Als Lewis Hamilton die Ziellinie überquert und auf den Screens entlang der Strecke die 1 aufleuchtet, gibt es auf den Tribünen in Silverstone kein Halten mehr. Bereits in SQ1 und SQ2 präsentierte sich Ferrari extrem stark - allen voran im schnellen letzten Sektor und auf der Hangar Straight. Doch im entscheidenden Segment SQ3 hatte Hamilton zu kämpfen. Und doch reichte es, um Mercedes-Youngster Kimi Antonelli um hauchdünne elf Tausendstelsekunden auf Platz zwei zu verweisen.

"Ich hatte echte Sorge um die Rundenzeit, weil er das Auto durch die letzten Kurven regelrecht hindurchkämpfen musste. Das Heck brach immer wieder aus und die Reifen waren absolut am Limit. Aber er hatte am Ende noch genügend Grundgeschwindigkeit, um sich die Pole zu sichern. Das war eine klassische, typische Lewis-Hamilton-Runde in Silverstone", schwärmte Formel 1-Experte Martin Brundle am Mikrofon bei Sky Sports. Wie eng es zwischen Hamilton und Antonelli im finalen SQ3-Showdown wirklich war, verdeutlicht diese Grafik:

Tatsächlich sicherte sich Hamilton die Sprint-Pole, ohne in einem einzigen der drei Abschnitte die absolute Bestzeit zu fahren. Die theoretisch schnellste Kombination aller Sektor-Bestzeiten hätte bei 1:28,225 Minuten gelegen. Hamilton fuhr die Pole in 1:28,376 Minuten heraus.

Die Bestwerte im Überblick:

  • Sektor 1: Kimi Antonelli – 28,094 Sekunden
  • Sektor 2: Kimi Antonelli – 35,623 Sekunden
  • Sektor 3: Lando Norris – 24,512 Sekunden

Sprint-Pole für Hamilton eine Überraschung

"Wow! Das fühlt sich richtig, richtig gut an. Ich liebe es einfach. Ich liebe diesen Ort, ich liebe diese Fans", prasselte es emotional aus Hamilton heraus. Nach den Interviews kletterte er direkt am Boxenausgang sogar auf einen Zaun, um der jubelnden Menge zuzuwinken. Dabei hatte er seinen Anhängern am Donnerstag noch einen herben Dämpfer verpasst: In der offiziellen FIA-Pressekonferenz prophezeite er, dass Silverstone für Ferrari noch schwieriger werden würde als der Red Bull Ring, wo die Scuderia eine Woche zuvor im Rennen massive Probleme hatte.

"Ehrlich gesagt hätten wir vor Silverstone niemals erwartet, um die erste Startreihe zu kämpfen. Wir hatten angenommen, auf der Geraden bis zu sechs Zehntel zu verlieren. In Österreich waren es vier Zehntel", erzählte Hamilton. Stattdessen fuhr er schon im FP1 vorne mit. "Ich habe das Team gefragt, ob das echt ist oder ob die anderen im Qualifying noch aufdrehen werden", verriet der Brite. Während Ferrari in Österreich mit einem großen Update-Paket anrückte, hat das Team für den Highspeed-Kurs in Silverstone nur Kleinigkeiten geändert.

Durch vergrößerte Einlass- und Auslassöffnungen versuchten die Ingenieure, die Kühlung im thermisch sensiblen Bereich der Hinterachse zu verbessern. Zusätzlich wurde der untere Deflektor überarbeitet und das hintere Winglet-Paket optimiert, um die aerodynamische Lastverteilung zu erhöhen. Entsprechend galt Hamiltons Dank vor allem der Ferrari-Mannschaft: "Vielen Dank an alle im Werk, die unermüdlich weiterpushen. Wir haben hier wieder kleine, feine Updates dabei. An jedem Wochenende bringen wir etwas Neues. Jeder gibt absolut alles."

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Der Silverstone-Spezialist schlägt wieder zu

Hamilton gilt seit jeher als der unbestrittene Silverstone-König. Bereits siebenmal stand er beim Hauptrennen auf der Pole Position, neunmal gewann er den Großen Preis von Großbritannien. Schon als 2021 erstmals das Sprint-Format debütierte, gab es an ihm kein Vorbeikommen. Damals hatte er 75 Tausendstel Vorsprung auf Max Verstappen. Sobald er britischen Boden betritt, scheint er im Cockpit die sprichwörtlichen Extra-Zehntel zu finden.

"Das Publikum macht mindestens ein paar Zehntel aus", scherzte Hamilton und fügte an: "Ich bin unglaublich dankbar für diesen ersten Platz. Ich war das gesamte Qualifying über schnell, aber am Ende waren es eben nur rund zehn Millisekunden Vorsprung. Es war extrem eng da vorne. Aber das Auto hat sich heute großartig angefühlt." Mit Blick auf den Sprint am Samstag zeigt er sich angriffslustig: "Unser Renntempo sieht gut aus. Im Training konnten wir wegen der knappen Zeit zwar nur einen kurzen Longrun fahren, aber das Auto fühlte sich gut an. Ich glaube, wir können morgen ein starkes Rennen zeigen."

Leclerc sucht nach dem richtigen Gefühl

Mit einem Sieg im Sprint - dem einzigen Meilenstein, der ihm bei seinem Heimspiel noch fehlt - würde sich Hamilton endgültig die Krone als ewiger Silverstone-GOAT aufsetzen. Charles Leclerc landete auf dem vierten Startplatz, lag dabei aber bereits deutliche 0,327 Sekunden hinter Hamilton zurück. Entsprechend geknickt präsentierte sich der Monegasse nach der Session. "Lewis schafft es aktuell einfach deutlich häufiger, einhundert Prozent des Potenzials aus diesem Auto abzurufen. Ich hingegen schaffe das nicht", suchte er nach Antworten auf sein anhaltendes Formtief.

"Ich muss im Moment wirklich an allem arbeiten, vor allem aber an meinem Gefühl für dieses Auto. Wenn man dieses blinde Vertrauen in das Fahrzeug nicht hat, ist es unheimlich schwierig, die letzte Rundenzeit herauszuholen. Ich habe enorme Mühe, konstant an meinem Limit zu operieren. In SQ1 und SQ2 war ich noch nah dran, aber in SQ3 habe ich das Auto beim finalen Run komplett verloren. Ich spüre das Auto einfach nicht so, wie ich es müsste", so der Ferrari-Pilot.