Im Renn-Trimm sah der Ferrari bei der Formel 1 in Zandvoort wie das schnellste Auto aus. Das half nur nichts, weil sich das Team schon im Qualifying ins Abseits manövriert hatte und im Rennen sich nicht in der Lage sah, sich aus dem Loch zu befreien. Krönung eines taktisch verworrenen Rennens ist eine verweigerte Teamorder, die Lewis Hamilton im Nachgang nicht so einfach wegstecken will.

Hamilton und Charles Leclerc hatten das ganze Rennen verzweifelt nach Mittel und Wegen gesucht, um sich von ihren schlechten Startplätzen fünf und sechs auch auf dem überholfeindlichen Kurs in Zandvoort nach vorn zu bewegen. Der erste Plan eines Starts mit Soft ging da mäßig auf. Beim ersten Start gewann Leclerc zwar einen Platz, dann aber verlor er den beim zweiten Start nach dem Abbruch für den heftigen Crash von Max Verstappen wieder.

Ab da steckte Ferrari fest. Größtes Problem war George Russell, der sichtlich nicht ganz so schnell konnte wie Leclerc und Hamilton, aber eben schnell genug, um zusammen mit dem Vorteil seines stärkeren Mercedes-Motors den beiden hin zur ersten Kurve immer ein paar Meter zu weit voran zu sein. "Nur durch die Leistung verlieren wir hier gut vier Zehntel pro Runde", klagt Hamilton.

Ferrari suchte nach strategischen Wegen. Die gute Rennpace und wenig Reifenabbau bedeutete, dass beide Fahrer beim ersten Boxenstopp schon länger draußengelassen wurden, um ihnen relativ zu Russell und dem ebenfalls in diesem Kampf mitspielenden Oscar Piastri einen Reifenvorteil zu verschaffen. Gegen Piastri klappte das - Leclerc knackte Piastri in Runde 34, Hamilton in Runde 35.

Lewis Hamilton rügt Ferrari für fehlende Teamorder

Dann aber wurde es kompliziert. Leclerc hatte vier Runden früher und auf Medium gestoppt. Hamilton holte ihn mit seinen neueren Hard jetzt ein. Gemeinsam zwang ihre starke Pace trotzdem in Runde 40 Russell zum Stopp, um einen Ferrari-Undercut zu verhindern. Erneut schien der Plan für beide Fahrer dann klar: Wieder länger draußenbleiben, wieder einen Reifenvorteil aufbauen, und gegen Russell das wiederholen, was gegen Piastri geklappt hatte.

In diesem Moment schloss Hamilton aber zu Leclerc auf. Prompt forderte er Teamorder ein. Die wurde ihm verwehrt. Zwei Runden lang steckte er fest, verlor dabei geschätzt zwei Sekunden, ehe Leclerc zum Boxenstopp abbog. "Das hat ultimativ bedeutet, dass ich mehr aufholen musste, als ich am Ende versucht habe, George wieder einzuholen", hat Hamilton das nach dem Rennen nicht verdaut. Im Funk hatte er es sarkastisch mit "Tolle Art, Zeit zu verschwenden" kommentiert.

"Charles hatte niemanden vor sich", kann Hamilton es einfach nicht nachvollziehen. "Es ist ganz klar. Wenn ich nach vorn schauen, dann sehe ich dort die Mercedes, und die setzen sowas um. Sie haben ein Auto, mit dem sie um die Meisterschaft kämpfen, sie führen, und sie haben es sofort gemacht." Kurz vor Rennende hatte Mercedes wegen eines späten Strategie-Splits den auf P2 vorgerückten Russell dazu verpflichtet, Kimi Antonelli zurück auf den zweiten Platz zu lassen. Was beide Fahrer sofort umsetzten.

Ferrari-Fahrer im Dunkeln: Weder Leclerc noch Hamilton kapieren Strategie

"Und hier sitze ich und verliere Sekunden, das müssen wir offline diskutieren", fordert Hamilton vom Team. Es war nicht das erste Mal, dass er sich frustriert mit Ferraris Teamorder-Prozessen zeigte. In Miami 2025 hatte man ihn bereits einmal bis zum Punkt der provokanten sarkastischen Funksprüche getrieben. Dass er 2026 auch nach Zandvoort immer noch punktegleich mit Russell auf WM-Rang zwei liegt, macht das Thema erst recht akut.

Aufseiten Leclercs war die Sequenz nicht minder verwirrend - ohne dass er je etwas von Hamiltons Teamorder-Bitte erfuhr: "Ich war sehr überrascht, so früh zu stoppen, wo wir doch genau das geschafft hatten, was wir wollten, nämlich einen Stopp von George. Das war die Zeit für uns, um fünf oder zehn Runden länger zu fahren, ein Reifendelta aufzubauen und am Ende ihn einzuholen."

Leclerc nur zwei Runden nach Russell zu stoppen war eine elegante Lösung, um eine Teamorder zu vermeiden, aber sie bedeutete, dass er diesmal nur zwei Runden neuere Reifen als der Mercedes für die letzten 20 Runden haben würde. Kaum ein ausreichendes Delta, um zu überholen. Daher verweigerte Leclerc die erste Stopp-Anweisung und zögerte den ganzen Prozess um eine weitere Runde hinaus, ehe er sich 19 Runden vor Schluss fügte.

Ferrari will mit Lewis Hamilton durchfahren - sagt es ihm aber nicht

Hamilton fuhr weiter. Wie Teamchef Fred Vasseur später erklärt, hätte man wohl klarer den Fahrern kommunizieren sollen, was der Plan war: "Wir wollten ihm die Strategie an dem Punkt nicht sagen, weil wir es nicht für unsere Gegner offenlegen wollten. Weil wir daran dachten, ihn bis ins Ziel draußen zu lassen, um zu sehen, ob er sie hinter sich halten kann. Ich denke, das wäre die richtige Entscheidung gewesen."

Kimi Antonelli, Lewis Hamilton und Lando Norris am Sonntag bei der Formel 1 in den Niederlanden
Kurz führte Hamilton vor Antonelli und Lando Norris, Foto: IMAGO / ANP

Hamilton übernahm in Runde 48 dann nämlich die Führung, als alle anderen ihren zweiten Boxenstopp absolviert hatten. Der Sieg war mit der Aushalte-Taktik nicht in Reichweite, in den Runden 54 und 55 wurde Hamilton zurück auf Platz drei verwiesen. Dann konnte er aber von einem Virtuellen Safety Car profitieren, spät noch einmal stoppen und mit neuen Reifen erneut zu Russell aufschließen.

Doch Russells dritter Platz blieb ihm verwehrt. Bei seiner einzigen Attacke in Runde 70 kam direkt vor der Bremszone der ersten Kurve ein weiteres VSC: "Es war die knappste Chance. Da kam ich dicht aus Kurve 14 raus und hatte gerade Straight Mode geöffnet und den Boost gedrückt. Ob ich es geschafft hätte, weiß ich nicht. Der Mercedes ist so schnell." Hamilton musste sich mit P4 zufriedengeben, Leclerc mit P5.