Der Freispruch von Charles Leclerc für die Kollision mit Oscar Piastri war ein Schlüsselmoment im Formel-1-Rennen von Spa. Leclerc war Piastri am Eingang von Les Combes in die Seite gefahren und hatte so seine Position verteidigt. Er fuhr weiter, wurde Zweiter, während Piastri mit Schaden auf P5 zurückgeworfen wurde. Ein spätes Schuldeingeständnis von Leclerc macht diesen Freispruch nun erst recht zweifelhaft.
Piastri hatte es von vornherein nicht verstanden. Er hatte sich in Runde 8 auf der Kemmel-Geraden hin zu Les Combes außen neben Leclerc gesetzt, es aber nicht ganz auf Höhe des Ferrari geschafft. Leclerc ließ ihm bis zum Bremspunkt eine Wagenbreite Platz. Dann driftete er leicht nach links. Die Wagenbreite verschwand. Piastri fuhr raus bis auf den Kerb. Trotzdem riss Leclercs linkes Hinterrad sein rechtes Floor Board ab. Ein signifikanter Schaden.
"Aus meinem Blickwinkel war ich auf der weißen Linie und wurde rausgedrängt", fasste Piastri es nach dem Rennen gegenüber Motorsport-Magazin.com zusammen. "Zuerst einmal war das Glück, keinen größeren Unfall zu haben, wenn sich unsere Räder in der Bremszone berühren. Ich weiß nicht, wo ich hinsoll."
Piastri sauer - Leclerc stimmt ihm nach Reflexion in Ungarn zu
Piastri hätte mindestens eine Verwarnung dafür erwartet: "Allein die Ermutigung, dass du jedem das absolut kleinste Minimum am Platz geben kannst und damit davonkommst, ist nicht der beste Ansatz." Die FIA-Stewards hatten nichts davon wissen wollen. Weil Piastri mit seiner Vorderachse nie weiter als bis zu Leclercs Seitenkasten gekommen war, hätte er in ihren Augen niemals ein Überholmanöver geschafft.

Leclerc sei dann einfach der normalen Rennlinie gefolgt, indem er die Kurve am Eingang etwas aufgemacht hätte. Ein bewusstes Abdrängen wollten die Stewards nicht gesehen haben. Das lässt sich schon einmal dadurch hinterfragen, dass Leclerc unweigerlich wusste, dass Piastri fast die ganze Kemmel-Gerade neben ihm war. Und Leclercs Retrospektive am Donnerstag in Ungarn bestätigt das.
"Ich stimme Oscar eigentlich zu", akzeptiert Leclerc die Kritik an seinem Fahrstil. "Letztendlich gehe ich ans Limit, wenn ich im Auto bin. Mit Oscar, ich denke, da war es ein bisschen drüber. Das ist nicht die Art, auf die ich immer Rennen fahren will. Am Ende des Tages ist es auch für mich riskant."
"Du versuchst immer so wenig Platz wie möglich zu lassen, aber das war etwas zu haarig", findet Leclerc, der allgemein nicht der höflichste Fahrer in solchen Situationen ist. Mehrmals schon hat er ähnliche Manöver versucht. Am berühmtesten wohl sein Abdrängen von Lewis Hamilton vor der Variante della Roggia 2019 in Monza, mit dem er sich auf dem Weg zu seinem zweiten Ferrari-Sieg behalf. Dafür hatte er auch die schwarz-weiße Verwarnungsflagge erhalten.
Was sagen die Regeln zum Zweikampf Leclerc vs. Piastri?
Dass beide Fahrer rückblickend das Manöver als zu hart abstempeln stellt den Freispruch durch die Stewards weiter infrage. Der scheint weder der generellen Logik des Motorsports noch den berühmt-berüchtigten Racing-Richtlinien zu folgen, welche den Stewards seit 2022 als Unterstützung bei der Beurteilung von Zwischenfällen vorliegen und die für Konstanz sorgen sollten.
Abdrängen eines Konkurrenten auf der Geraden ist nämlich verboten. Das bezieht sich auf zwei unmissverständliche Absätze in Anhang L, Kapitel IV, Artikel 2b des Internationalen Sportkodex. Darunter: "Jedoch sind Manöver mit dem Zweck des Behinderns anderer Fahrer, wie etwa das absichtliche Abdrängen eines Autos über den Streckenrand oder sonst irgendein abnormaler Richtungswechsel streng verboten."

In mehreren Schritten wird ein verbotener Richtungswechsel vor einer Kurve dargestellt, indem aus der Vogelperspektive mit einem McLaren als Angreifer und einem Red Bull als Verteidiger die Positionen erklärt werden. Der Red Bull zieht bereits reaktiv vor der Bremszone vor die Nase eines auf der Innenbahn angreifenden McLaren. Als der McLaren auf die Außenbahn wechselt, zieht auch der Red Bull auf der Bremse wieder nach außen und gibt dem McLaren weniger als eine Fahrzeugbreite Platz.
Was denkt Motorsport-Magazin.com? Ist ein Auto erst einmal auf der Geraden daneben, steht ihm bis zur Kurve Platz zu. Auch in der Bremszone, so eigentlich das generelle Verständnis. Die Argumentation der Stewards - "es gab keine Möglichkeit für Auto 81, aus dieser Position ein Überholmanöver umzusetzen" - macht keinen Sinn, weil sie impliziert, dass Piastri bereits vorab wusste, wo Leclerc bremsen würde. Er blieb bis zuletzt daneben, um Leclerc zumindest unter Druck zu setzen, später zu bremsen, potenziell um ihn in einen Fehler zu treiben.
Seit immer und ewig ist es akzeptiert, dass auf Geraden nicht über die weiße Linie hinaus abgedrängt wird. Auch nicht in der Bremszone. Weil das gefährlich ist. Hier jetzt ein Fass damit aufzumachen von wegen der Fahrer hätte niemals überholen können und hätte zurückstecken sollen ist bizarr. Piastri kann erst wissen, ob es nichts wird, wenn er weiß, wann Leclerc bremst. Das ist ein Zeitfenster von weniger als einer halben Sekunde.



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