"Ich bin heute gefahren wie meine Oma", gab Kimi Antonelli zu und bestätigte damit, was sich im Formel-1-Rennen in Baku bereits abzeichnete: Der WM-Leader war von Beginn an mit angezogener Handbremse unterwegs. Nicht nur weil ihm grundsätzlich die Pace fehlte, um mit der Spitze mitzuhalten, sondern auch, um sich aus jedem möglichen Ärger rauszuhalten.
Von Platz 16 gestartet war es für Antonelli kein leichtes Unterfangen nach vorne zu kommen. Gleich am Start verlor er eine Position und hing danach im Verkehr fest. "Hätte ich die Pace wie in Monza gehabt, wäre es anders gewesen, dann hätte es nur volle Attacke gegeben", erklärt Antonelli. "Mir wurde aber schnell klar, dass Überholen in diesem Verkehr extrem schwierig war. Zudem hatte ich nicht das gleiche Gefühl für das Auto. Heute war also einer dieser Tage, wo du mit Platz fünf zufrieden sein musst."
Antonelli gelingt F1-Aufholjagd trotz angezogener Handbremse
Antonelli hatte bereits von Donnerstag an Probleme. In FP1 konnte er nur zehn Minuten fahren, ehe ihn ein technisches Problem lahmlegte. Dadurch verpasste er auch die Hälfte des zweiten Freien Trainings. In FP3 konnte er sich zwar die gesamte Zeit über auf den Baku City Circuit einschießen, im Qualifying unterlief ihm dann aber ein gravierender Fehler, der das frühzeitige aus in Q1 bedeutete.
Durch die verpasste Zeit in den Trainingssessions konnte der Mercedes-Pilot kein gutes Gefühl für den W17 aufbauen und befand sich dadurch laut eigener Aussage im Hintertreffen. "Es war das schlimmste Wochenende bisher in dieser Saison. Ich hatte nicht das Selbstbewusstsein heute alles zu geben und bin daher die ganze Zeit nur etwa auf 80 Prozent gefahren", gestand er selbstkritisch. "Heute war also Schadensbegrenzung. Vor allem mit der Pace die ich hatte."
Trotz seiner fehlenden Pace schaffte es Antonelli in gerade einmal 18 Runden bereits zurück in die Punkteränge. Fünf Runden später hatte er eine weitere Position gutgemacht. Ab der neunten Position verlief der Weg nach vorne jedoch schleppend. Erst durch die beiden Safety-Car-Phasen konnte Antonelli weitere Plätze gutmachen und am Ende Platz fünf über die Ziellinie bringen. "Ich bin nicht glücklich, wie ich heute gefahren bin, aber ich konnte von den Problemen und Fehlern anderer profitieren und nach vorne kommen", so der WM-Leader.
Zurückhaltung von Vorteil: Antonelli gewinnt durch Chaos im Mittelfeld Positionen
Auch wenn er selbst über seine Zurückhaltung im Rennen wenig erfreut ist, kam sie ihm doch in einigen Situationen zugute: Vor allem beim Restart nach dem ersten Safety Car, als es im Mittelfeld gehörig krachte. "Ich habe gesehen, wie der Alpine sich verbremste und habe sofort zurückgezogen. Ich wollte gerade wieder anziehen, da war Ollie [Bearman] auf meiner Innenseite", schildert der Mercedes-Pilot.
Durch das Chaos im Mittelfeld kam es zur Berührung zwischen Antonelli und Bearman, wodurch sich der Mercedes-Pilot Schaden an seinem Boliden zuzog. Im Vergleich zu den beiden Alpines und Lando Norris McLaren kam er jedoch glimpflich davon. "Ich hatte großes Glück davongekommen zu sein, auch wenn ich danach einen großen Schaden am Unterboden hatte und meine linke Seite beschädigt war", meint Antonelli. "Das Auto war dadurch etwas instabil und zickig zu fahren."
Trotzdem versuchte er noch Charles Leclerc im Ferrari einzuholen und sich Platz vier zu sichern. Am Ende trennten ihn nur knapp über drei Zehntelsekunden von weiteren zwei Punkten, die vor allem angesichts des Sieges seines Teamkollegen und ersten WM-Verfolgers George Russell wichtig gewesen wären. Mit dem Sieg konnte Russell nun fünfzehn Punkte auf Antonelli gutmachen und seinen Rückstand verringern.
Bei Mercedes ist man über Antonellis Leistung aber auch ohne einen weiteren Platzgewinn mehr als zufrieden. "Kimi hat heute echte Reife bewiesen", lobt Bradley Lord seinen Fahrer in den höchsten Tönen. "Platz fünf war am oberen Ende unserer Erwartungen", erklärt der stellvertretende Mercedes-Teamchef. "Wir haben ihm schon gesagt, dass er nicht mit einem Monza 2.0 rechnen darf und er hat genau gewusst, was er tun muss und wie er es angehen soll."
Neue Strecke, neues Glück: Sepang soll Mercedes-Ordnung wiederherstellen
Auch was an den nächsten beiden Wochenenden ansteht ist für Antonelli klar. Nach einem zurückhaltenden Aserbaidschan-GP will der WM-Leader nun wieder zurück in den Rhythmus finden. "Diese Wochenende war ich nicht ich selbst", gesteht er. "Ich werde also sicher gehen, nächste Woche wieder die ursprüngliche Ordnung herzustellen und auf meinem normalen Level zu sein."
In Malaysia muss er sich jedoch auf eine komplett neue Strecke einstellen. Den Kurs in Sepang kennen nur zehn der aktuellen 22 Piloten und Antonelli sowie sein Teamkollege George Russell gehören nicht dazu. Laut Lord sollte das aber kein Problem darstellen. "Kimi war in den letzten achtzehn Monaten an vielen Strecken, auf denen er noch nie gefahren ist und er hat sich ziemlich gut geschlagen", bleibt Toto Wolffs Stellvertreter unbesorgt.



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