Nico Hülkenberg gelang an einem verhexten Formel-1-Wochenende in Zandvoort am Sonntag eine phänomenale Aufholjagd. In einem turbulenten Rennen hatte der Audi-Fahrer vom Start an alles im Griff. Erst im Tom-Cruise-Style den Unfall mit dem Teamkollegen verhindert, dann per Galavorstellung das komplette Mittelfeld aufgeräumt und P8 geholt. Der Befreiungsschlag nach einem vom Problemen gezeichneten Event war für den Hulk das zweite Punkteresultat in Serie. Damit setzte er auch Audis seit Silverstone anhaltenden Top-10-Run fort.

"Das war mir ein bisschen zu viel 'Days of Thunder' für mein Herz", scherzt Audi-Renndirektor Allan McNish nach dem zwölften Saisonrennen in den Niederlanden. Der Schotte hatte allen Grund, sich an den legendären NASCAR-Film von 1990 mit Tom Cruise in der Hauptrolle erinnert zu fühlen - nur, dass der Tom Cruise in dem Streifen vor seinem inneren Auge von Nico Hülkenberg verkörpert wurde.

Der 39-Jährige hatte im Chaos der Startrunde dank filmreifer Reaktionen einen Unfall mit Teamkollege Gabriel Bortoleto gerade noch verhindert. Auf feuchter Strecke crashte in der Highspeed-Steilkurve von Turn 14 zuerst Max Verstappen mit Slicks auf Platz sieben liegend heftig. Dahinter legte Gabriel Bortoleto auf Platz zehn einen spektakulären 360er hin. Hülkenberg hatte von Startplatz 13 in der ersten Runde bereits zwei Positionen gewonnen und lag unmittelbar hinter dem Brasilianer.

Audi-Renndirektor Allan McNish feiert Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto für Formel-1-Safe

"Das war ein bisschen wild. Die ganze Rennstrecke war sehr trocken, nur diese Kurve blieb viel nasser. Es war rutschig und das hat die Leute dort erwischt", erklärt Hülkenberg nach dem Rennen. Beim Dreher des Teamkollegen musste er in Sekundenbruchteilen die richtige Entscheidung treffen. "Es war tricky, ich war mir nicht sicher, wo er landet, ob er nach oben oder nach unten rollt. Ich habe gewartet und bis zum letzten Moment gezögert", erklärt er.

"Ich sah zuerst, wie Gabby sich drehte, dann kam Nico auf der anderen Seite zum Vorschein. Ich hatte nicht realisiert, dass er durch den Rauch gefahren war", erklärt McNish, der den Sonntag seines Teams beinahe schon beendet sah. "Letztendlich haben beide einen super Job gemacht. Gabby, indem er das Auto vor der Mauer abgefangen hat. Beide haben das wirklich gut gemacht in der Situation, in der Steilkurve. Jeder, der sich mit NASCAR oder IndyCar auskennt, weiß, dass das echt ein Skill ist."

Nico Hülkenberg verhindert Audi-Desaster auch mit dem nötigen Glück

Gabriel Bortoleto erklärt den Unfall als Kettenreaktion in Folge des Verstappen-Crashs. "Max ist abgeflogen und bei mir war es dasselbe. Ich war auch unten im Banking und habe dann darauf reagiert, bin nach links gezuckt, als ich vor mir den Rauch gesehen habe. Und als ich das gemacht habe, bin ich auch abgeflogen", so der 21-Jährige, der mit seinem Safe schon nicht mehr rechnete. "Ich erwartete in dem Moment, dass ich einen Unfall haben würde. Die Überhöhung [der Kurve] hat da sicher geholfen, unten zu bleiben. Ich habe einfach den 360er hinbekommen. [...] Aber es war auf jeden Fall eng."

Bei aller Heroisierung durch Allan McNish will sich Hülkenberg für das imposante Ausweichmanöver aber nicht den ganzen Credit zuschreiben. "Du bist da auch ein bisschen Passagier. Du versuchst so spät wie möglich rein instinktiv zu reagieren, und suchst dir dann die Seite aus", sagt er gegenüber Sky Sports F1. "Ich denke, da war auch eine gute Portion Glück dabei, dass wir uns nicht getroffen haben. Das war mir doch ein bisschen zu haarig."

Audis Formel-1-Rennen bekommt in Zandvoort eine zweite Chance

Letztendlich sorgte der gute Ausgang der Situation dafür, dass beide Audi-Fahrer nach dem Restart in Runde fünf wieder ins Geschehen eingreifen konnten. Nico Hülkenberg fuhr bei Wiederaufnahme des Grand Prix von P12 los, Gabriel Bortoleto von P17. Für den Emmericher ging es gleich in der Startrunde drei Plätze nach vorne, womit er auf dem überholfeindlichen Layout von Zandvoort als Neunter entscheidende Track-Position eroberte.

"Wenn du im Mittelfeld einmal vorne bist, ist das so ziemlich der Schlüssel. Wir konnten die Pace des Autos dadurch ausnutzen", so Hülkenberg, der kurz vor Halbzeit dennoch zum Hauptdarsteller der spannendsten Zweikämpfe im Rennen wurde. Nachdem er in Runde 19 beim ersten Pitstop Soft gegen Soft getauscht hatte, hing er in einer Gruppe hinter Carlos Sainz fest. Der Williams-Pilot war Zehnter und hatte noch keinen Boxenstopp abgeleistet. Dahinter lagen Arvid Lindblad, Pierre Gasly und Nico Hülkenberg.

Nico Hülkenberg räumt das Formel-1-Mittelfeld auf

In Runde 28 krallte sich Hülkenberg erst Gasly und Lindblad, einen Umlauf später war Sainz fällig. "Ich hing wohl hinter Arvid fest, der auf alten Reifen war und in Zandvoort ist das Überholen traditionell sehr schwierig. Es wurde an einem Punkt etwas wild und zügellos, aber ich konnte daraus Kapital schlagen. Das war nett und auch ein Schlüssel für dieses Resultat", erklärt Hülkenberg im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.

Danach war der Weg zum zweiten Punkteresultat in der laufenden Saison frei. Nach 72 Runden sah er die Zielflagge auf P8 mit einem komfortablen Vorsprung auf die Verfolger. Für Hülkenberg war es das zweite Top-10-Resultat nach dem neunten Platz vor der Sommerpause in Ungarn. Für Audi setzte sich die seit Silverstone bestehende Punkteserie fort. Dort sowie beim darauffolgenden Grand Prix in Spa-Francorchamps hatte Bortoleto jeweils den achten Platz geholt. "Nach diesem Start doch noch Punkte zu holen, ist sehr befriedigend. Das hätte in dem Moment auch schon ganz anders für uns aussehen können", ist McNish nach diesem Sonntag erleichtert.

Nur Bortoleto kam nach dem Neustart nicht mehr auf Touren. Er klagte früh über komische Geräusche vom Motor. "Wir haben da im Moment noch keine Informationen zu und müssen noch verstehen, was da los war. In den Daten war nichts zu sehen, was ein Problem nahegelegt hätte", erklärt McNish nach Platz 13 für den Paulista.

Audi setzt sich in der Formel 1 WM 2026 langsam von Williams ab

In der Konstrukteurswertung festigte Audi mit dem Resultat von Nico Hülkenberg seinen achten Platz. Der Hersteller steht bei 16 WM-Punkten, der Vorsprung auf Williams beträgt jetzt fünf Zähler. "Das ist super wichtig für uns, für das Team in der Weltmeisterschaft", so Hülkenberg. "Aber auch für die Stimmung. Es verleiht jedem etwas Auftrieb, es bestätigt die Arbeit, die wir investieren, und dass es in die richtige Richtung geht. Darüber sind wir sehr glücklich. Und auch für mich persönlich war es nicht das leichteste Wochenende. Es fühlt sich schön an, am Ende doch noch etwas mitzunehmen. Das ist ein gutes Ende."