Vielleicht sollte George Russell den letzten Triple-Header einfach auslassen. Die Fahrer-Weltmeisterschaft hat er verloren, den Konstrukteurs-Titel hat Mercedes in Brasilien gesichert. Arbeit erledigt, Saison abgehakt. Es gibt nichts mehr zu holen für ihn. Eine längere Winterpause von der Formel 1 könnte ihm helfen, sich von diesem vom Pech geprägten Jahr zu erholen. In Interlagos setzte sich seine Pannenserie nämlich fort.

Nach einem guten Start hatte er bereits vor Kurve eins Oliver Bearman und Nico Hülkenberg hinter sich gelassen. Wenige Runden später ging er auch an Isack Hadjar sowie Liam Lawson vorbei und war damit auf Platz drei vorgefahren. Als die Strecke zunehmend abtrocknete, bog er hinter Lando Norris in Runde 17 in die Boxengasse ab.

Da fast das gesamte Feld bis auf Kimi Antonelli und Max Verstappen ihnen an die Box folgte, um die Intermediate-Reifen gegen Softs auszutauschen, hätte Russell also keine Plätze verloren. Für den gebeutelten WM-Dritten deutete alles auf ein gutes Rennen hin. Doch dann passierte das Malheur: Russell drehte sich direkt in der Boxengassenausfahrt und verlor in wenigen Sekunden drei Plätze.

Peinliche Szene: Das könnte der Grund für Russells Boxenstopp-Dreher gewesen sein

"Ich bin nicht ganz sicher, was passiert ist", meint Russell nach dem Rennen zu der peinlichen Szene. Es ist eigentlich nicht schwer zu erklären: Die Ausfahrt war die nasseste Stelle der Strecke, der Slick-Reifen noch sehr kalt. Wenig Grip, rutschige Strecke und eine Kurve direkt am Ausgang – ein Rezept für Desaster, wenn man nicht besonders vorsichtig agiert. Russell wurde zweimal am Funk von seinem Renningenieur Marcus Dudley gewarnt, dass die Stelle noch nass war.

"Ich bin ein hohes Risiko eingegangen, denn ich habe meine Chance gerochen. Dafür habe ich aber den Preis bezahlt", verteidigt sich der Mercedes-Pilot. Er konnte in der engen Gasse keine ganze 360°-Drehung absolvieren, um sich wieder richtig hinzustellen. Er musste einmal reversieren, kratzte dann mit der rechten Flanke an der Wand entlang. In der Zeit quetschten sich sowohl Hadjar, Lawson als auch Oscar Piastri an ihm vorbei.

"Ich glaube, wir haben beiden Fahrern teils ein schwieriges Auto gegeben", nimmt Teamchef Toto Wolff Russell in Schutz und das Team in die Verantwortung. "George ist nicht jemand, der sich im Ausgang der Boxengasse dreht. Ich glaube, wir haben die Reifendrücke oder das Setup verbockt. Wenn man sich das Auto anschaut, sind die Hinterreifen komplett abgefahren, die Vorderreifen sehen aber aus wie neu. Es gibt da also etwas, das wir noch nicht entdeckt haben."

Rettete Boxenstopp-Dreher Russells Rennen? "Ironischerweise"

Russell war von Platz drei auf Platz acht zurückgefallen, da Antonelli und Verstappen nach ihren Boxenstopps weit vor ihm wieder auf die Strecke kamen. Dazu hatte ihn Hülkenberg dank der Pirouette ein- und überholt. Zehn Runden mühte er sich hinter dem Audi ab, bis er ihn endlich beim Anbremsen zur Kurve eins hinter sich lassen konnte. "In diesen Momenten gewinnst oder verlierst du. Dieses Mal ist es für uns nicht aufgegangen", so Russell, der aber felsenfest überzeugt ist: "Ironischerweise habe ich mich deswegen wieder zurück ins Rennen gebracht."

Da er im Klassement so weit zurückfiel, entschied sich Mercedes, seinen Soft-Stint in die Länge zu ziehen, um auf den bevorstehenden Regen zu warten. Unglaubliche 45 Runden verbrachte er auf der weichsten Mischung, während andere Fahrer bereits nach 25 Runden die Reißleine zogen. Obwohl er am Ende drei Sekunden langsamer war als die Spitze, ist Russell mit seinem zweiten Stint sehr zufrieden.

"Ich hatte eine richtig gute Pace auf den Soft-Reifen, ich denke, die schnellste Rennpace. Es ist eine Weile her, seit ich der Schnellste war", nimmt Russell das Positive mit. In Runde 62 wurden seine Gebete dann endlich erhört: Der Regen setzte ein und die Bedingungen verlangten nach Intermediates. Russell war der Erste an der Box, Antonelli blieb noch eine Runde draußen. Ein Fehler vom Weltmeister, wie sich herausstellte: Er kam zwar vor seinem Teamkollegen auf die Strecke, wurde dann aber vom Team angewiesen, den schnelleren Russell vorbeizulassen.

Mercedes feiert WM-Sieg: Jetzt Bevorzugung für Russell im Kampf um P2?

"Es war ein riesiger Vorteil", lobt Russell die schnelle Entscheidung seiner Crew. Auf dem Intermediate-Reifen bekam sein W17 aber plötzlich Balance-Probleme. "Wir wissen nicht, was los war", gibt Russell zu. "Ich habe mich auf den Regen gefreut, aber dann hatte ich null Pace." An fehlender Temperatur soll es nicht gelegen haben. Der Brite hat eine Theorie: Da er der Erste auf den Regenreifen war, war die Strecke auf seiner Outlap gerade noch zu trocken und die Intermediates überhitzten. "Danach fällst du in eine Abwärtsspirale", so Russell. "Das ist derzeit die einzige Erklärung."

Er brachte seinen Mercedes noch auf Platz vier über die Ziellinie. Mit Platz fünf für Antonelli und beiden Ferraris außerhalb der Top 5 sicherten sich die Silberpfeile ihren neunten Konstrukteurstitel. "Das ist heute Georges Weltmeisterschaft", versucht Wolff, für Teamfrieden zu sorgen. "Er ist ein Teil des Teams und ich bin wirklich glücklich, dass er diesen Moment genießen kann. Das schulden wir ihm."

In der Fahrer-WM befindet sich Russell jetzt noch im Kampf um Platz zwei. Max Verstappen liegt 17 Punkte vor ihm, Lewis Hamilton nur einen Punkt hinter ihm, Charles Leclerc fehlen elf auf Russell. Darf er sich jetzt Bevorzugung und Schützenhilfe vom Weltmeister erhoffen? "Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht", so Wolff. Dem Vorschlag steht er allerdings offen gegenüber: "Wir möchten, dass er das Maximum erreichen kann und hoffentlich Zweiter wird. Es könnte eine Möglichkeit sein, dass wir uns komplett auf ihn konzentrieren." Das ist wohl das Mindeste, das Mercedes nach dieser Saison tun kann.