Die Farce von Indianapolis einmal ausgeklammert war der 10. Oktober 2004 der letzte große Auftritt der Roten. Michael Schumacher hat im vom Taifun gebeutelten Suzuka letztmals nach einem echten Rennen die Mitte des Podium erklommen.

Seit damals fährt man mit ganz wenigen Ausnahmen hinterher. Nach dem Strohfeuer von Bahrain ist man wieder dort angelangt, wo man nie wieder hinwollte: In den aufreibenden Scharmützeln im Mittelfeld. Melbourne hat in vielerlei Hinsicht gezeigt, wie es um Ferrari bestellt ist.

Die Schlagzeilen der mächtigen Gazzetta dello Sport waren am Samstag "Disastro Ferrari" und am Sonntag "Crisi Ferrari, tifosi pessimisti". Das braucht man wohl nicht näher zu übersetzen.

Das Verhältnis von Ferrari zur heimischen Presse ist schon immer ein für Mitteleuropäer eigenartiges gewesen. Das Team füttert sie durch - im wahrsten Sinne des Wortes. Während den Durchschnitts-Schreiberling mit Glück ein Sandwich im Pressezentrum (oder eine der begehrten Lunchboxen bei Honda) am Verhungern hindert, gibt es bei Ferrari die tägliche Portion Pasta. Der Mobilfunk-Sponsor hilft den Signori schon mal mit dem neuesten Handy-Modell aus, und auch sonst gibt es die eine oder andere Annehmlichkeit für die Presse zwischen Bozen und Palermo. Umfangreiche "Anregungen" für die Berichterstattung inkludiert.

Der Haken an der Geschichte: Am Denkmal von Ferrari darf nie gekratzt werden. Sonst sind die Nudeln weg, und den täglichen Espresso kannst Du auch gleich bei den Engländern saufen - die Höchststrafe!

Also versuchen die Azzuri-Kollegen krampfhaft, immer höhere Mächte, Verschwörungen oder außen stehende Zulieferer für Misserfolge dingfest zu machen. Dass sie bereits vor dem Heimrennen in Imola den Ernst der Lage erkannt haben, spricht für ihre Lernfähigkeit. Denn Ferrari hat auch 2006 massive Probleme.

Und es ist kein Geheimnis - in Imola entscheidet sich, ob Ferrari heuer noch WM-Chancen hat oder nicht. Kein Zufall, dass Badoer und Gene schon am Dienstag nach Melbourne zusammen unfassbare 263 Runden in Vallelunga abspulen mussten. Bis Imola werden es wohl einige tausend werden...

Man hat die Riesenchance verpennt, das Jahr 2005 noch früher als sonst abzuhaken. Mit dem Entwicklungsvorsprung von 2 oder mehr Monaten müssten Schumacher und Massa dem Rest der Formel 1 am Saisonbeginn um die Ohren fahren.

Man hat - Stichwort Flügelaffäre - das Reglement wohl auch wieder mal etwas zu optimistisch gelesen und dabei eines unterschätzt: Die Allianz gegen Ferrari ist auch im Seuchenjahr 2005 nicht kleiner geworden - man hatte nur weniger Grund, die scharfen Geschütze aufzufahren.

Letztendlich zeigt Michael Schumacher (vor dem man nach wie vor den allergrößten Respekt haben muss) wieder Nerven: In Malaysia lässt er sich vom jungen Teamkollegen vorführen, in Australien motzt er allen Ernstes über eine Bodenwelle, die ihm zum Verhängnis wird. Als ob es 20 andere nicht auch geschafft hätten, der Bodenwelle ein Rennen lang fern zu bleiben... Dazu zerlegt Felipe Massa an einem Wochenende zwei Chassis, auch keine Art, die italienische Presse ruhig zu stellen.

Der endgültige Zerfall des Dream Teams von einst droht spätestens dann, wenn es in dieser Tonart noch drei oder vier Rennen weitergehen sollte. Die Todts, Brawns und Schumachers dieser Erde sind drauf und dran, an ihren eigenen Rekorden zu zerbrechen. Auch wenn sie es selbst nicht gerne hören: Mit so vielen Titeln in so kurzer Zeit im Gepäck ist es nicht möglich, genauso hungrig weiterzukämpfen.

Michael Schumacher geht es im Moment so wie Jürgen Klinsmann: Alle wissen, dass da was nicht ganz rund läuft. Und keiner traut ihm das ganz große Ding noch zu. Im Gegensatz zu Klinsi sucht Schumi aber noch die Angela Merkel, die ihm den Rücken stärkt und alle Kritiker zu einem kollektiven Kraftakt aufruft.

Vielleicht auch deswegen, weil es zwischen Bozen und Palermo nur zu viele gibt, die den Deutschen auch ganz gerne straucheln sehen möchten. Denn nichts und niemand auf dieser Welt kann größer sein als Ferrari selbst - und damit basta!