Beim Saisonfinale der Formel E in London am 15. und 16. August 2026 geht für ABT Sportsline eine über ein Jahrzehnt währende Geschichte zu Ende: Der Rennstall aus Kempten, der die Serie 2014 mitbegründete, bestreitet nach elf Saisons sein letztes Formel-E-Rennwochenende. Für Lucas Di Grassi, seit dem allerersten Rennen dabei, endet zugleich eine 24 Jahre lange Karriere als Profi-Rennfahrer. Zwei Abschiede, eine gemeinsame Geschichte, die 2014 in Peking begann.

Der Anfang: ABT prägt die Formel E von Beginn an

Im November 2013 meldet sich ABT Sportsline als eines der ersten Teams für die neu gegründete Formel E an. Als Privatteam ohne Werksunterstützung führt Hans-Jürgen Abt das erste deutsche Team in die vollelektrische Rennserie. Mit Daniel Abt und Lucas di Grassi startet ABT 2014/15 in die Debütsaison. Di Grassi gewinnt am 13. September 2014 in Peking gleich das erste Rennen der Formel-E-Geschichte und beendet die Saison als Dritter.

Daniel Abt und Lucas di Grassi prägten die Geschichte des Teams
Daniel Abt und Lucas Di Grassi prägten die Geschichte des Teams, Foto: IMAGO / Shutterstock

2015/16 steigt Schaeffler als Technologiepartner für die Entwicklung eines eigenen Antriebsstrangs ein. Di Grassi wird Vizemeister hinter Sebastien Buemi. Ein Jahr später folgt die Revanche: Beim Saisonfinale 2016/17 in Montreal dreht di Grassi einen Zehn-Punkte-Rückstand und wird Formel-E-Champion. Zuvor war er in Berlin mit gebrochenem Bein gefahren und hatte sich kurz vor New York einer Operation unterzogen.

Audi übernimmt – und ABT wird Team-Weltmeister

Vor der Saison 2017/18 übernimmt Audi den Rennstall samt Start- und Herstellerlizenz und führt ihn als Audi ABT Sport Schaeffler weiter. Allan McNish löst Hans-Jürgen Abt als Teamchef ab. Gleich in der ersten Werkssaison gewinnt Audi die Teammeisterschaft, nachdem beim Finale in New York ein Rückstand von 33 Punkten in einen Vorsprung von zwei Punkten verwandelt wird.

2017 übernimmt Audi das komplette Team
2017 übernimmt Audi das komplette Team, Foto: IMAGO / PsnewZ

Daniel Abt gewinnt in derselben Saison in Mexiko-Stadt als erster Deutscher ein Formel-E-Rennen. Beim Heimrennen in Berlin folgen Pole-Position, Sieg, schnellste Runde und die Führung in jeder Rennrunde – der erste Grand Slam der Formel-E-Geschichte. Zwei weitere Saisons beendet Audi als Zweiter der Teamwertung.

Abschied von Audi und ein Jahr ohne ABT

Ende 2020 kündigt Audi seinen Rückzug zum Saisonende 2021 an. In der letzten gemeinsamen Saison fährt Rene Rast neben di Grassi, der beim Finale in Berlin das letzte Rennen der Audi-Ära gewinnt. Die Bilanz nach sieben gemeinsamen Jahren: 84 Rennen, 14 Siege und 47 Podestplätze. Da Audi die Lizenz zurückgibt und ein Rückkauf an den Fristen scheitert, verbringt ABT die Saison 2021/22 erstmals ohne eigenes Formel-E-Team. Di Grassi fährt für ROKiT Venturi Racing und bleibt damit der einzige Fahrer, der seit Gründung der Serie keine Saison ausgelassen hat.

Comeback mit Cupra, Mahindra und di Grassi

Im Mai 2022 kündigt ABT die Rückkehr als Kundenteam mit Cupra und Mahindra-Antrieben an. Robin Frijns und Nico Müller bilden zunächst das Fahrerduo, ehe Lucas di Grassi 2023/24 zu ABT zurückkehrt. Müllers vierter Platz bleibt das beste Ergebnis der beiden Cupra-Mahindra-Jahre.

Zum Ende der Saison 2026 verabschiedet sich ABT Sportsline aus der Formel E
2022 kehrt ABT mit Cupra in die Formel E zurück, Foto: IMAGO / Shutterstock

Neues Kapitel mit Lola Yamaha

2024/25 beginnt mit Lola Cars und Yamaha ein neues Kapitel. Zane Maloney ersetzt Müller als Teamkollege von di Grassi. Schon beim fünften Rennwochenende fährt di Grassi in Miami auf Platz zwei. Im Januar 2026 wird klar, dass die Saison 2025/26 die letzte für ABT sein wird: Lola Cars will den Formel-E-Einsatz ab der Gen4-Ära in Eigenregie fortführen. Wenige Monate später kündigt auch di Grassi sein Karriereende zum Saisonende an.

Lucas di Grassi: Eine Karriere, die mit der Formel E verbunden ist

Der Brasilianer gehört seit den Anfängen zur Formel E, war bereits vor dem ersten Rennen als Entwicklungsfahrer beteiligt und bestritt als einziger Fahrer jede Saison. Den Großteil seiner mehr als 150 Starts absolvierte er für ABT. Außerhalb der Formel E fuhr er 2010 in der Formel 1 für Virgin Racing, wurde GP2-Vizemeister und 2016 mit Audi Vizemeister in der Langstrecken-WM. Bei den 24 Stunden von Le Mans stand er dreimal auf dem Podium.

Lucas di Grassi ist seit Anfang an in der Formel E dabei
Lucas di Grassi ist seit Anfang an in der Formel E dabei, Foto: IMAGO / Shutterstock

Shanghai-Sieg schließt den Kreis

Anfang Juli setzt di Grassi beim zweiten Shanghai ePrix noch einmal ein Ausrufezeichen. Vom vorletzten Startplatz kämpft er sich auf nasser, abtrocknender Strecke zum Sieg – dem ersten für Lola Yamaha ABT und seinem 14. in der Formel E, 13 davon für ABT. Mit 41 Jahren und 328 Tagen wird er zum ältesten Rennsieger der Seriengeschichte. Damit schließt sich ein Kreis: Sein erstes Formel-E-Rennen gewann di Grassi 2014 ebenfalls in China. Zwölf Jahre später gelingt ihm dort einer seiner letzten Siege als Profi.

London wird zum gemeinsamen Schlusspunkt

Beim Saisonfinale in London am 15. und 16. August kommen beide Geschichten zusammen: Für ABT endet nach elf Saisons die Formel-E-Geschichte, für Lucas di Grassi nach 24 Jahren die Karriere als Profi-Rennfahrer.

„Wir haben 2013 unterschrieben, ohne zu wissen, ob aus der Formel E überhaupt etwas wird“, sagt Hans-Jürgen Abt. „Als Familienunternehmen sind wir dieses Wagnis eingegangen, und daraus ist über elf Saisons eines der schönsten Kapitel unserer 130-jährigen Geschichte geworden. Vom ersten Sieg der Serie in Peking über den Fahrertitel 2017 bis zum Teamtitel ein Jahr später haben wir als Team Dinge erreicht, auf die ich sehr stolz bin.“

„Die Formel-E-Reise geht zu Ende, und das Schöne ist, dass sie gemeinsam mit Lucas di Grassi zu Ende geht“, sagt Thomas Biermaier, CEO von ABT Sportsline. „Er ist als Lucas di Grassi zu ABT gekommen und geht als Freund der Familie und der Firma. Danke."

„Die Formel E war ein bedeutender Teil meiner eigenen Motorsportkarriere, und ein genauso bedeutender Teil unserer Firma“, sagt Daniel Abt, CCO der ABT-Gruppe. „Wir haben große Erfolge gefeiert, vom ersten Rennsieg über die Fahrer- und Teammeisterschaft mit Lucas bis zu meinem eigenen ersten deutschen Sieg und dem ersten Grand Slam der Geschichte. Es war eine geile Zeit."

ABT Sportsline wird der Formel E lange in Erinnerung bleiben
ABT Sportsline wird der Formel E lange in Erinnerung bleiben, Foto: IMAGO / Shutterstock

ABT bleibt dem Motorsport treu

Auch ohne Formel E bleibt ABT Sportsline dem Motorsport treu: Mit zwei Lamborghini Temerario GT3 startet das Team weiterhin in der DTM sowie beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Die Formel E bleibt mit dem ersten Sieg der Seriengeschichte, Fahrer- und Teamtitel sowie weiteren Erfolgen ein besonderes Kapitel der 130-jährigen ABT-Geschichte.