Beim ersten Blick auf das Ergebnis des 2. Freien Trainings muss der Rest der Formel 1 erst einmal schlucken. George Russell fuhr mit einer 1:43,347 in einer anderen Welt als der beste Nicht-Mercedes. Nur Max Verstappen war bis auf unter einer Sekunde rangekommen. Was ist los mit den großen Updates von McLaren und Red Bull? Die Trainings-Analyse erklärt die Probleme der Konkurrenz.
Rein nach Rundenzeiten lässt Mercedes am Freitag weder im Qualifying- noch im Renn-Trimm irgendetwas auch nur ansatzweise anbrennen. Das einzige Problem war ein technisches. Kimi Antonelli rollte in FP1 mit einem Hydraulik-Problem aus. In der Mittagspause musste das Team den kompletten Motor tauschen. Das dauerte bis tief in FP2 hinein.
Antonelli fuhr 24 Runden gegen Russells 47 und erst in FP2 eine erste Runde richtig auf Angriff. Auf einem Stadtkurs, dessen Grip-Niveau sich über den Tag hinweg extrem verbessert, überrascht es nicht, dass Antonelli da am Donnerstagabend in den Qualifying-Simulationen noch nicht dasselbe Vertrauen hatte wie Russell, um zu pushen und 0,552 Sekunden verlor. Russell gab sich am Abend vollauf zufrieden: "Das Auto fühlte sich über eine Runde hinweg konkurrenzfähig an."
Selbst mit diesem Handicap war Antonelli immer noch fast drei Zehntel schneller als Max Verstappen, fast sechs schneller als Charles Leclerc im besten Ferrari, und über neun schneller als Lando Norris im besten McLaren. Der Mercedes war einfach gesagt fast überall überragend. Durch die ersten zwei Kurven konnte der Rest noch mithalten, dann ging es kontinuierlich rückwärts, und obendrauf hatten Russell und Antonelli bessere Topspeeds.
Der Longrun macht die Angelegenheit erst einmal nicht besser. Wenngleich Einschätzungen hier schwieriger sind, da nach einer roten Flagge alle nicht ganz so lange fahren konnten, wie sie wollten. Andererseits beobachtet Pirelli sehr geringen Reifenverschleiß und trotz des glatten Asphalts kein Graining. So werden die Rundenzeiten über den Stint hinweg nicht einmal langsamer, sondern dank der besser werdenden Strecke sogar schneller.
Jedenfalls führt auch hier Russell deutlich vor Antonelli auf Medium. Die direkte Konkurrenz fuhr nur auf Soft, das mindert die Vergleichbarkeit, aber Max Verstappen und Oscar Piastri liefern dort zumindest kleine Lebenszeichen. In Autos, die trotz Updates deutlich weiter weg waren als an den vorangegangenen Wochenenden. "Wir glauben nicht, dass die Lücken heute das wahre Kräfteverhältnis darstellen", ist sich Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin sicher.
McLaren läuft in Baku nicht, Lando Norris versteckt wahre Pace
McLaren ist der erste Kandidat. Zuerst einmal ging hier einiges schief. Das Team war mit einem massiven Update nach Baku gekommen. Komplett neue Motorabdeckung, Seitenkasten, Unterboden, modifizierter invertierter Heckflügel. Doch es waren alte Teile, die im ersten Training Probleme machten. Unerwartete Risse in der Befestigung der unveränderten Floor Boards zwangen beide Autos länger an die Box, und für FP2 zu einer Behelfslösung mit Kabelbindern.
"Das hat verhindert, dass es schlimmer wird, während wir herausarbeiten, was wir dauerhaft dagegen machen können", sagt Chefdesigner Rob Marshall. Über Nacht will das Team die Probleme in den Griff bekommen. Die verlorene Zeit war doppelt teuer, weil das Team nebenbei das riesige Update aussortieren muss. So vermelden die Daten zwar gute Korrelation - aber das Team ist bei der Feinabstimmung im Hintertreffen, und obendrauf beim Energiemanagement.
"Ich denke, wir haben beides noch nicht hinbekommen", räumt Marshall ein. Er ist optimistisch, dass ein anständiger Schritt für Freitag möglich ist: "Wir haben über die letzten Wochenenden gezeigt, dass wir sehr gut darin sind, das Auto von Freitag auf Samstag zu verbessern."
Nur Lando Norris hat Zweifel. Baku ist schließlich die Anti-McLaren-Strecke. Der MCL40 kann weder langsame Kurven noch ist er effizient auf Geraden: "Mercedes ist schneller in jeder langsamen Kurve, wie erwartet, und schneller auf den Geraden, wie erwartet." Doch seine 1,484 Sekunden Rückstand verheimlichen etwas. Norris hatte eine schlechte erste Runde im sichtbar nicht gut ausbalancierten McLaren. Für die zweite Runde war im Trainingsplan kein Platz mehr.
Norris setzte trotzdem an und fuhr sie unvollständig, brach in der letzten Kurve ab und kam an die Box. Bis zu dem Moment war er auf Kurs zu einer signifikanten Verbesserung. Hätte er die Runde beendet, wäre er potenziell im Bereich von Antonelli gelandet. Piastri verbockte auf seiner besten Runde die letzte Kurve. So weit hinten, wie das Ergebnis suggeriert, ist der McLaren also definitiv schon am Donnerstag nicht.
Red Bull mit soliden Trainings, Ferrari in Schieflage
Neben McLaren gibt es mit Red Bull ein weiteres Team mit einigen Updates. Max Verstappens beste Runde war von den Mercedes-Jägern auch die beste. So überraschend ist das hier nicht, der Red Bull ist bekanntlich stark auf der Bremse und verträgt sich mit kurzen Kurvenradien besser. So zeigte sich Verstappen am Ende des Tages auch zufrieden: "Schaut so aus, als seien wir da vorn dabei und könnten um ein Podium kämpfen."
In FP2 haderte der Red Bull weniger mit der Balance, und mehr mit der Fahrqualität. "Von da kommen die größten Beschwerden, nicht vom Update und von der Balance", meint Technikchef Pierre Wache. Verstappen legte mit einem guten Longrun nach, war Schnellster mit Soft, vier Zehntel im Schnitt vor Piastri. So lässt sich der Red Bull auch nicht abschreiben. Auch wenn die Mercedes-Konkurrenz also mehr Luft nach oben hat - dass Mercedes Favorit ist, steht außer Frage.
Schwierig hingegen sieht es bei Ferrari aus. "Generell fühlt es sich okay an, aber uns fehlt einfach der Speed", resigniert Lewis Hamilton. Der glatte Asphalt und das langsame Tempo vor Beginn einer Qualifying-Runde aufgrund des Energiemanagements scheint den SF-26 schwer zu treffen. Das Auto ist für seine Eigenwilligkeit bei der Reifenvorbereitung bekannt. Beide Fahrer haderten damit, die Vorderreifen zu Rundenbeginn ins Arbeitsfenster zu bringen.
Nach wiederholten Fehlern und vermurksten Runden standen dann 1,1 Sekunden Rückstand bei Charles Leclerc und 1,3 bei Hamilton. Doch auch im Longrun sah es relativ zu Red Bull und McLaren kaum berauschend aus. Und natürlich hat die Scuderia hier keine Updates, und das bekannte Power-Defizit.
Dahinter schnüffelte wieder ein Alpine am Ende der Spitzengruppe herum. Pierre Gasly war zumindest auf einer Runde dabei in diesem Paket, im Longrun jedoch deutlich langsamer. Besser sah es im Longrun dafür bei Audi aus, die als drittes Team hier ein riesiges Update lieferten. Auf eine Runde lief es ähnlich wie bei McLaren noch nicht, eine Sekunde fehlte auf Gasly. Im Longrun waren beide Fahrer wettbewerbsfähig.



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