"Diese Vorstellung von 'Sieg um jeden Preis', egoistisch, opportunistisch und rücksichtslos zum eigenen Vorteil – dieses Modell des Rennfahrers ist tot", predigte Toto Wolff letzten Sonntag, nachdem sich sein Schützling Kimi Antonelli zum neuen Weltmeister gekrönt hat. Der Mercedes-Teamchef sprach von einer modernen Ära der Formel 1 und plädierte dafür, sich ein Beispiel an seinem 20-jährigen Wunderkind zu nehmen.

"Talent ist bei jedem vorhanden. Aber Kimi hat bewiesen, dass man jeden da draußen schlagen kann, indem man ein guter Mensch ist. Er repräsentiert den modernen F1-Fahrer", so Wolff weiter. "Wir haben einen neuen Champion, der Werte wie Demut, Integrität, Loyalität, Respekt und Authentizität verkörpert. Er sollte ein Vorbild für die jungen sowie für die wenigen eingebildeten Fahrer in der Formel 1 sein, von den endlosen Nörglern am Funk über diejenigen, die sich beschweren, bis hin zu denen, die Unfälle bauen."

Mit seiner Lobeshymne auf den neuen Titelträger teilt Wolff zugleich gegen Teile der Konkurrenz aus. Gerade seine Kritik an den ständigen Beschwerden über den Teamfunk lässt dabei auch an Max Verstappen denken. Der wird daher am Medientag in Brasilien auch auf diese Aussagen von Toto Wolff angesprochen. Der Red-Bull-Pilot, der sonst nicht mit offener Kritik und Gegenwehr spart, hält sich in der Pressekonferenz zunächst jedoch zurück.

Hamilton fordert Ferrari-Aussprache: "Leclerc fährt gegen mich härter!" (15:30 Min.)

Idealer Weltmeister? Verstappen: "Gut, wenn nicht alle gleich sind"

"Jeder darf seine eigene Meinung haben, richtig?", so Verstappen, der mit dieser Antwort schon eine gewisse Meinungsunstimmigkeit andeutet. "Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Jede Person ist unterschiedlich. Das ist gut für die Formel 1, denn wenn jeder die gleiche Persönlichkeit hätte, wäre es langweilig."

Ob Antonelli auch noch so nett und freundlich bliebe, wenn er sich in einem engeren WM-Kampf wiederfände, wie Verstappen bei seinem ersten Titel? "Vielleicht, vielleicht nicht. Wer weiß das schon? Es ist unmöglich zu wissen", lässt sich Verstappen nicht auf hypothetische Diskussionen ein. Formel-1-Experte Christian Danner ist überzeugt, dass ein Duell mit dem vierfachen Weltmeister eine Charakterprobe für Antonelli wäre. Mehr dazu lest ihr in diesem Artikel:

Später kommt Verstappen erneut auf dieses Thema zurück, als er auf die verschiedenen brasilianischen Weltmeister angesprochen wird. Auf die Frage, warum die Fans mit Ayrton Senna eine tiefere Verbindung zu haben scheinen als mit Emerson Fittipaldi oder Nelson Piquet, antwortet er: "Manche Fahrer wollen unbedingt eine tiefere Bindung aufbauen, also passiert das auf eine natürliche Art. Anderen ist es gar nicht wichtig. Ich bin ehrlich: Mir ist das auch nicht wichtig, weil ich gewinnen will."

Verstappen: Ich nörgle, damit sich das Team verbessert

"Ich bin hier, um zu gewinnen", stellt Verstappen klar und stellt sich damit gegen das von Wolff idealisierte Bild eines Champions. "Das ist mein Traum, seit ich ein kleines Kind war. Dafür habe ich von klein auf trainiert. Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, geht es mir darum, so viele Rennen wie möglich zu gewinnen. Nicht darum, Verbindungen mit jedem aufzubauen. Das ist ein schöner Bonus, aber mein Job ist es, zu gewinnen."

Verstappen wurde im Laufe seiner Formel-1-Karriere häufig – und vielfach zu Recht – als rücksichtslos, kompromisslos oder beinahe gefährlich bezeichnet. Für ihn war es stets die Gewinnermentalität, die ihn zu riskanten oder unfairen Manövern trieb. Doch gerade mit dieser Art hat er sich eine große Fangemeinde aufgebaut. Viele seiner Anhänger lieben seine schonungslose Ehrlichkeit und seinen Siegesdrang.

Er ist sich seines Nörgelns am Funk bewusst, sieht darin jedoch ein Mittel, um sein Team kontinuierlich zu verbessern. In diesem Jahr vergeht kaum eine Session, ohne dass sich Verstappen über die Gangschaltung beschwert. "Wenn man mich jammern hört, dann ist es nur, weil ich nie zufrieden bin. Damit stelle ich klar, dass das Team ins Detail geht und versucht, mehr Rundenzeit zu finden, denn ich weiß, dass dort mehr Rundenzeit drinnen ist", erklärt er in São Paulo.

Verstappen lobt Red-Bull-Wende: Was ist in Brasilien möglich?

Dass die Fans seine Beschwerden seit einigen Rennen aufgrund nicht näher definierter Funkprobleme nicht mehr verstehen konnten, kam ihm ebenfalls gelegen. Beim letzten Rennen in Mexiko wurde die Angelegenheit geregelt – zumindest teamintern. Die Übertragung an die anderen Teams soll hingegen von schlechter Qualität sein. "Aber das ist eigentlich fantastisch. Wir sollten versuchen, das beizubehalten", scherzt er. In den TV-Aufnahmen war er zumindest gut zu verstehen.

Verstappen darf mit einem guten Gefühl nach Brasilien reisen. Nicht nur, weil das Autódromo José Carlos Pace zu den Paradestrecken des Regenmeisters gehört und für das Wochenende nasse Bedingungen vorhergesagt sind, sondern auch, weil sich Red Bull auf dem Aufwärtstrend befindet. Das Team hat sich so stark verbessert, dass Verstappen seit der Sommerpause 152 Punkte aufholen konnte. In Mexiko schob er sich damit auf WM-Platz zwei. Lewis Hamilton und George Russell sammelten in der gleichen Zeit nur 90 Zähler.

"Es ist eine große Überraschung, dass ich Zweiter bin, aber das nehme ich mit", zeigte sich Verstappen zufrieden mit seiner Platzierung. "Das zeigt, dass wir als Team nie aufgegeben haben und wirklich pushen, um uns zu verbessern und die Schwierigkeiten zu verstehen. Ich bin glücklich mit dieser Saison und wie wir die Wende geschafft haben." Für den Großen Preis von São Paulo will er noch keine Prognose abgeben: "Es ist schwer zu sagen, weil die Abstände unter den Topteams so eng sind. Manchmal kommt es nur darauf an, das Setup oder den Energieeinsatz richtig hinzukriegen. Wir müssen versuchen, das zu tun."

Die Formel 1 trauert: Alan Jones, Weltmeister von 1980, ist mit 80 Jahren verstorben. Als erster Williams-Champion und letzter australischer F1-Weltmeister schrieb er Motorsportgeschichte.