Seit der Niederlande-GP 2021 sein Comeback im Formel-1-Kalender gegeben hat, wurde das Rennen in Zandvoort von einem Argument begleitet. Nämlich von jenem, dass Überholmanöver dort extrem schwierig zu bewerkstelligen sind. Auch die proaktive Umwandlung der Arie-Luyendykbocht in eine Steilkurve änderte daran nichts.

+++ Der Liveticker zum Niederlande GP +++

Beim Abschiedsrennen 2026 gilt das genauso wie in den letzten Jahren - trotz der neuen Fahrzeug-Generation. Der Circuit Zandvoort ist keine jener Strecken, auf denen die Energiearmut der Batterie ein Thema ist, was die Entstehung atypischer Überholstellen verhindert. Der Sprint am Samstag war ein gutes Indiz für die hohe Überholschwierigkeit. Ab Runde 2 herrschte mit sehr wenigen Ausnahmen praktisch Überholverbot, Kimi Antonelli sprach sogar davon, dass "Überholen nicht möglich" sei.

Pole ist King – auch für Lando Norris?

Es gilt in Zandvoort: Pole ist King. Alle Formel-1-Rennen seit dem Comeback wurden hier vom ersten Startplatz aus gewonnen. Perfekte Umstände also für Lando Norris, um seinen zweiten Erfolg in den Niederlanden einzufahren. Aber an diesem Punkt müssen wir über die zuvor erwähnten 'wenigen Ausnahmen' zu dieser Überholflaute sprechen.

Denn in den Top-16 gab es im Sprint genau eine Positionsverschiebung, und diese betraf ausgerechnet Lando Norris. Er wurde in Runde 18 von Charles Leclerc einkassiert. Dabei halfen dem Ferrari-Fahrer andere Muster bei der Energieeinspeisung, die den McLaren auf der Start-Ziel-Geraden angreifbar machten. Ein Punkt, der sich bis zum Rennen ändern kann. Grundsätzlich haben wir es in dieser Saison schon oft erlebt, dass sich die Teams beim Batterie-Deployment im Laufe eines Rennwochenendes aneinander angleichen.

Reifenfressender McLaren in Gefahr

Aber, dass Leclerc im Sprint überhaupt in Schlagdistanz zu Norris kam, lag am hohen Reifenverschleiß des McLaren MCL40. Der Weltmeister und sein Teamkollege Oscar Piastri mussten im Sprint schon früh feststellen, dass ihr Bolide auf dem Longrun klare Defizite zur Konkurrenz bei Mercedes oder Ferrari aufwies. Nach dem Sprint nutzte das Team deshalb die Öffnung von Parc Ferme um diesen Umstand etwas zu bereinigen.

Aber Norris und Piastri zeigen sich skeptisch und zweifeln an großen Fortschritten. "Das Auto hat sich an den Stellen, an denen wir Probleme hatten, nicht viel besser angefühlt als am Vormittag", stellte Norris nach seiner Polerunde fest. Damit spielt er vor allem auf die langsamen Kurven an. In den schnellen Kurven ist der McLaren tonangebend.

Oscar Piastri merkte an, dass möglicherweise der allgemeine Downforce-Nachteil zur Konkurrenz im Renntrimm stärker zum Tragen kommt und sich damit negativ auf die Balance auswirkt. Das wäre kein Problem, das sich mal so eben am Setup aussortieren lässt. Zumal McLaren im Wissen um die Überholschwierigkeit in Zandvoort gleichzeitig bei den Abstimmungsarbeiten nach dem Sprint auch seine Qualifying-Stärke nicht in Gefahr bringen wollte.

Wie können Mercedes oder Ferrari Norris schlagen?

Die ersten Profiteure einer schwachen McLaren-Rennpace wären natürlich die beiden Mercedes-Fahrer mit George Russell auf Startplatz 2 und Kimi Antonelli dahinter. Diese sind sich ihrer Ausgangslage sehr wohl bewusst, wie Russell betonte: "Wir haben wahrscheinlich ein besseres Auto im Renntrimm als sie", gab er sich überzeugt.

Doch es stellt sich die große Frage, wie man im Rennen vorbeikommen soll - jedenfalls wenn es am Start nicht klappt. Auf der Strecke? Falls sich erwartungsgemäß die Strategien für den Batterieeinsatz etwas aneinander angleichen, könnte der Reifenverschleiß nicht genügen, um ein ausreichendes Delta aufzubauen. Schon im Sprint biss sich etwa Andrea Kimi Antonelli bis ins Ziel die Zähne an Oscar Piastri aus, dessen Reifen ähnlich litten wie jene bei Norris.

Strategisch bietet Zandvoort weniger Möglichkeiten als zuletzt noch beispielsweise der Ungarn-GP. Pirelli geht davon aus, dass eine 1-Stopp-Variante die schnellste Strategie ist. Eine 2-Stopp ist auf dem Papier wenige Sekunden langsamer, aber diese Kalkulation bezieht natürlich keinen Verkehr mit ein.

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Ein mögliches Delta gibt es bei den Reifenmischungen. Denn die C4-Mischung, die beim Niederlande-GP den Soft-Reifen bildet, zeigte im Sprint eine überraschend starke und langlebige Performance und wirkt damit wie eine gute Alternative zum C3 (Medium). Möglicherweise mit einem kurzen ersten Stint und einer Chance auf einen Undercut. Grundsätzlich hat Mercedes natürlich den Vorteil, dass man seine Fahrer gegen Norris strategisch oder auch bei der Wahl der Startreifen splitten könnte, was angesichts der WM-Chancen beider Piloten aber eine heikle Angelegenheit ist.

Vor allem aber geht das nur, wenn die Mercedes und Norris vorne unter sich sind, und das ist keineswegs garantiert. Die große Gefahr für dieses Szenario lauert in der dritten Startreihe und trägt Rot. Denn gemessen an den Longrun-Daten aus FP1 als auch aus dem Sprint ist der Ferrari das schnellste Auto im Renntrimm.

Leclerc war im Sprint das Versuchskaninchen auf dem Soft. Das Resultat dessen erwähnten wir schon: Überholmanöver gegen Norris spät im Rennen und die stärkste Pace. Das spricht für den reifenschonenden SF-26. Um noch irgendwie in den Kampf um die Podiumspositionen oder sogar den Sieg eingreifen zu können, müssten Lewis Hamilton und Charles Leclerc wohl schnellstmöglich die Hürde Oscar Piastri überspringen, der von P4 in den Grand Prix geht.