Ein Jahr ist es nun her, dass sich die Formel 1 weltweit bis auf die Knochen blamiert hat. Ein Jahr ist es her, dass man auf dem gesamten Planeten sehen konnte, dass die Formel 1 eine Anhäufung von Menschen ist, die offensichtlich nicht in der Lage ist, eine Kompromisslösung auszuarbeiten, welche eine derartige Blamage verhindern hätte können. Ein Jahr ist es her, dass die Formel 1 ihr in Amerika anhaftendes Image als "Anti-Motorsportserie" massiv bestätigte.

Begonnen hat es am Freitagnachmittag. Im zweiten freien Training gab es zwei Reifenexplosionen, in die jeweils ein Toyota verwickelt war. Zunächst explodierte nach nur drei Trainingsminuten der linke Hinterreifen am Wagen von Ricardo Zonta, der daraufhin im Kiesbett landete. Nach dreizehn Minuten folgte ein schwerer Crash von Ralf Schumacher in der Steilwandkurve - wieder war ein explodierender Hinterreifen die Ursache. Dieser Unfall ereignete sich zudem an exakt der gleichen Stelle, an der Ralf im Jahr zuvor während des Grand Prix in die Mauer krachte und sich dabei schwere Halswirbelverletzungen zuzog, die ihn für einige Zeit außer Gefecht setzten - und auch damals, im Jahr 2004, war es ein Reifenschaden, der den Unfall auslöste. Denn bereits im Jahr 2004 gab es in Indianapolis Probleme mit dem schwarzen Gold..

Dupasquier erlebte in Indy sein persönliches Waterloo., Foto: Sutton
Dupasquier erlebte in Indy sein persönliches Waterloo., Foto: Sutton

Pierre Dupasquier, der im Vorjahr als Michelin-Sportdirektor fungierte, erinnert sich in einem von ihm verfassten und auf Autosport veröffentlichten Artikel: "Es ist nicht unüblich, dass es an einem bestimmten Wagen ein Problem mit den Reifen gibt." Und so habe man im Anschluss an das Training Untersuchungen durchgeführt - es wurde die Strecke, der Fahrbahnbelag, das Auto und natürlich der Reifen selbst überprüft. Am Freitagabend erklärte Dupasquier, dass "zwei Toyotas ein Problem mit den Reifen hatten".

Erste Indizien

Im Hintergrund liefen die Untersuchungen. Dupasquier: "Wir haben die kaputten Reifen von Toyota untersucht und dabei etwas gefunden, das uns nicht gefallen hat. So holten wir die Reifen von den anderen Teams und fanden heraus, dass diese ebenfalls eine Beschädigung aufwiesen. Wir schlussfolgerten, dass es sich nicht um ein spezifisches Problem von Toyota handelte, auch wenn es dort in besonderem Maße auftrat, sondern dass es an der Kombination Reifen und Strecke liegen musste. Schon am Freitagnachmittag wussten wir, dass die Reifen, die wir vor Ort gebracht haben nicht einsatzfähig waren."

Aus dem Grund habe man dafür gesorgt, dass andere Reifen eingeflogen wurden - jene, die beim Spanien-GP übrig blieben - doch Dupasquier schränkt ein: "Es ist verboten, während des GP-Wochenendes neue Reifen einzufliegen - wir taten dies, damit wir zumindest alle Möglichkeiten zur Abhaltung eines Rennens ausschöpften - auch wenn wir wussten, dass die FIA die letzte Entscheidung trifft."

Unterdessen wurden in der Michelin-Fabrik in Clermont Ferrand umfangreiche Untersuchungen an den Prüf- und Testgeräten durchgeführt. "Wir wollten ganz genau wissen, wie sicher die Reifen sind, die wir hier in Indy hatten", schreibt Dupasquier. Am Samstagmorgen erkannte man, dass jene Reifen, die in Indy vor Ort waren und jene, die man einfliegen ließ, identisch waren. "Wir hatten also gar keine Lösung", schreibt Dupasquier.

Limitiertes Training

Am Samstagmorgen erhielten die Michelin-Teams die Anweisung, im dritten freien Training aus Sicherheitsgründen anstatt durch die Steilwandkurve durch die Boxengasse zu fahren. Ralf Schumacher wurde zudem von Ricardo Zonta ersetzt, man wollte nach dem neuerlichen heftigen Unfall nichts riskieren. Und weil Michelin immer noch die Untersuchungen durchführte und dabei noch kein Ergebnis erzielt wurde, wiederholte sich das Boxengassen-Szenario auch im vierten freien Training. Immerhin durften die Michelin-Piloten mit neuen Reifen maximal zehnmal durch die Steilwandkurve fahren. Zudem erhielten die Teams die Anweisung, den Druck zu erhöhen.

So hat alles begonnen - der Crash von Ralf., Foto: Sutton
So hat alles begonnen - der Crash von Ralf., Foto: Sutton

Weil im Einzelrunden-Qualifying nur maximal drei respektive eine wirklich schnelle Runde gefahren wurde, gab es dahingehend keine Probleme. Im Anschluss wurden die am Samstag eingesetzten Reifen geöffnet. Dupasquier: "Wir fanden heraus, dass diese Reifen erste Anzeichen einer Beschädigung vorwiesen." Zusammen mit den Technikern kam man zu der Erkenntnis, dass man mit den vorhandenen Reifen die Steilwandkurve nicht mit voller Geschwindigkeit befahren könne. Dupasquier: "In der Nacht auf Sonntag schrieben wir einen Brief an die FIA, schilderten den Fall und schlugen eine Reduzierung der Geschwindigkeit in den Kurven 12 und 13 vor."

FIA bietet drei Lösungen, lehnt Schikane ab

Am Sonntagmorgen herrschte Verwirrung. Niemand wusste, wie es weitergehen wird. Dupasquier schildert: "Jemand erkundigte sich bei Streckenchef Tony George, ob der Aufbau einer Schikane möglich sei - er antwortete: 'Ja sicher.' Seine Leute seien bereit, eine Schikane vor der Steilwandkurve aufzubauen, sagte George. Doch dann sagte jemand: 'Aber wir brauchen den Segen von Charlie [Whiting, der Technische Delegierte der FIA, d. Red.]." Der jedoch erklärte sich für nicht zuständig. Aus dem Grund telefonierte man mit FIA-Präsident Max Mosley.

Die Michelin-Teams biegen in die Boxengasse ab., Foto: Sutton
Die Michelin-Teams biegen in die Boxengasse ab., Foto: Sutton

Doch die Oberste Sportbehörde hatte schon zuvor erklärt, dass sie einer Schikane nicht zustimmen würde - Whiting schrieb bereits am Morgen in einem an Michelin gerichteten Brief: "Ich bin mir sicher, dass Sie verstehen werden, dass eine solche Lösung außer Frage steht. Die Streckenführung zu verändern, um damit einigen Team bei einem Performanceproblem, welches durch deren Fehler korrektes Equipment mitzubringen ausgelöst wurde, wäre ein Regelbruch und den anderen Teams gegenüber, die korrekte Reifen mit nach Indianapolis gebracht haben, äußerst unfair." Whiting warf Michelin vor, keine zweite, alternative, härtere Gummimischung mitgebracht zu haben.

Offiziell ließ die FIA dem französischen Gummigiganten drei Möglichkeiten: Mit Alternativreifen anzutreten, welcher nicht im Qualifying eingesetzt wurde. Michelin erklärte damals dazu: "Die aktuellen Regeln und der Zeitplan verbieten es zudem einen Alternativreifen zu benutzen, weshalb das Rennen mit den Qualifying-Reifen gefahren werden muss." Die zweite Variante wäre gewesen, wie im Training anstatt der Steilwandkurve die Boxengasse zu befahren - was bei 14 Michelin-Autos mitunter ebenfalls gefährlich hätte sein können. Die dritte Variante wäre gewesen, die Reifen mehrmals - aus Sicherheitsgründen - zu wechseln

Dupasqueier schildert, wie Bernie Ecclestone, Flavio Briatore und Ron Dennis versuchen, Max Mosley doch noch von einer Schikane zu überzeugen, die einander den Hörer weiterreichten. Dupasquier: "Tony George stand auf - und wir dachten, vielleicht etwas naiv, er würde nun seinen Leuten sagen, sie sollen eine Schikane bauen. Und so trommelte Briatore die Fahrer zusammen und erklärte ihnen die Situation und dass es eine Schikane geben würde. Danach haben sich alle für das rennen vorbereitet. Ich ging zu meiner Box und begegnete einem Journalisten, der mir sagte: 'Sie bauen eine Schikane." Ich ging voller Optimismus zur Startaufstellung als ich sah, dass da keine Schikane war. Als alle den Grid verlassen hatten und die Formationsrunde startete, ging ich weg. Und dann realisierte ich, dass es kein Rennen mit allen Autos geben werde. Ich konnte auf einmal meine Füße nicht mehr spüren. Ich ging langsam hinter die Box und weinte ein paar Minuten lang."