Nach Wochen in der Krise gelang Charles Leclerc beim Formel-1-Rennen in Silverstone der Befreiungsschlag. Das bisschen Glück durch den Ausfall von Mercedes-Star Kimi Antonelli und ein Finish hinter dem Safety Car konnten ihm den Erfolgsmoment nicht nehmen. Der Weg aus der Krise erforderte für ihn weit mehr als nur einen erfolgreichen Sonntag-Nachmittag in England. Kritiker und Zweifler durften sein Selbstvertrauen nicht untergraben.

"Es bedeutet mir sehr viel. Wenn die Dinge schwierig werden, und das war in meiner Situation in den letzten paar Rennen der Fall, bist du von sehr viel Negativität umgeben. Es wurden um mich viele Narrative gesponnen", so Leclerc nach seinem neunten Formel-1-Sieg. Seit dem US Grand Prix 2024 in Austin hatte er auf diesen Triumph gewartet. Der Aufschwung von Teamkollege Lewis Hamilton samt dessen ersten Ferrari-SIEG in Barcelona tat vor dem Hintergrund seiner eigenen Misserfolge sein Übriges.

"Ich kann nicht sagen, dass mich das antreibt. Ich versuche, diesen Lärm weitestgehend auszublenden. Ich schaue nicht aufs Telefon, sondern fokussiere mich auf das, was relevant ist", erklärt der 28-Jährige. In Monaco und Barcelona hatte er zwei Nullnummern, in Österreich wurde er nur Achter. "In solch einer Umgebung zu arbeiten, ist nie schön", sagt er mit Blick auf die kritische Berichterstattung aufgrund seiner Fahrfehler und ausbleibenden Resultate.

Charles Leclerc plötzlich ein schlechter Formel-1-Fahrer?

"Nur ich hatte das richtige Bild der Situation. In diesem Sport gehst du in zwei Tagen vom Hero zur Zero und umgekehrt. Das kann beeinflussen, wie du selbst die Situation siehst", erklärt er. "Ich wusste, dass ich von einem auf den anderen Tag kein schlechter Fahrer geworden bin. Diese Autos sind sehr speziell und es braucht länger, um sich daran zu gewöhnen. Ich hatte einen guten Saisonstart und habe dann etwas das Gefühl verloren."

In Barcelona wechselte er auf die Bremsanlage von Lewis Hamilton. Das Gefühl kam damit zurück, die Resultate noch nicht. Auf die ständigen Nachfragen gingen ihm damit die Argumente aus, doch das hat sich jetzt erledigt. "Die Situation war nicht schön, aber auf diese Weise aus dieser Situation herauszukommen, macht mich glücklich", sagt er. "Aber es ist auch nur ein Rennen. Da braucht man sich jetzt nicht einbilden, dass der Kampf vorbei ist. Ich habe erst kürzlich meine Schwierigkeiten mit diesem Auto gehabt, und kann jetzt nicht davon ausgehen, dass das ein für allemal erledigt ist."

Showdown mit Kimi Antonelli bleibt in Silverstone aus

Für diesen Sonntag in Silverstone waren die Probleme allerdings vom ersten Moment an erledigt. Nachdem er Lewis Hamilton am Samstag im Qualifying schon hinter sich gelassen hatte, knackte er Pole-Sitter Kimi Antonelli im Rennen gleich am Start. Der Mercedes-Fahrer war der Einzige, der ihm folgen konnte. "Ich habe die Reifen gemanagt, mich auf das Gefühl verlassen, das ich im Quali mit dem Auto hatte. Ich wusste, was ich im Cockpit zu tun habe, was ich am Lenkrad einstellen muss. Ich habe mich im ersten Stint gut gefühl", so Leclerc.

Auf dem Medium-Reifen fuhr Leclerc 25 Runden, bevor er auf Hard wechselte. Antonelli kam erst zehn Runden später zum Reifenwechsel. Mit deutlich frischeren Pneus holte der Italiener in großen Schritten auf, doch als er auf knapp vier Sekunden dran war, ereilte ihn ein Defekt. Der erste Showdown blieb damit aus. "Mit Kimi wäre es sehr eng geworden. Er war sehr schnell, als er auf mich aufholte. Das wäre schwierig geworden, den ersten Platz zu halten", weiß der Rennsieger. "Aber da hatte ich ein bisschen Glück. Manchmal brauchst du auch das."

Charles Leclerc tut Finish hinter Safety Car nicht leid

Weniger Glück brauchte er bei der späten Safety-Car-Phase nach Max Verstappens Unfall in Runde 47. Für einen möglichen Restart hätte er auf frischen Soft-Reifen einen George Russell mit 16 Runden alten Mediums hinter sich gehabt. Doch nach einer chaotischen Kommunikation der Rennleitung fand der Neustart wider Erwarten nicht statt. Leclerc rollte hinter dem Safety Car zum Sieg. "Das Ende hätte ich mir so zwar nicht erträumt", sagt er. "Für die Fans um die Strecke war es auch nicht toll, aber unter meinem Helm war ich froh, dass es keinen Restart gab und ich den Sieg habe."