und unkonventionelle Entscheidung von McLaren gewesen - auch wenn der vorgeschlagene Medium-Pneu brandneu gewesen wäre.
F1-Podium verpasst! Norris zahlt Preis für frühen Boxenstopp
Denn Norris hatte bereits im ersten Stint mit dem C3 seine Schwierigkeiten, was den Vorschlag seines Renningenieurs noch kurioser erscheinen lässt. Der Brite wechselte bereits nach nur 16 Rennrunden auf die härteste Pirelli-Mischung, obwohl das vorgeschlagene Boxenstoppfenster für den Medium zwischen Runde 21 und 27 lag. "Ich habe mir mit dem Medium sehr schwergetan", erklärt Norris den frühen Boxenstopp beim Grand Prix der USA. "Die Pace auf dem Hard war dann für eine Weile sehr gut, aber ich musste das Auto am Limit fahren, um mitzuhalten."
Das wurde dem McLaren-Piloten im zweiten Stint zum Verhängnis. Mit seiner Ein-Stopp-Strategie wollte er Max Verstappen und Charles Leclerc hinter sich halten, die beide auf eine Zwei-Stopp-Strategie setzten, und seinen zwischenzeitlichen zweiten Platz verteidigen. Sein Reifennachteil auf dem Circuit of the Americas war am Ende aber zu gravierend. "Ich hatte gehofft, mit dem harten Reifen eine bessere Chance zu haben, aber er hat einfach zu schnell abgebaut", so Norris, der mit dem C2 durch seinen frühen Stopp einen Tagesrekord von 39 Runden aufstellte.
Seine Konkurrenzfähigkeit im Rennen bewertete der amtierende Weltmeister aber grundsätzlich positiv. "Ich war überrascht, dass wir am Ende noch so stark waren mit den alten Reifen", freut sich Norris, bleibt aber dennoch realistisch. "Es war klar, dass, wenn ich mich mit dem Boost verteidige, Verstappen ziemlich leicht vorbeikommen wird. Danach hatte ich Dirty Air und für jeden weiteren war es dann ein leichtes Spiel."
So verlor Norris seine Position nicht nur an den Niederländer, sondern auch an beide Ferrari-Piloten, die mit den neuen harten Reifen einen klaren Pacevorteil hatten. "Es war einfach unmöglich, sie hinter mir zu halten. Vor allem Charles, der eine unglaubliche Geschwindigkeit auf den weichen Reifen hatte", meinte Norris, der mit seinem fünften Platz dennoch mehr als zufrieden war. "Platz fünf klingt zwar nicht sonderlich toll, aber ich hatte das Gefühl, es war heute ein gutes Rennen und wir haben das Maximum rausgeholt."
Teamorder-Taktik in Austin: McLaren setzt auf Norris' Superkraft
Auch Andrea Stella zeigte sich angesichts der schwierigen Ausgangslage seiner Piloten zufrieden. "Wir hatten nicht wirklich viele Optionen mit unseren Startplätzen, deshalb haben wir versucht, an den anderen dranzubleiben", erklärte der Teamchef nach dem Grand Prix der USA.
Das erklärt auch die bereits in Runde acht ausgesprochene Teamorder, bei der Piastri ohne Wiederrede für seinen Kollegen Platz machte. "Ich habe das bessere Teamergebnis an diesem Wochenende gewonnen, weil ich in den vorherigen Sessions klar der schnellere war", erklärt Norris und wird von seinem Teamchef in der Aussage bestätigt.
"Austin ist eine Strecke, auf der Lando hervorragend ist, weil er seine Superkraft, sich sehr gut an Bedingungen anzupassen, einsetzen kann", lobt Stella seinen Piloten. "Und deshalb haben wir auch im Vorfeld besprochen, wenn Oscar nicht mit den Autos vor ihm mithalten kann, dass Lando seine Chance bekommt, zu attackieren. Und die haben wir ihm am Ende auch gegeben."
McLaren nur vierte Kraft: Norris fordert größere Updates
Zu einer richtigen Attacke kam es jedoch nie. Trotz Updates am Diffusor und den Radaufhängungen bleibt das Hauptproblem die Unvorhersehbarkeit und Pace des Boliden. "Das Team liefert kontinuierlich Upgrades, aber nicht unbedingt dort, wo wir sie am dringendsten benötigen", übt Norris vorsichtige Kritik am Team. "Besonders in den langsamen Kurven sind wir noch weit von dem Niveau entfernt, das wir erreichen müssen."
Lange muss sich der amtierende Weltmeister aber nicht mehr gedulden, denn schon in Brasilien und Las Vegas sollen die nächsten McLaren-Updates ans Auto kommen. Norris muss also nur das Rennen in Mexiko mit dem alten MCL40 bestreiten. "Es sind noch einige Upgrades in der Pipeline", bestätigte Stella in Austin. "Hoffentlich helfen uns diese Updates, unsere Wettbewerbsfähigkeit wieder auf ein Niveau zu bringen, auf dem wir konstant um Podien und Siege mitkämpfen können."
Derzeit ist der McLaren klar die vierte Kraft im Feld - nicht nur in Austin, sondern auch in der Konstrukteurswertung. Das Team aus Woking ist derzeit punktegleich mit Red Bull, hat also noch die Chance zumindest den dritten Platz zu holen. Dafür sind aber bei nur noch fünf ausstehenden Rennen schnelle und vor allem deutliche Fortschritte notwendig.
Norris vertraut jedoch auf die Fähigkeiten seines Teams und ist sich sicher: "Wenn wir unsere Schlüsselprobleme in den Griff bekommen, können wir in den verbleibenden Rennen noch starke Ergebnisse erzielen. Wir müssen einfach noch viel mehr und viel größere Updates bringen."



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