Die ganze Welt hörte zu, als Renault-Pilot Giancarlo Fisichella über den Boxenfunk unterwiesen wurde: "Vor dir fährt Michael, er ist einfach zu überholen." Eine nüchtern-sachliche Aussage, die umso schmerzhafter ist. Vorbei sind die Zeiten, in denen man vom "signalroten Helm" lesen konnte, dessen Anblick im Rückspiegel jeden Gegner ehrfürchtig zur Seite weichen ließ. Von Ehrfurcht kann keine Rede mehr sein, vielmehr erntet der erfolgreichste aller Formel 1-Piloten zurzeit nur noch Hohn und Spott. Man könnte meinen, so mancher Journalist habe jahrelang darauf gewartet, über Schumacher herfallen zu können, ihn vorzuführen.
Die spanische AS fragt spöttisch: "Wo ist der Kaiser? Schumacher langsamer denn je." Das Konkurrenzblatt Marca attestiert: "Schumacher zeigt erste Alterssymptome, an Schumi nagen die Jahre." Aber auch in Italien scheint man jeglichen Respekt vor dem siebenfachen Formel 1-Weltmeister verloren zu haben. L'Unità erkennt bereits "Schumachers Untergang. Der rote Stier von Liuzzi demütigt den Kaiser". Für den Corriere della Sera "verschlechtert Schumacher noch die Lage von Ferrari", und man fragt: "Was ist mit Schumacher geschehen? Er ist nicht mehr der Alte."
Rücktritt? 52 Prozent sagen: Es wird Zeit!
Aber sogar im eigenen Land scheint man Schumacher abgeschrieben zu haben. Der Express wollte von seiner Leserschaft wissen: "Soll Schumi aufhören?" Die Antwort ist vernichtend, denn zurzeit sind es satte 52 Prozent, die der Meinung sind: "Ja! Es wird Zeit!"

Lebendlegende Jackie Stewart hat erst unlängst in einem Exklusivinterview mit motorsport-magazin.com erklärt: "Ich hätte ihm gewünscht Ende 2004 zurückzutreten. Das habe ich damals schon gesagt."
Der schottische Ex-Weltmeister fügte hinzu: "Vielleicht hat er das richtige Timing verpasst. Denn man wird immer nach den Ergebnissen beurteilt, die man beim Rücktritt vorweisen kann. Deshalb wäre es für ihn schöner gewesen als sprichwörtlich ungeschlagener Champion abzutreten."
Stewart besorgt: Schumacher macht zu viele Fehler!
Den Auftritt von Schumacher in Down Under hat Stewart mit Besorgnis beobachtet - gegenüber dem britischen Mirror erklärte er: "Schumacher leistete sich sehr viele Fehler an diesem Wochenende und auf diesem Level ist es nicht erlaubt, derart viele Fehler zu begehen. Das war ein sehr schwerer Unfall - in unseren Tagen hätten wir uns einen solchen nicht erlauben dürfen, man wäre getötet worden." Damit werden wieder jene Stimmen erweckt, welche schon immer davon sprachen, dass Schumacher mit überlegenem Material sehr wohl dominieren könne, er aber unter Druck viel zu viele Fehler fabriziere.
Hoffnung: Rundum erneuerter Ferrari!
Sein früherer Benetton-Stallkollege Johnny Herbert rät Schumacher, am Ende des Jahres aufzuhören - doch zurzeit scheint der Kerpener keine Gedanken an einen Rücktritt zu verschwenden. Vielmehr hofft er auf einen rundum erneuerten Ferrari, der die nächsten Wochen über intensiv getestet werden und in Imola sein Debüt geben soll. Angeblich soll an dem modifizierten Boliden nahezu alles neu sein - neue Motoren-Ausbaustufe, neues Aero-Paket, neue Radaufhängungen und schließlich neue Reifen.

Ein Bridgestone-Sprecher erklärte gegenüber Bild: "Ferrari hatte eine neue Reifenmischung zur Verfügung, testete sie in Melbourne aber nicht. Nur so viel: Toyota wurde damit Dritter! Ferrari darf sich bei uns also nicht beschweren." Die Reifen-Fehlentscheidung - die Gazetta dello Sport wunderte sich darüber, wie es möglich sei, dass Schumacher mit seiner Erfahrung den "selbstmörderischen Beschluss, härtere Reifen einzusetzen" mittragen konnte. Johnny Herbert warnt Schumacher davor, dass er "viel von seinem Glanz verlieren" könnte, sollte er nicht noch einmal an die alten Erfolge anknüpfen können.
Demontage
Die drohende Demontage der Schumacher-Statue hat längst begonnen - offenbar übt es einen gewissen Reiz aus, jenen Mann, den man mehr als ein halbes Jahrzehnt für unschlagbar hielt, in großen Problemen zu sehen. Die Welt schrieb: "Gern hätte man in diesem Moment in sein Gesicht geblickt auf der Suche nach einer verräterischen Mimik, die von Groll oder Ratlosigkeit zeugt. Aber wie immer in den Minuten, die einer großen Enttäuschung auf der Grand-Prix-Rennstrecke folgten, behielt Ferrari-Pilot Michael Schumacher seinen Helm auf und lief wie ferngesteuert vom Ort des Geschehens."
Manche entdeckten gar eine völlige Verwirrtheit, weil Schumacher nach seinem Crash durch die Toyota-Garage in Richtung Ferrari-Motorhome lief - dabei wollte er einfach nicht im Wege stehen, wie er nachher erklärte. Für Michael Schumacher gibt es in Wahrheit nur zwei Möglichkeiten, seine öffentliche Demontage zu stoppen: Das Anknüpfen an alte Erfolge - oder ein baldiger Rücktritt als Schadensbegrenzung.

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