In der letzten Woche waren die Spekulationen um den Posten des Formel-1-Teamchefs von Ferrari so heiß gelaufen wie schon lange nicht mehr. Das hatte Ferrari am Dienstag zu einer beispiellosen außertourlichen Presserunde gezwungen, um Fred Vasseur Jobsicherheit zu garantieren. Nicht minder deutlich fallen zwei Tage später vor dem nächsten Rennen in Malaysia die Unterstützungserklärungen der Fahrer aus.

"Ich habe ihn wissen lassen, dass ich zu 100 Prozent hinter ihm stehe, und ohne ihn wäre ich nicht hier", erneuert Lewis Hamilton den Treueschwur gegenüber Vasseur. Ähnlich klar hatte er sich schon im Vorjahr ausgedrückt, als das Thema zum letzten Mal ernst geworden war. In der heißen Gerüchteküche hatten die ersten dann sogar seine wortkargen Antworten direkt nach einem enttäuschenden Baku-Wochenende begonnen als Vertrauensverlust zu deuten.

Lewis Hamilton & Charles Leclerc über Teamchef-Gerüchte empört

"Alle, die dieses ganze Zeug schreiben, haben keine Ahnung, was hinter verschlossenen Türen vorgeht", empört sich Hamilton über diese Spekulationen, die er als "Vermutungen und Meinungen" abtut: "Es ist frustrierend für mich, diese ganze Negativität zu sehen. Andere Leute machen Fehler, und kaum jemand sagt was über sie. Und dann machen wir den gleichen Fehler, oder sind einfach nicht perfekt, und das sind wir eben nicht, und es ist zehnmal so schlimm."

Charles Leclerc ist nicht minder frustriert: "Wir geben alle unser Bestes, und Fred erst recht, und wir alle pushen uns im Team ans Limit, und da finde ich es etwas respektlos, diese ganzen Gerüchte zu sehen. Es gehört zu unserem Job, dass wir kritisiert werden und so weiter, aber wenn man diese Gerüchte immer und immer wieder verbreitet, dann fehlt da an einem Punkt einfach etwas Respekt."

"Innerhalb des Teams gab es nie Zweifel, dass wir ihn alle unterstützen, aber manchmal muss man das gegenüber der Außenwelt auch klarstellen", ist Leclerc da sehr zufrieden damit, dass Ferrari am Dienstag in einem langen Pressestatement sämtliche Gerüchte als völlig unfundiert darstellte. "Für mich spielt es kaum eine Rolle, ich weiß ja, wo wir intern stehen, und das ist das Wichtigste. Ich wünschte nur, es würde manchmal nicht so viele dumme Gerüchte geben."

Ferrari-Dilemma: Ist Vasseur zu schwach für Maranello? (32:06 Min.)

Für Hamilton ist es umgekehrt sogar essenziell, dass Vasseur weiter Ferrari-Teamchef bleibt. "Ihn auszutauschen, würde für die Zukunft des Teams nichts ändern. Eher würde es schaden", weiß er. "Fred ist ein fantastischer Anführer. Der richtige Mann, um das Team in die richtige Richtung zu bringen. Es gibt aber eine Struktur, die schon lange da ist. Ob man sich die vielleicht für die Zukunft anschauen muss. Es gibt auch Leute über Fred. Da geht es nicht nur um eine Person."

Was muss Ferrari ändern? Hamilton zeigt auf Leute über Fred Vasseur

"Wenn ihr mit dem Finger auf jemand zeigen wollt, zeigt auf andere Leute, die über ihm gehören auch dazu", findet Hamilton. Nicht, dass er irgendjemand explizit ins Visier nehmen möchte - dass Ferrari sich aber insgesamt weiterentwickeln muss, das will er nicht abstreiten: "Was im Team passiert, wie die Strukturen aussehen, ich kenne das alles, und darüber werde ich hier jetzt nicht sprechen, aber ich werde mit den Leuten an der Spitze sprechen, um Änderungen vorzunehmen."

Das ist ein Prozess, den Hamilton schon im Vorjahr, in seinem ersten Jahr bei Ferrari, mit umfangreichen Feedback-Dokumenten für alle an der Spitze von Team und Konzern konstant betrieben hat. "Das ist nicht einfach, Leute wollen sowas nicht immer, aber Fred hat schon viel davon umgesetzt, und es gibt noch mehr zu tun", meint er und ist optimistisch, dass er und Vasseur das weiter betreiben können. "Meine Beziehung mit den Leuten an der Spitze ist besser denn je. Alle, die da Kommentare abgeben, haben keinen Plan, worüber sie sprechen."

"Ich denke, wir haben das beste Auto dieses Jahr, nur leider fehlen uns jedes Wochenende vier Zehntel an Leistung", ist es Hamilton schließlich auch wichtig hervorzuheben, dass das von Vasseur aufgebaute Team dieses Jahr zumindest auf Chassis-Seite hervorragende Arbeit geleistet hat. "Das Defizit ist einfach der Motor. Davor verstecken wir uns nicht."

"Sie arbeiten extrem hart, das für nächstes Jahr zu lösen", hebt Hamilton hervor. Besser also die Leute ihre Arbeit machen lassen, anstatt sie mit Gerüchten zu belasten: "Deine Familie schickt dir Dinge, die sie liest, die ganzen negativen Dinge, alle in der Fabrik lesen das, und dann kriegen sie den Eindruck, dass sie nichts richtig machen können, selbst wenn sie alles geben. Meine Nachricht an sie: Nichts davon lesen. Die haben alle keine Ahnung."