Dennis, wie geht es deinem Schützling Kelvin van der Linde nach dem schweren Unfall am Norisring?
Dennis Rostek: "Stand heute geht es Kelvin gut. Aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, am Mittwoch den Test in Oschersleben zu bestreiten. Natürlich hat er noch leichte Schmerzen. Aber sie sind inzwischen so gering, dass wir von einem ganz anderen Ausgangspunkt sprechen als noch direkt nach dem Unfall am Norisring. Kelvin wurde bereits in Nürnberg nach den Untersuchungen als gesund aus dem Krankenhaus entlassen. Er hätte theoretisch sogar schon am Sonntag wieder fahren dürfen. Das war wegen seiner Prellungen aber schlichtweg nicht möglich."
Warum wurde er nach dem ersten Check im Medical Center noch ins Krankenhaus eingeliefert?
Dennis Rostek: "Wir haben in unserem Team seit vielen Jahren einen Vertrauensarzt im Hintergrund. In einem solchen Fall rufen wir ihn sofort an. Er nimmt dann direkt Kontakt mit dem leitenden Arzt vor Ort auf. Das war auch bei Kelvin der Fall. Nach der ersten Untersuchung waren sich beide Ärzte einig, dass zunächst einmal alles in Ordnung aussieht. Um jegliche Verletzungen auszuschließen, haben sie aber gemeinsam entschieden, ein MRT durchführen zu lassen. Deshalb wurde Kelvin zur abschließenden Untersuchung ins Krankenhaus nach Nürnberg gebracht."
Van der Linde war in der vergangenen Woche im Athlete Performance Center von Red Bull. Was war der Grund für diesen Besuch?
Dennis Rostek: "Wir haben gemeinsam mit unserem Partner Red Bull entschieden, dass Kelvin eine Art Reha-Maßnahme vornimmt. Er hat sich in Fuschl die Woche über verschiedenen Behandlungen und Rehabilitationsmaßnahmen unterzogen. Am Freitag vergangener Woche wurde dann entschieden, dass er wieder einsatzbereit ist. Deshalb haben wir beschlossen, dass er probieren wird, den Test in Oschersleben zu fahren."

Kelvin sagt selbst, dass dies der schwerste Unfall seiner Karriere gewesen sei. Was glaubst du, wie er mental damit umgeht?
Dennis Rostek: "Ich habe absolut keine Bedenken, dass Kelvin den Unfall nicht auch mental gut verarbeitet hat. Wir wissen alle, dass Motorsport gefährlich ist. Er ist sehr sicher und wird auch immer sicherer, aber am Ende des Tages betreiben wir eine Risiko-Sportart. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, auch, wenn wir das häufig gerne mal verdrängen. Bei Vorfällen wie auf dem Norisring wird uns das aber wieder sehr direkt vor Augen geführt. Es gibt unvorhersehbare Dinge im Motorsport, die wir nicht beeinflussen und die unser Leben verändern können. Deshalb bin ich sehr glücklich darüber, dass Kelvin nichts Schlimmeres passiert ist."
Nach einem hoffnungsvollen Saisonstart mit einem Sieg und zwei Pole Positions ist van der Linde in der DTM-Tabelle auf den zwölften Platz abgerutscht. Verläuft sein DTM-Comeback so, wie ihr es euch vorgestellt hattet?
Dennis Rostek: "Definitiv nicht. Leider fehlte Kelvin häufig auch das nötige Quäntchen Glück. Zur BoP möchte ich mich nicht äußern. Ich sehe aber, dass der BMW im Moment in der Startaufstellung nicht gut genug für die Top-10 ist. Das hat man am Norisring gesehen. Wenn du in der DTM nicht aus den Top-10 startest, hast du keine Chance, egal, auf welchem Kurs. Wir wollten das, was wir am Red Bull Ring begonnen hatten, fortsetzen und zur Saisonhalbzeit um die Meisterschaft kämpfen. Aus unserer Agentur Pole Promotion ist das Nicki (Thiim, inoffizieller Halbzeitmeister) auch gelungen. Kelvin ist davon derzeit weit entfernt. Es ist noch keine komplette Gefahr in Sicht. Wenn jetzt allerdings nicht etwas Drastisches passiert, dann bekommen wir Probleme."
Nach unseren Informationen läuft der Vertrag von Kelvin van der Linde bei BMW zum Saisonende aus. Kannst du das bestätigen?
Dennis Rostek: "Ich kommuniziere nie etwas zu Verträgen einzelner Fahrer von mir. Ich kann nur sagen, dass ich im Moment sehr viel Arbeit habe, weil sich in unserem Fahrerportfolio zwei Piloten befinden, deren Verträge zum Jahresende auslaufen. Deshalb lote ich aktuell den Markt aus und schaue, welche Möglichkeiten es gibt. Um welche Fahrer es konkret geht, sage ich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich sehr froh bin, Kelvin bei BMW platziert zu haben. Aktuell sind wir dort glücklich. Wohin die Reise für die Fahrer geht, die ich unter Vertrag habe oder betreue, werden die nächsten vier Wochen zeigen. Meine Zielsetzung ist klar: Bei meinen beiden offenen Baustellen möchte ich Ende August fertig sein. Dann obliegt es dem Hersteller, wann er dazu offiziell etwas kommunizieren möchte."

Mit Rene Rast und Sheldon van der Linde gehen zwei deiner Schützlinge im BMW-Werksprogramm auf der Langstrecke in der WEC bzw. IMSA an den Start. Wäre die Prototypen-Klasse auch für Kelvin van der Linde und Nicky Thiim erstrebenswert?
Dennis Rostek: "Ich würde meinen Job schlecht machen, wenn ich nicht auch in Richtung Werkssport auf der Langstrecke schauen würde. Mein Herz schlägt seit mehr als 20 Jahren für die DTM. Am Ende gibt es aber immer wieder Entwicklungen neben der DTM, denen man Aufmerksamkeit schenken muss. Das war damals bei Rene in der Formel E so und auch bei Kelvin. Letztlich muss ich mich an den Automobilherstellern orientieren. Die höchste Klasse neben der Formel 1 sind für mich die Hypercars in der in der WEC. Natürlich muss man das in die Waagschale werfen."
Und eure Fahrer von Pole Promotion haben diesen Wunsch auch?
Dennis Rostek: "Das ist der Wunsch aller meiner Fahrer, weil diese Rennautos einfach unglaublich sind. Mit Sheldon im Doppelprogramm aus IMSA und WEC sowie Rene in der WEC habe ich dort zwei Fahrer platziert. Gab es eigentlich schon mal ein Brüderpaar in diesen Autos? Ich kann jedenfalls sagen, dass die WEC für alle der große Traum ist. Fakt ist, dass sich dort auch das meiste Geld verdienen lässt. Die Jungs können ungefähr zehn Jahre lang gutes Geld verdienen. In diesen zehn Jahren musst du sie dort platzieren, wo es am attraktivsten ist."
Spielt das Finanzielle die Hauptrolle bei diesen Überlegungen?
Dennis Rostek: "Das Geld steht am Ende. Zuerst schauen wir, wie das Paket eines Herstellers aussieht und wie stark es ist. Ich erstelle für jeden meiner Schützlinge einen Fünfjahresplan und überprüfe ihn zweimal im Jahr. Auch in einem solchen Plan kann sich sehr schnell etwas verändern. Dabei stellen sich viele Fragen, die es zu bewerten und abzuwägen gilt: Wie konkurrenzfähig sind die Fahrzeuge eines Herstellers? Wann kommt ein neues Auto? Wie lange sind ihre Programme geplant? Wie sieht der jeweilige Fahrerkader aus? Wir schauen uns auch die vorhandenen Technikleute an und welches Personal wir möglicherweise selbst mitbringen können. Das muss man immer wieder neu beleuchten."
Wie bewertest du aktuell die DTM als Plattform?
Dennis Rostek: "Die Zuschauerzahlen in der DTM sind nach wie vor fantastisch. Es ist Wahnsinn, wie die Serie die Fans weiterhin mobilisieren kann. Die Fans lieben das Produkt. Was die Zuschauerzahlen betrifft, entwickelt sich die DTM absolut in die richtige Richtung. Das ist die positive Seite. Die Zuschauer wollen allerdings auch Autos und bekannte Rennfahrer sehen, die im Kreis fahren. Das Spitzenprodukt namens DTM funktioniert noch, aber mit Blick auf die Rahmen- und Nachwuchsserien hat es schon einige Warnschüsse gegeben. Da muss man sehr gut aufpassen, denn ansonsten bricht das Ganze irgendwann zusammen."
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