Eine Woche nach dem Gewinn der Formel-1-Weltmeisterschaft hätte Kimi Antonelli auch noch die Kür nachlegen können. In Brasilien sah es nach der Startphase danach aus, als ob der Italiener seinen zehnten Saisonsieg feiern würde. Seine Führung gegenüber dem späteren Rennsieger Lando Norris betrug zwischenzeitlich bereits sieben Sekunden und er hatte alles unter Kontrolle. Am Ende landete er allerdings nicht einmal auf dem Podium.
Denn als die Strecke langsam auftrocknete, ging für den Mercedes-Fahrer plötzlich alles schief. Zunächst warteten seine Strategen beim Wechsel auf die Trockenreifen eine Runde länger ab als die Konkurrenz, was ihn direkt unter Druck von Norris brachte, dessen Reifen schon auf Temperatur waren. Dann kam Runde 20 und mit ihr in Kurve 1 plötzlich ein unvermittelter Dreher des Youngsters.
Wieso drehte sich Kimi Antonelli in Brasilien? Toto Wolff hat eine Theorie
Am Steuer seines Mercedes war Antonelli schnell davon überzeugt, dass ihn ein technisches Problem ereilt hatte – und das schon vor seinem Dreher. "Etwas fühlt sich mit dem Auto komisch an", meldete er eine Runde nach seinem Reifenwechsel, was sein Renningenieur Peter Bonnington auf die noch mangelnde Temperatur zurückführte. Doch Antonelli widersprach: "Nein, es ist die Aufhängung."
Nach dem Abflug führte er weiter aus: "Das Auto zieht beim Beschleunigen in eine Richtung. Es ist sehr komisch." Und dann nochmal: "Ich kann in den Linkskurven nicht lenken. Das Auto steuert sich selbst. Könnt ihr das etwa in den Daten nicht sehen?" Konnte das Team tatsächlich nicht. Das Einzige, das die Mercedes-Boxenmauer ausmachen konnte, war ein Temperaturverlust der linken Reifen in den Linkskurven.
Nach dem Rennen ist sich Antonelli deshalb seiner Sache nicht mehr so sicher und erwähnte seine Theorie mit der Aufhängung nicht mehr. Aber er konnte sich nach wie vor auf den Dreher in Kurve 1 keinen Reim machen: "Ich weiß nicht, warum ich das Heck so abrupt verloren habe. Ich erhielt keine Vorwarnung - nichts. Aber es hat sich schon komisch angefühlt, als wir die Softs aufgezogen haben."
Teamchef Toto Wolff geht nicht von einem Defekt aus, er hat eine andere Theorie: "Ich glaube, dass wir mit den Reifendrücken oder mit dem Setup irgendwo falschlagen." Einen Hinweis darauf glaubt er nach der Zieldurchfahrt in Parc Ferme gesehen zu haben: "Ich habe mir jetzt auch die Autos angeschaut und die Hinterreifen sind komplett abgenutzt, die Vorderreifen schauen wie neu aus. Es gibt also etwas, das wir übersehen haben."
Dass Teamkollege George Russell in derselben Rennphase auch einen Dreher zu verzeichnen hatte, spricht dafür, dass ein allgemeines Mercedes-Problem zugrundelag. Der Brite meldete auch ein "komisches Fahrverhalten" seines Boliden in jenem Stint, was aber nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben muss. Fahrer anderer Teams – darunter Max Verstappen – gaben vergleichbare Wortmeldungen ab.
Wolff ist überzeugt, dass eine Teilschuld am Auto liegt. "Ich denke, wir haben beiden ein Auto gegeben, das manchmal sehr schwierig zu fahren ist", so der Österreicher. Worte, die Wolff so ähnlich in den letzten eineinhalb Monaten schon mehrfach wählte. Nämlich seitdem ein groß angelegtes Upgrade am W17 für viele Diskussionen sorgte. Nach einigen Versuchen ist klar: Das modifizierte Auto ist zwar schneller, aber hat ein schmales Arbeitsfenster, und das Setupfenster unterscheidet sich stark von jenem der Vorgängerversion.
Kimi Antonelli wird nach Teamorder nur Fünfter – und bekommt eine Strafe
Der Dreher kostete Antonelli die Rennführung und es dauerte auch lange, bis sich im Stint nach dem Vorfall seine Pace erholte. Bis dahin war Antonelli schon auf P4 zurückgefallen. Nach einem für ihn ungünstig getimeten Regenschauer im letzten Rennviertel musste er auch noch einen weiteren Platz an Teamkollege Russell abgeben und zu allem Überfluss kam nach dem Rennen eine Zeitstrafe für einen Unsafe Release dazu. Diese blieb aber in Bezug auf die Endposition wirkungslos.
"Ich bin sehr enttäuscht und sehr wütend", fasste Antonelli nach dem Ende des Grand Prix im Interview den Stand seiner Emotionen kurz zusammen. Trost kann er aber immerhin darin finden, dass Mercedes nach Brasilien offiziell die Konstrukteurs-WM für die Formel-1-Saison 2026 in der Tasche hat. "Ich werde das [den Ärger über das Rennen, d. Red] für den Moment beiseitelegen, denn als Team haben wir den Titel gewonnen und das haben sich alle verdient", so Antonelli weiter. Für die Teamfotos nach dem Grand Prix zeigte er sich deshalb wieder in guter Stimmung.



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