Knapp daneben ist auch vorbei. Nur 0,009 Sekunden fehlten George Russell beim Formel-1-Qualifying in Mexiko auf Polesetter Lewis Hamilton. Nur der Bruchteil eines Wimpernschlags trennte ihn von seiner ersten Pole Position seit dem Aserbaidschan-GP – und Mercedes hat Schuld daran.

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Zu keinem Zeitpunkt des Wochenendes sah Russell wie ein Anwärter auf die erste Startreihe aus, wie er selbst weiß. Obwohl er in Mexiko der schnellere Mercedes-Pilot war, reichte es zunächst nicht für die Spitzenposition. Doch dann kam plötzlich die letzte Runde im Q3. "Sie ist nicht leicht zu mir gekommen", gibt Russell zu. Nach dem ersten Versuch lag er lediglich auf Platz fünf, mit dem neuen Soft-Reifen fand er plötzlich die nötige Geschwindigkeit. Vor allem im Mittelsektor drehte der Brite auf und übernahm die Führung, bevor Hamilton ihm diese wegschnappte.

"Es fühlt sich ein bisschen so an, als könnte ich keine durchschnittliche Runde fahren", ist Russell von seinem schlagartigen Performance-Aufschwung frustriert. "Es ist entweder eine schreckliche oder eine großartige Runde. Das ganze Wochenende war keine Runde gut genug, um vorne mitzukämpfen, schon gar nicht für die Pole Position. Aber der letzte Run ist einfach schön zusammengekommen. Ich würde gerne wissen, wieso. Ich habe die Antwort darauf nicht."

Russell wollte Programm ändern: So verlor Mercedes die Pole Position in Mexiko

Russell weiß jedoch sehr wohl, was er bei seinem letzten Schuss geändert hat: Er fuhr keine zweite Vorbereitungsrunde. "Ich habe gesehen, dass Lewis [Hamilton, Anm. d. Red.] und Charles [Leclerc], auch Max [Verstappen], keine Prep-Lap fuhren. Wir haben das schon gemacht", erklärt der WM-Zweite. Das war Anweisung von Mercedes, um die Reifen ins richtige Arbeitsfenster zu bekommen. Das ist auf dem Autódromo Hermanos Rodríguez wegen des Zusammenspiels der extremen Höhenlage, des geringen aerodynamischen Abtriebs und des rutschigen Asphalts besonders schwer.

Dass die Konkurrenz einen anderen Weg ging und damit erfolgreicher war, machte Russell Mut, sich den Anweisungen zu widersetzen: "Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass wir es auch ohne eine Prep-Lap schaffen würden. Das Team wollte aber die zusätzliche Runde machen, deswegen haben wir Treibstoff dafür getankt."

In der Formel 1 gilt die Faustregel, dass 10 kg Gewicht in etwa 0,25 bis 0,35 Sekunden pro Runde kosten. Wie viele Liter Treibstoff ein F1-Auto verbraucht, ist schwer zu sagen, da diese Daten nicht öffentlich gemacht werden. Schätzungen zufolge wird pro Runde, abhängig von der Strecke, ungefähr 1,5 bis 2,5 Liter Benzin verbraucht, was 1,2 bis 1,8 kg Zusatzgewicht bedeutet. Der zusätzliche Treibstoff hätte Russell pro Runde also rund fünf Hundertstel gekostet – weit mehr als die neun Tausendstel, die ihm auf die Pole fehlten. Aber das sind eben nur Schätzungen.

"Hätten auf Pole stehen können": Russell trauert um verpasste Chance

"Es ist so eine kleine Zahl… Aber wenn du im Nachhinein darüber nachdenkst: Hätten wir nur für eine Runde getankt, könnten wir jetzt auf der Pole stehen", kann es sich Russell nicht verkneifen, über das verschenkte Potenzial nachzudenken. Dennoch ist er nach den zuletzt harten Rennwochenenden froh über seinen zweiten Startplatz. Seit Baku startete er nicht mehr in den Top 5.

Für das Rennen erwartet er einen sehr engen Kampf zwischen den Top-Teams. Weniger als zwei Zehntelsekunden trennten die fünf Schnellsten im Qualifying. "In der Rennpace wird es ähnlich sein", schätzt Russell. Das bedeutet auch, dass Überholmanöver noch schwieriger werden als ohnehin schon. Die dünne Höhenluft sorgt dafür, dass die Autos und Reifen beim Hinterherfahren schnell überhitzen. Deshalb ist Kurve eins umso wichtiger, weiß Russell.

Aber zumindest darf der Mercedes-Fahrer einen persönlichen Erfolg feiern: Ebenfalls zum ersten Mal seit Baku konnte er sich vor Kimi Antonelli qualifizieren. Der ist in Mexiko aber auch gar nicht in Top-Form – ausgerechnet an dem Wochenende, an dem er sich mit aller Wahrscheinlichkeit zum Weltmeister krönen wird.

Kranker Antonelli hat genug von WM-Gerede: "Schieße mich mit Melatonin weg"

Das Gerede über die WM-Entscheidung steht dem 20-Jährigen schon gehörigst an: "Ich bin angespannter als sonst. Wenn du den ganzen Tag immer wieder das Gleiche hörst, wenn dir Leute sagen, dass es sowieso schon entschieden ist… Ich versuche, das so gut wie möglich zu ignorieren, aber es ist nicht leicht."

Bereits seit Donnerstag ist bekannt, dass sich Antonelli von einer Viruserkrankung erholt. Nach dem Qualifying steht er zum ersten Mal an diesem Wochenende vor den Medienvertretern und spricht über seinen Gesundheitszustand: "Ich hatte hohes Fieber und Magenprobleme. Ich bin jetzt sehr müde, um ehrlich zu sein. Ich bin noch immer nicht ganz fit. Ich fühle mich energielos."

Daher überrascht es nicht, dass der 20-Jährige seinem Teamkollegen an diesem Wochenende bislang hinterherhinkt. Im Qualifying fehlten ihm zwei Zehntel auf Russell. Mehr als Startplatz fünf war nicht möglich – eine Position gewinnt er durch Max Verstappens Strafversetzung. "Ich weiß, dass ich nicht gut fahre", gibt Antonelli selbst zu. "Als ich ins Qualifying gegangen bin, habe ich mich gar nicht gut gefühlt. Das soll keine Entschuldigung sein, aber ich weiß, dass ich hier nicht meine beste Performance abliefere."

Im Rennen könnte er es theoretisch ruhiger angehen lassen: Für den Titelgewinn reicht Antonelli ein neunter Platz. Sollte weder Hamilton noch Russell gewinnen, ist die WM auch entschieden, egal auf welchem Platz Antonelli über die Ziellinie fährt. Aber Antonelli wäre kein Formel-1-Fahrer und baldiger Weltmeister, wenn er es ruhig angehen lassen würde. Volles Risiko will er aber nicht gehen: "Mit einem guten Start können wir ein paar Plätze gutmachen, aber ich will mich in Kurve eins aus allem raushalten."

Wie bereitet man sich als 20-Jähriger darauf vor, am nächsten Tag das Ziel zu erreichen, auf das man sein ganzes bisheriges Leben hingearbeitet hat? Wegen seiner Erkrankung kann Antonelli die Vorfreude allerdings kaum genießen. "Es ist wichtig, dass ich gut schlafe. Das konnte ich in den letzten Tagen nicht gut", verrät er über sein Abendprogramm. "Ich werde mich mit Melatonin wegschießen und hoffentlich zehn Stunden schlafen. So viel wie möglich relaxen, dann habe ich am Sonntag hoffentlich mehr Energie."