Sie kennen Flavio Briatore, Pat Symonds und Fernando Alonso. Alle drei sind weltberühmt und dürften selbst im relativen F1-Neuland von Bahrain kaum unerkannt durch die Straßen laufen können. Aber sie sind nicht die einzigen Bausteine des Renault-Erfolges. Das Weltmeisterteam besteht nicht nur aus dem Teamboss, dem Chefingenieur oder dem Starpiloten.

Da gibt es zum Beispiel Steve Nielsen. Steve zeichnet als Sportlicher Leiter von Renault in Enstone für die logistische Planung der Chassisfabrik und des F1-Teams verantwortlich. Und dann wäre da noch Jean-Pierre Raymond. Er ist Steves Pendant in der Renault-Motorenschmiede im französischen Viry-Châtillon. Ohne den Logistikchef würden die V8-Triebwerke von Fernando und Giancarlo vielleicht nie ihren Weg an die Rennstrecke finden.

Doch wie bewerkstelligen Steve und Jean-Pierre den Transport der vielen Tonnen Material zu den GP-Austragungsorten?

Vorsicht! Zerbrechlicher, millionenschwerer F1-Bolide., Foto: Sutton
Vorsicht! Zerbrechlicher, millionenschwerer F1-Bolide., Foto: Sutton

Schon in dieser Woche macht das Team das gesamte Reise-Equipment für den Abflug in die Wüste bereit. Entsprechend "hoch" ging es in den vergangenen Tagen in Enstone her. Aber auch in Viry sah und sieht es vor dem Abtransport der Aggregate am Freitag nicht anders aus.

"Bei uns im Workshop herrscht derzeit geschäftiges Treiben und diese typische Atmosphäre vor dem Start der Saison", bestätigt Jean-Pierre. "Wir überprüfen unsere Bestände und führen letzte Änderungen durch. Das geschieht aber alles ganz kontrolliert. Man könnte es als positiven Stress bezeichnen."

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren beginnt die F1-Saison in diesem Jahr nicht in Downunder. Für die Renault-Logistiker ist das kein Problem. "Die Reihenfolge der Auftaktrennen hat sich geändert, aber die Anforderungen sahen vergangenes Jahr nicht viel anders aus", sagt Steve. "Von daher gibt es absolut kein Problem." Allerdings verändere die umgekehrte Reihenfolge der ersten drei Grands Prix die Rennbedingungen: "In Australien dürfte es Anfang April kühler sein als bei den bisherigem Rennen Anfang März. Und zwischen Bahrain und Kuala Lumpur liegt bloß eine Woche. Das ist schon ein enger Zeitplan."

Jean-Pierre und seine Motorenjungs sehen trotzdem kein Problem beim Transport in den kleinen Wüstenstaat. "Bahrain markiert in diesem Jahr zwar zum ersten Mal den Saisonauftakt, aber wir waren bereits zwei Mal da. Es hilft natürlich in unseren Abläufen, dass wir nicht komplettes Neuland betreten."

Das Austragungsland erreicht das Renault-Material auf zwei Wegen: Rund 30 Tonnen Equipment werden per Luftfracht eingeflogen. Dazu zählen 8 Tonnen von der Motorenabteilung aus Viry. Die restlichen 7 Tonnen begeben sich am Freitag, also genau eine Woche vor dem ersten Freien Training, per Schiff als Seefracht auf den Weg ins Königreich Bahrain.

Für Jean-Pierre und seine Truppe bedeutet das Schwerstarbeit. "Zunächst einmal geht es darum, unsere gesamte Ausrüstung bis Freitag versandfertig zu haben", nennt er seine Hauptaufgabe. "Wir müssen alle Zollformalitäten erledigen. Am Freitag brechen unsere Lkw nach England auf, so dass sie am Samstagmorgen am Flughafen in Stansted ankommen. Von da aus geht das gesamte Material auf dem Luftweg in den Mittleren Osten."

Zusätzlich müssen aber auch noch die "kleinen Details", wie Jean-Pierre es nennt, beachtet werden. Dazu zählen sämtliche Flugtickets der Renault-Crew oder das Einpacken von 200 Hosen und Hemden. Schließlich sollen alle Teammitglieder vom Teamchef bis zum Mechaniker ci-gerecht in Gelb und Blau auflaufen.

Damit dieses Mammutprojekt nicht schief geht, arbeitet Raymond Hand in Hand mit Nielsen. "Steve und ich stehen in ständigem Kontakt. Beide Workshops erstellen detaillierte Materiallisten, die wir uns gegenseitig zuschicken. So weiß jeder genau, was der andere gerade macht. Wo es möglich ist, versuchen wir uns gegenseitig zu helfen."

Endlich am Ziel: Die Fracht ist in Bahrain angekommen., Foto: Sutton
Endlich am Ziel: Die Fracht ist in Bahrain angekommen., Foto: Sutton

Sobald das Team in Bahrain eingetroffen ist, heißt es die Fracht von der FOM in Empfang zu nehmen und die Logistik im Hintergrund am Laufen zu halten. "Dazu zählen so alltägliche Dinge wie die Bestätigung der Hotelzimmer für die kommenden Grands Prix, der Transport dringend benötigter Teile oder das Zurückschicken der Motoren nach Viry-Châtillon."

Zum Transport dringend benötigter Teile gehören auch neue aerodynamische Entwicklungen, die erst in allerletzter Sekunde fertig gestellt wurden und jetzt als 'Handgepäck' eines der Ingenieure oder Mechaniker mit nach Bahrain eingeflogen werden. "Das könnte sehr gut passieren", lässt Steve eine solche Nachlieferung offen.

"Es gibt aber auch ungewöhnliche Situationen, für die wir immer schnell eine Lösung finden müssen", sagt Jean-Pierre. Beispielsweise wenn ein Teammitglied kurzfristig wegen Krankheit ausfällt. "Dann müssen wir schnell reagieren." Zu diesem Zweck stehen in der Heimat immer einige Mitarbeiter mit allen nötigen Papiere und gepackten Koffern auf Standby.

"Wir haben bis einschließlich kommenden Samstag Plätze in Flugzeugen nach Bahrain reserviert", enthüllt Raymond. "Man kann nie wissen, und wir wollen nicht auf dem falschen Fuß erwischt werden."

Schlaflose Nächte haben die erfahrenen Haudegen deshalb aber nicht. "Wir führen eine Liste aller Probleme und Schwierigkeiten, auf die wir in den verschiedenen Ländern gestoßen sind, und welche Lösungen wir für sie gefunden haben." Trotzdem müssen Steve und Jean-Pierre in ihrem Job immer das Unerwartete erwarten. "Man darf nichts als selbstverständlich ansehen. Aber genau das gefällt mir an meinem Job: Es wird einfach nie langweilig." Selbst dann nicht, wenn man 'nur' alle zwei Wochen 200 Hemden und Hosen durch die F1-Welt transportieren muss.