Fernando Alonso hatte nach dem letzten Formel-1-Wochenende in Austin mit seiner These für Aufsehen gesorgt, dass das hintere Drittel des Fahrerfeldes in diesem Jahr von fahrerisch sehr geringer Qualität sei. Vor dem Grand Prix in Mexiko stellte er klar, dass er voll hinter dieser Aussage steht und diese nicht nur dem Frust des USA-GPs entstammte, als er eine potenzielle Punktechance aufgrund eines Unfallschadens liegen ließ.

Bei den Fahrerkollegen des Aston-Martin-Piloten stieß dessen Annahme auf wenig Unterstützung. Auch eine Reihe von Fahrern, die nach allen Definitionen nicht zum hintersten Drittel zählen, widersprachen ihm deutlich, darunter Ferrari-Star Charles Leclerc. Sie sind sich einig, dass in der aktuellen Generation sogar ganz im Gegenteil so viele qualitativ starke Fahrer vorhanden seien wie selten oder nie zuvor in der F1-Geschichte.

Carlos Sainz: Fahrerniveau in meiner Formel-1-Zeit noch nie höher

Carlos Sainz ist einer von ihnen. Er sagte vor dem Mexiko-GP: "Ich stehe seit zwölf Jahren auf dem Grid und wenn es irgendein Jahr gibt, in dem ich denke, dass das Niveau an Talent am höchsten ist, dann ist es dieses. Mir fällt niemand ein, der den Anforderungen der Formel 1 nicht gerecht wird, und alle Rookies, die in den letzten Jahren gekommen sind, sind gut." Geschuldet ist das wohl der im letzten Jahrzehnt strengeren Superlizenz-Regeln und den durch den Budget Cap finanziell besser aufgestellten Teams, die nicht mehr auf Paydriver angewiesen sind.

Der Spanier, der selbst dieses Jahr meist nur im hinteren Mittelfeld oder gar im Kampf mit den Hinterbänklern von Aston Martin oder Cadillac verbrachte, denkt vielmehr, dass Alonso eine falsche Ursache für die größere Menge an Zwischenfällen fernab der Toppositionen ausmacht. Nicht die Qualität sei schuld, sondern eine Reihe anderer Faktoren: "Es gibt viel mehr Variablen. Es gibt mehr verwirbelte Luft, es gibt mehr Dreikämpfe in einer Kurve. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist da natürlich höher", so sein erster Erklärungsansatz.

"Der Zieharmonika-Effekt kann stärker zur Geltung kommen. Es gibt mehr Fälle, in denen man zu dritt oder zu viert nebeneinander in die Kurve fährt. Da ist die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall natürlich viel höher als weiter vorne, wo man nach Kurve 1 einzeln hintereinander herfährt", erklärt Sainz weiter.

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Zudem komme noch ein weiterer Faktor ins Spiel: "Man fährt gegen Leute, die sehr wenig zu verlieren haben, wenn sie ohnehin nur Zwanzigster werden." Dadurch seien viele bereit, mit der fernen Hoffnung auf Punkte Risiken einzugehen, die ein Spitzenfahrer in den Top-5 oder Top-10 nicht eingehen würde, schlussfolgert der Williams-Fahrer.

Wenig Punkte für das F1-Mittelfeld: Ist Risiko das einzige Mittel?

Eine ähnliche Erklärung brachte auch Oliver Bearman vor. Der Haas-Pilot meinte, dass es sehr schwierig für den Rest des Feldes sei, etwas Zählbares mitzunehmen, wenn die ersten acht Positionen ohnehin durch die Topteams besetzt sind: "Da muss man bei den [geringen] Abständen, die wir in diesem Jahr haben, manchmal sehr opportunistisch sein, auch wenn das in einem Desaster enden kann."

Den Beweis, dass es ihnen nicht an F1-Qualität mangle, seien er und einige seiner Kollegen im hinteren Feld bereits zur Genüge angetreten, betonte Carlos Sainz. Grand-Prix-Sieger und Podiumsfahrer wie Sergio Perez, Valtteri Bottas, er selbst, oder eben auch Fernando Alonso und Alex Albon, dessen Kollision mit Alonso der Ausgangspunkt dieser Diskussion war. "Man hat uns alle an der Spitze des Feldes kämpfen gesehen und wir machten nicht dieselben Fehler, die man von uns am Ende des Feldes sieht", argumentiert Sainz.

Der ehemalige Ferrari-Pilot, der vor zwei Jahren in Mexiko seinen bislang letzten Grand Prix gewonnen hat, war in diesem Jahr schon häufiger in die Schusslinie geraten. Gegen Ende der Europa-Saison gab es praktisch im Wochentakt Untersuchungen gegen ihn. Die unrühmlichen Highlights in dieser Reihe: Das Verursachen einer Kollision mit Teamkollege Albon in Zandvoort und das Auslösen einer Berührung mit dem zu diesem Zeitpunkt führenden Oscar Piastri beim Überrunden in Ungarn.

Der Frust darüber, aktuell nicht an der Spitze, sondern im hinteren Feld zu fahren, trage dann auch noch seinen Teil zu dem größeren Risiko im hinteren Feld bei, ist Sainz überzeugt, auch wenn man in der Lage sein müsse, diesen auszublenden: "Wir alle haben genügend Disziplin, nichts Verrücktes zu machen, sobald wir das Visier herunterklappen, selbst wenn wir um P16 oder P17 kämpfen. Aber auch Dinge wie blaue Flaggen oder Ähnliches sind viel schwieriger zu handhaben, als es im TV manchmal aussieht."

Die Rechnung für diese höhere Unfallquote bekommen die Mittelfeld- und Hinterbänkler-Teams dann am Ende des Jahres präsentiert in Form von höheren Reparaturkosten für Schäden am Frontflügel, am Unterboden oder an sonstigen aerodynamischen Elementen. "Aber das war schon immer so. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass niemand von uns Spaß daran hat", so Sainz.

Ob Williams oder Aston Martin in Mexiko viel Spaß haben werden? Anhand der Ausgangslage vor dem 19. Wochenende der Formel-1-Saison darf das bezweifelt werden, allerdings ist die Strecke auf über 2200 Metern Meereshöhe immer wieder für eine Überraschung gut. Hier der Zeitplan für das Wochenende in Mexiko-City: