Seit Wochen befand sich Charles Leclerc in der Formel 1 in einer kleinen Formkrise. Dass der Qualifying-Spezialist sowohl im Longrun als auch auf eine Runde von seinem Teamkollegen regelmäßig Niederlagen kassierte, passte so gar nicht ins Weltbild des einst auserkorenen Ferrari-Erlösers, auch wenn diese Niederlagen in Form von Rekord-Weltmeister Lewis Hamilton von einer hohen Stelle erteilt wurden.

Umso befreiender war das Formel-1-Qualifying in Silverstone für den Monegassen, der sich in der Fortdauer der Saison immer mehr über das mangelnde Fahrgefühl in seinem Ferrari SF-26 beklagte. "Für den zweiten Run in Q2 war es in der Vergangenheit immer meine Stärke, dass ich noch etwas zusätzlich finden konnte, und dieses Gefühl habe ich letztens verloren", erklärte Leclerc.

In Großbritannien war genau dieses Gefühl wieder zurück. 0,334 Sekunden packte er im finalen Umlauf noch dazu. Das reichte gegen Kimi Antonelli zwar nicht zur Pole Position, aber das trübte Leclercs Freude nur kaum, denn der Mercedes-Youngster sah ohnehin schon im Sprint kaum besiegbar aus. "Das [der Zeitgewinn im letzten Run, d. Red] zeigt normalerweise, dass ich weiß, wo das Limit des Autos ist", freute Leclerc sich.

Er hatte in den letzten Wochen viel Zeit darauf verwendet, seine aktuellen Probleme zu verstehen und zu beheben. Dabei stellte sich ihm eine Philosophiefrage, wie er selbst betonte. "Ich hatte zwei Herangehensweisen. Entweder, dass ich meinen Fahrstil komplett verändere und versuche, das zu reproduzieren, was Lewis macht, oder in meine Richtung weiterarbeite und versuche, einen Weg zu finden, in dem das Auto besser zu meinem Fahrstil passt", so Leclerc.

Er erklärte weiter: "Ich habe mich für die zweite Route entschieden und bin bei dem geblieben, von dem ich weiß, dass es in der Vergangenheit funktioniert hat." Leclerc bevorzugt grundsätzlich sehr aggressive Setups mit einer starken Front und viel Übersteuern, ähnlich zu dem Fahrstil von Max Verstappen. Wie Leclerc die neuen gripärmeren und leichteren Autos in seine persönliche Komfortzone bringt, behält er naturgemäß für sich. Nur so viel, es seien keine großen Veränderungen gewesen.

Charles Leclerc warnt vor vorzeitigem Urteil: "Nur ein erster Schritt"

Dass Leclerc nun einen Weg gefunden hat, das Setup seines Autos besser an seinen Fahrstil anzupassen, freut ihn natürlich. Aber er ist sich im Klaren darüber, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht. "Ich muss betonen, dass es nur eine Qualifying-Session war. Österreich war zwar auch nicht schlecht, aber ich denke nicht, dass ich dort ein so gutes Gefühl hatte. Hier ist es anders und es fühlt sich definitiv besser an." Bereits in Spielberg hatte er Lewis Hamilton auf eine Runde knapp besiegen können, im Rennen hatte der F1-Rekordsieger allerdings im Scuderia-Duell die Nase wieder vorne.

Leclercs Aussagen haben eine frappierende Ähnlichkeit zu jenen von George Russell in Barcelona. Der Brite hat ebenfalls in der Formel-1-Saison 2026 zunehmend Probleme, seinen Fahrstil an die neuen Boliden anzupassen und kopierte deshalb zwischen Miami und dem Monaco-GP das Setup seines Teamkollegen, um mit Andrea Kimi Antonelli Schritt halten zu können - ohne Erfolg. Als er in Barcelona auf seine alten Setuplehren vom Saisonbeginn zurückwechselte, schien das Früchte zu tragen. Allerdings nur bis zum Qualifying. Im Laufe des Rennens und in den Wochen fiel die Mercedes-Hackordnung erneut klar zu Gunsten des Youngsters aus - so auch in Silverstone.

Leclerc tut also gut daran, seinem Erfolgserlebnis aus dem Silverstone-Qualifying noch mit etwas Skepsis zu begegnen. "Es ist nur ein erster Schritt. Das heißt nicht, dass sich von jetzt an meine Saison ändert. Aber es fühlt sich gut an, zumindest ein Qualifying zu haben, in dem das Gefühl gut ist und in dem ich weiß, wo das Limit des Autos ist."

Lewis Hamilton fällt nach Sprint-Pole klar zurück: Was lief falsch?

Hamilton war im Sprint-Qualifying am Freitag noch der schnellste Mann gewesen und hatte nicht nur knapp Antonelli besiegen können, sondern auch Leclerc über drei Zehntelsekunden mitgegeben. Der Brite hatte zwei Erklärungen dafür parat, was ihm im Formel-1-Qualifying am Samstag aus der Spur gebracht hatte. Zunächst habe er mit einem Deployment-Problem zu kämpfen gehabt, das man aber vor dem Ende der Qualifikation in den Griff bekommen hatte. Nicht in den Griff bekam man ein anderes Problem: "Ich hatte in dieser Qualifying-Session mehr Probleme mit dem Auto, viel mehr Untersteuern."

In den Telemetriedaten zeigt sich, dass vor allem eine Passage für den Unterschied zwischen Hamilton und Leclerc ausschlaggebend war. Zwischen Brooklands/Luffield (T6/T7) und Copse (T9) fuhr Leclerc dem Silverstone-Rekordsieger um eineinhalb Zehntel davon. Leclerc nahm viel mehr Schwung durch Kurve 6 bis 7 mit und wählte dort eine etwas weitere Linie. Außerdem musste Hamilton am Ausgang mehr Lenkradkorrekturen vornehmen. In diesen Kurven machte Leclerc auch den größten Unterschied zu den ersten Q3-Zeiten der beiden Ferrari-Fahrer.

Hier die gesamten Qualifying-Runden von Leclerc und Hamilton im Vergleich.

Wenig Optimismus bei Ferrari: Antonelli wird davonfahren

Doch so gut die Laune beim ansonsten meist eher pessimistisch gestimmten Charles Leclerc nach dem Formel-1-Qualifying sein mag, ist er unsicher, ob man gegen Polesetter Kimi Antonelli im Rennen viel ausrichten kann. "Kimi hatte heute Morgen [im Sprint, d. Red] eine unglaubliche Pace. Aber wir werden versuchen, ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen", gab er sich kampflustig. Hamilton traf eine klarere Prognose: "Vom Morgen bis jetzt hat sich nichts geändert und zwischen heute und morgen wird sich auch nichts ändern. Wenn er sauber wegkommt, wird er davonfahren."

Den Ferrari-Fahrern sind die Fehler aus dem Formel-1-Rennen am vergangenen Wochenende in Österreich noch gut im Gedächtnis geblieben. Dort konzentrierte man sich auf Mercedes und damit auf ein letztendlich aussichtsloses Ziel, fuhr sich beim Versuch, mitzuhalten, die Reifen kaputt und beeinträchtigte dadurch die Strategie, wie Teamchef Fred Vasseur im Nachgang analysierte. Das will man in Silverstone sicher nicht wiederholen. Muss man Antonelli deshalb einfach ziehen lassen? Das ist leichter gesagt als getan, falls Leclerc oder Hamilton früh im Rennen ihre Siegchance wittern.