Die Schlussphase des 6-Stunden-Rennens in Fuji 2026 zählte zweifelsohne zu den dramatischsten und spannendsten der vergangenen Jahre in der WEC. Alpine verlor einen greifbaren Doppelsieg und Toyota gewann sein Heimrennen völlig unerwartet. Im Nachgang stellt sich die Frage: Hat Alpine den Sieg, möglicherweise sogar den Doppelsieg, beim drittletzten Rennen der Saison verzockt?
Auf den ersten Blick konnten Zuschauer diesen Eindruck durchaus erhalten, schließlich lagen die beiden pfeilschnellen Alpine A424 praktisch fünf Stunden lang komfortabel an der Spitze und führten gemeinsam 166 der 203 Runden an.
Heftiger Unfall löst Schluss-Drama in Fuji aus
Doch dann entfaltete sich das Drama ziemlich genau 57 Minuten vor dem Zieleinlauf, als ein heftiger Unfall zwischen dem deutschen McLaren-GT3-Piloten Finn Gehrsitz und dem Aston Martin Vantage von Mattia Drudi die vierte und letzte Safety-Car-Phase des Rennens auslöste. Renndirektor Eduardo Freitas schickte wegen der Schwere des Unfalls sofort das Safety Car auf die Strecke statt wie sonst üblich zunächst ein Virtual Safety Car auszurufen, unter dem alle Autos praktisch 'freie' Boxenstopps einlegen können.

Diese Entscheidung schränkte die Strategie-Möglichkeiten für die Teams ein, sodass praktisch alle Autos direkt nach der Öffnung der Boxengasse zur gleichen Zeit abbiegen mussten, um für den letzten Stint nachzutanken und gegebenenfalls die Reifen zu wechseln. Victor Martins im #36 Alpine steuerte als Führender 43 Minuten vor Schluss die Boxengasse an, gefolgt vom #35 Schwester-Alpine mit Charles Milesi.
Der später siegreiche #8 Toyota TR010 Hybrid mit Schlussfahrer Ryo Hirakawa belegte zu diesem Zeitpunkt nur den sechsten Platz. Und Dries Vanthoor, der später mit seinem #15 BMW als Dritter ebenfalls für eine dicke Überraschung sorgen würde, lag zu diesem Zeitpunkt an siebter Stelle.
WEC Fuji: Platzverschiebungen nach letztem Safety Car
| Auto | Position vor Safety Car | Position nach letztem Boxenstopp | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| #8 Toyota | P6 | P1 | P1 |
| #36 Alpine | P1 | P5 | P2 |
| #15 BMW | P7 | P2 | P3 |
| #35 Alpine | P2 | P3 | P4 |
| #009 Aston Martin | P3 | P4 | P9 |
Erklärt: 'Nose-In'-Dilemma bei Alpine
Hier wird es spannend, denn: Der Zweitplatzierte Milesi bekam über Funk die Ansage, einen sogenannten 'Nose-In'-Boxenstopp einlegen zu müssen. Der Grund: Der Boxenplatz des #36 Alpine lag näher an der Boxeneinfahrt und damit direkt vor dem Platz der #35, sodass Martins zuerst ankam und damit praktisch die Zufahrt für Milesi blockierte. Die #35 musste ihren Boxenplatz deshalb schief und mit der Frontpartie in Richtung Garage zeigend ('Nose-In') ansteuern, um dann mittels Rollbrettern ('Skates') korrekt platziert zu werden. Dieser Vorgang kostet natürlich deutlich mehr Zeit.
In der Vergangenheit ließen die Teams in vergleichbaren Situationen gerne mal ihre Autos in der Boxengasse die Positionen tauschen, damit sie in der richtigen Reihenfolge an die Boxenplätze fahren können. Ferrari nutzte diesen Trick eindrucksvoll beim Rennen in Spa 2025 und löste damit eine Sicherheitsdebatte aus. Seit der Saison 2026 ist diese Taktik allerdings per Reglement verboten. Alpine hätte sie in Fuji aber wohl sowieso nicht nutzen können, weil ja alle Autos gleichzeitig reinkamen und kein Platz für einen Boxengassen-Tausch gewesen wäre.
Alpine hätte eines seiner beiden Autos "opfern" müssen
Alpine hatte in dieser Situation zwei Möglichkeiten: entweder beide Autos gleichzeitig zum Boxenstopp reinholen und den Zeitverlust wegen des 'Nose-In' in Kauf nehmen. Oder nur eines der beiden Autos an die Box zu beordern, kurz nachzutanken und die Führung zumindest mit einem der beiden Fahrzeuge sicher zu behalten. Das Schwesterauto hätte in diesem Fall noch eine Runde draußen bleiben müssen und wäre dadurch weit zurückgefallen.
"Das Safety Car stellte uns vor eine schwierige Wahl", erklärte Alpine-Sportdirektor und Ex-Rennfahrer Nicolas Lapierre, der letztendlich die Entscheidung traf und im Nachhinein verteidigte. "Wir könnten beide Autos gleichzeitig abfertigen und den Zeitverlust akzeptieren. Oder eines der Autos opfern, um die Chancen des anderen auf den Sieg zu maximieren. Ich habe die Entscheidung getroffen, das Gesamt-Ergebnis aus Teamsicht zu sichern, und dazu stehe ich auch."

Erklärt: Deshalb bekam nur Alpine-Fahrer Martins frische Reifen
Es bleibt spannend in dieser entscheidenden Phase: Einige Beobachter wunderten sich, warum der #36 Alpine von Martins neben einer Ladung Sprit auch noch einen Satz frischer Reifen für die linke Fahrzeugseite bekam. Die meisten anderen Autos verzichteten hingegen auf Reifenwechsel und tankten nur nach. Der Grund: Weil Milesis #35 Alpine direkt vor Martins' Nase erst auf den Rollbrettern positioniert werden musste und dadurch zusätzliche Zeit verlor, hätte er die Abfahrt für Martins blockiert. Die unausweichliche Wartezeit nutzte Alpine, um Martins mit zwei frischen Reifen auszustatten. Das sollte später noch eine wichtige Rolle spielen.
Bei Milesi dauerte der Boxenstopp mit Nachtanken 1:03 Minuten. Für Martins' Nachtanken und Reifenwechsel benötigte die #36 Crew 1:07 Minuten, also trotz größerem Aufwand effektiv nur 4 Sekunden länger. "Das letzte Safety Car hat unsere Strategie gekillt", stellte Teamchef Philippe Sinault später fest. "Wir lagen auf den Plätzen eins und zwei, und es war nicht einfach zu managen. Wir hatten keine andere Wahl als zur gleichen Zeit zu stoppen. Dadurch haben wir fünf oder sechs Sekunden verloren."
Toyota und BMW mit Strategie-Geniestreich in entscheidender Phase
Diese Vorgänge alleine sorgten aber noch nicht dafür, dass Alpine den Sieg schlussendlich an Toyota verlor. Denn die Japaner, und auch die #15 BMW-Crew, profitierten von einem Strategie-Geniestreich samt einer kleinen Portion Glück: Während die beiden Alpine bis auf 83 Prozent virtuelle Energie (Sprit + Hybrid) nachgetankt wurden, begnügten sich Hirakawa im #8 Toyota mit 72 Prozent (50-Sekunden-Boxenstopp) und Vanthoor im #15 BMW mit 76 Prozent (51-Sekunden-Boxenstopp). Beide absolvierten also einen Short-Fuel ohne Reifenwechsel und wurden zudem nicht von ihren Schwesterautos (#7 Toyota musste Nose-In machen, #20 BMW blieb draußen) behindert.
Dadurch verließ Hirakawa praktisch als Führender die Boxengasse (der #17 Genesis lag noch davor, kam aber eine Runde später an die Box) - und gewann allein in der Box fünf Plätze! Vanthoor im #15 BMW kam als Siebter rein und kehrte praktisch als Zweiter zurück auf die Strecke. Milesi folgte dahinter als Dritter, während Ex-Spitzenreiter Martins noch hinter den #009 Aston Martin bis auf Platz fünf zurückfiel.
WEC-Analyse Fuji: Art und Dauer der letzten Boxenstopps
| Auto | Boxenstopp | Boxenstopp-Dauer |
|---|---|---|
| #8 Toyota | Tank bei 72 Prozent - kein Reifenwechsel | 50.744 Sekunden |
| #36 Alpine | Tank bei 83 Prozent - 2 neue Reifen | 67.470 Sekunden |
| #15 BMW | Tank bei 76 Prozent - kein Reifenwechsel | 51.080 Sekunden |
| #35 Alpine | Tank bei 83 Prozent - kein Reifenwechsel | 63.087 Sekunden |
| #009 Aston Martin | Tank bei 95 Prozent - kein Reifenwechsel | 60.801 Sekunden |
Sieg-Coup: Toyota antizipiert Safety-Car-Dauer
Nach diesen Boxenstopps waren noch 42 Minuten Rest-Renndauer auf der Uhr. Wäre das Rennen kurz danach wieder freigegeben worden, hätte es für Hirakawa und Vanthoor knapp werden können mit der Benzinmenge. Aber: Die Reparaturarbeiten dauerten noch 20 weitere Minuten an (insgesamt 36 Minuten unter Safety Car), bis Renndirektor Freitas erst 21 Minuten vor dem Zieleinlauf wieder grüne Flaggen schwenken ließ. In dieser Zeit konnten die Short-Fueler also locker Sprit sparen.
"Wir wussten, dass es etwas länger dauern würde, bis der Vorfall (Gehrsitz-Drudi-Unfall) geklärt ist", sagte Hirakawas Teamkollege Sebastien Buemi. "Deshalb haben wir etwas weniger getankt und alle anderen überholt. Was für eine Mega-Strategie!" Und Vanthoors BMW-Teamkollege Kevin Magnussen meinte: "Wir sind ein sauberes Rennen gefahren, und die fantastische Arbeit der Pitwall und der Boxenstopp-Crew haben den Unterschied gemacht."
Im Alpine-Lager haderte man hingegen etwas mit der Spritmenge, die sich rückblickend als zu groß herausstellen sollte und Zeit kostete. "Wir hatten Pech mit dem Safety Car am Ende", sagte Martins. "Wir mussten etwas riskieren. Am Ende habe ich neue Reifen bekommen und vielleicht zu viel Sprit nachgetankt."

Alpine-Dilemma: Rennen gewinnen oder maximal punkten
Der schnelle WEC-Rookie Martins war zwar bis auf P5 zurückgefallen, machte es aber spannend bis zum Ende. Nach dem finalen Re-Start profitierte er von seinem Reifen-Vorteil und kassierte den zu diesem Zeitpunkt Viertplatzierten Marco Sörensen im #009 Aston Martin Valkyrie (P9 am Ende). Noch in der gleichen Runde wurde Martins dann an Milesi vorbeigewinkt, der ja mit älteren Reifen fuhr.
Auf leicht feuchter Strecke gelang Martins sieben Runden später - 10 Minuten vor dem Zieleinlauf - das Überholmanöver gegen BMW-Fahrer Vanthoor, während Hirakawa einen Vorsprung von 2,2 Sekunden herausgefahren hatte. Martins kam noch bis auf eine Sekunde an den #8 Toyota heran, für ein Überholmanöver reichte es allerdings nicht. Milesi im #35 Alpine wurde Vierter und verpasste das erhoffte Podium.
Alpine hatte also den Sieg verloren, mit den Plätzen zwei und vier aber sein bestes Teamergebnis in der WEC erzielt. Mit der starken Punkteausbeute zogen die Franzosen in der Hersteller-WM gleichauf mit Cadillac, hinter Spitzenreiter Toyota, BMW und Ferrari. Sportchef Lapierre hatte gemischte Gefühle: "Die Plätze zwei und vier haben uns mehr Punkte gebracht, uns aber wahrscheinlich den Sieg gekostet. Das ist vor allem hart für die #36, die den Sieg verdient gehabt hätte. Die Entscheidung wurde aber im besten Interesse des gesamten Teams getroffen."
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