Als die Formel 1 in ihre neue Reglement-Ära startete, schien George Russell alle Trümpfe in der Hand zu halten: Nach dem Abgang von Lewis Hamilton stieg er bei Mercedes zum unumstrittenen Teamleader auf und galt für viele als der haushohe Favorit auf den WM-Titel 2026.

Doch aus dem vermeintlichen Titelmärchen wurde innerhalb weniger Monate eine handfeste Krise. Der Brite musste einen Rückschlag nach dem anderen einstecken und teilte sich zwischenzeitlich sogar den zweiten Platz in der Weltmeisterschaft mit Lewis Hamilton. Doch wann begann Russells Misere und warum findet der Mercedes-Pilot bislang keinen Weg aus seinem Tief? Motorsport-Magazin.com analysiert die Probleme des einstigen Formel-1-Titelfavoriten.

Selbstzweifel und Experimente: Wie sich Russell verzockte

Russells Absturz lässt sich nicht auf ein einziges Problem zurückführen. Vielmehr ist es eine Mischung aus taktischen Fehlentscheidungen, Anpassungsschwierigkeiten, technischen Experimenten und einer Portion Pech, die den Mercedes-Piloten im Laufe der Saison immer weiter aus dem Rhythmus brachte.

An zahlreichen Rennwochenenden blieb Russell hinter Kimi Antonelli zurück. Deshalb begann er, auf der Suche nach den Ursachen, nicht nur das Auto, sondern auch seinen eigenen Fahrstil infrage zu stellen. Über Wochen versuchte der 28-Jährige anhand der Telemetriedaten, die Fahrweise seines jungen Teamkollegen zu kopieren - ohne den erhofften Erfolg.

Besonders das Wochenende in Miami brachte Russell aus dem Rhythmus. Während Antonelli mit dem Mercedes bestens zurechtkam, gewann Russell den Eindruck, sein Auto stärker an die Abstimmung des Italieners angleichen zu müssen. Doch anstatt den Rückstand zu verkleinern, verschärfte dieser Ansatz seine Probleme nur weiter.

Erst beim Rennen in Belgien zog Russell die Reißleine. Er beendete die Experimente mit dem fremden Fahrstil und kehrte zu seinen gewohnten Automatismen zurück. Dass er überhaupt glaubte, das Setup und die Fahrweise seines Teamkollegen übernehmen zu müssen, verdeutlicht, wie groß seine Verunsicherung zu diesem Zeitpunkt bereits war.

Nach Belgien schien das Kapitel der Setup-Experimente zunächst abgeschlossen. Doch in Madrid manövrierte sich Russell mit seinen eigenen Entscheidungen erneut ins Abseits. Immer wieder nahm er umfangreiche Änderungen am Setup vor - laut Mercedes-Teamchef Toto Wolff ein gravierender Fehler.

Gerade auf einem neuen und engen Stadtkurs wie dem Madring sei es entscheidend, Vertrauen aufzubauen und sich Schritt für Schritt an das Limit heranzutasten. Wer die Abstimmung ständig verändert, nimmt sich dagegen genau jene Konstanz, die für diesen Lernprozess notwendig ist. Russell machte sich die Aufgabe damit schwieriger als nötig – und musste sich im Qualifying mit Startplatz sechs begnügen.

Wie sehr sich Russell im Laufe der Saison durch Setup-Experimente und Selbstzweifel ins Hintertreffen manövrierte, zeigt vor allem der Blick auf die Entwicklung in der Weltmeisterschaft.

Vom Traumstart in die Negativspirale: Russells Formel-1-Absturz

Dabei hätte Russells Saison kaum besser beginnen können. Er gewann den Auftakt in Australien souverän und übernahm damit die Führung in der Fahrer-Weltmeisterschaft. Doch bereits beim anschließenden Grand Prix in China zeigten sich erste Probleme, ehe sich das Kräfteverhältnis in Japan endgültig zu verschieben begann.

Was in Suzuka aber noch vergleichsweise verhalten begann, entwickelte sich im weiteren Saisonverlauf zu einer echten Negativspirale. Ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichte diese in Monaco: Nach einem bitteren 13. Platz war Russells Rückstand in der Weltmeisterschaft bereits auf 68 Punkte angewachsen.

Zwischenzeitlich schien der Mercedes-Pilot den Abwärtstrend jedoch zumindest ein wenig bremsen zu können. Durch Antonellis Ausfall in Barcelona und Russells Sieg in Österreich schrumpfte der Abstand zwischen den beiden Mercedes-Piloten auf nur noch 25 Punkte. Die Hoffnung auf eine Trendwende war zurück, doch sie hielt nicht lange an.

Denn in Monza folgte bereits der nächste Tiefschlag. Obwohl Antonelli nach einer Motorenstrafe bei seinem Heim-Grand-Prix aus dem hinteren Feld starten musste, kämpfte sich der Italiener bis an die Spitze und holte den Sieg. Russell konnte seine deutlich bessere Ausgangslage dagegen nicht entscheidend nutzen und musste sich mit dem zweiten Platz begnügen.

Nach dem Renndebüt in Madrid ist der Rückstand inzwischen wieder auf 81 Punkte angewachsen. Besonders bitter für Russell: Antonelli feierte auf dem Madring bereits seinen achten Saisonsieg und hat damit allein 2026 mehr Rennen gewonnen als er in seiner bisherigen Formel-1-Karriere.

Dass die Hierarchie bei den Silberpfeilen zunehmend ins Wanken geriet, hatte sich allerdings schon zuvor angekündigt. Beim Grand Prix der Niederlande in Zandvoort akzeptierte Russell eine Teamorder zugunsten Antonellis. Daraufhin wurde öffentlich erneut darüber diskutiert, ob der Brite seine Rolle als klare Nummer eins im Team bereits verloren hatte.

Statt der erhofften Stabilisierung folgte also Rückschlag auf Rückschlag. Mit jedem schwächeren Wochenende stieg der Druck und zu allem Überfluss droht Russell im Gegensatz zu Antonelli im weiteren Saisonverlauf noch eine eigene Startplatzstrafe wegen eines anstehenden Motorenwechsels.

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass der Brite den Kampf um den Fahrertitel öffentlich kaum noch in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen spricht Russell inzwischen verstärkt über die Konstrukteurswertung und seinen möglichen Beitrag dazu.

Zweckoptimismus bei Mercedes: Was Russell jetzt noch bleibt

Ganz abgeschrieben hat Russell die Saison dennoch nicht. Der Brite verweist auf einige positive Ansätze seit der Sommerpause und versucht, aus den jüngsten Wochen neues Selbstvertrauen zu ziehen.

"Ich denke, meine Leistung seit der Sommerpause stimmt. Ich war in drei Qualifyings vor ihm [Kimi Antonelli, Anm. d. Red.] und meine Rennpace lag auf seinem Niveau", erklärte Russell vor dem Rennwochenende in Madrid.

Tatsächlich gab es zuletzt einzelne Lichtblicke. Doch die WM-Tabelle zeichnet weiterhin ein ernüchterndes Gesamtbild: 81 Punkte Rückstand, eine drohende Motorenstrafe und ein Kimi Antonelli in Bestform haben Russells Titelchancen massiv schrumpfen lassen.

Für den Mercedes-Piloten geht es in der verbleibenden Saison deshalb vor allem darum, den negativen Trend dauerhaft zu stoppen, wieder Konstanz in seine Wochenenden zu bringen und den Anschluss an seinen Teamkollegen herzustellen. Der Traum vom ersten WM-Titel ist zwar rechnerisch noch nicht beendet - sportlich ist er jedoch in weite Ferne gerückt.

Russell am Ende? Würde Hamilton im Mercedes Weltmeister? (24:02 Min.)