Ein Restart, zwei Team-Unfälle. In Runde 36 artete die erste Kurve bei der Formel 1 in Baku zu einem kleinen Schlachtfeld aus. Hinter dem dramatischen Alpine-Crash knallt es auch bei den Racing Bulls. Arvid Lindblad nimmt Liam Lawson aus dem Punkterennen und sucht danach eine Serie an Ausreden. Die Stewards schanzen ihm dabei eine weitere zu.

Eigentlich hatte Lawson in einem bis dahin schwierigen Rennen die Racing-Bulls-Speerspitze gebildet. Bis zum Restart allerdings auch nur auf einem mageren zwölften Rang. Lindblad, der schon am Freitag im 2. Training das Auto an die Wand gefahren hatte und deshalb teilweise auf ältere Teile zurückrüsten hatte müssen, lag noch einmal zwei Plätze weiter hinten.

Zum Ende des Safety Cars stauchte sich das Feld hin zur Ziellinie zusammen, da der Führende George Russell lange mit dem Anziehen des Tempos wartete. Lawson kam dann nicht so recht in Schwung: "Ich fiel in ein massives Turboloch, hatte keine Leistung, dann war Esteban neben mir." Mit Esteban Ocons Haas auf der Innenbahn bog er vorsichtig in die erste Kurve ein.

Plötzlich knallte es: "Ich wurde so hart getroffen, dass es ein Loch in meinen Unterboden gerissen hat." Lindblad hatte sich mehrere Meter weiter hinten verschätzt, zu spät gebremst, und sein Versuch, sich noch irgendwie zwischen Ocon und Lawson zu zwängen, ging schief. Lindblad kam noch mit kleinem Schaden davon. Lawson wurde rausgedreht, musste mit Schaden auch noch einmal stoppen. Praktisch war sein Rennen vorbei, er wurde am Ende Zwölfter.

Arvid Lindblad sucht Schuld bei Ocon und Russell

"In der ersten Kurve da zwischen zwei Autos reinzuhalten, das hätte nie geklappt", äußert Lawson sanfte Kritik am Teamkollegen. Immerhin kam Lindblad nach dem Rennen zwischen den Fernseh-Interviews direkt zu Lawson, um sich zu entschuldigen. Dann will er sich die Verantwortung jedoch auch nicht aufbürden: "Letztendlich weiß ich nicht, was wir tun sollen."

Lindblad führt gleich zwei Argumente zur Rechtfertigung an. Zuerst einmal, wie der Restart von den Führenden gehandhabt worden war: "Ich weiß nicht, was da vorn los war, aber das war schlecht gemanagt. Das Feld war nicht gesammelt, und dort, wo wir waren, Esteban, Ollie [Bearman], wir hatten schon drei Mal das Tempo angezogen und wieder gebremst."

"Ziemlich gefährlich", lautet Lindblads erstes Fazit. Für diesen Effekt kann die Spitze aber nur bedingt etwas. Sicher nicht George Russell, dessen Daten zeigen, dass er eine konstante Gaspedalstellung hielt. Das Problem erzeugen die Fahrer dahinter mit ihren Versuchen, den Restart zu antizipieren. Da jeder das beim Vordermann beobachtet und zu kopieren versucht, wird es von Fahrer zu Fahrer schlimmer und erzeugt eine Welle durch das Feld. Bis zu Ocon und Lindblad hatte sich das massiv aufgebauscht.

"Deswegen war die Batterie in keinem guten Fenster, dann haben alle etwas zu spät für Kurve 1 verzögert, und ich wollte Esteban angreifen und er zuckte in der letzten Sekunde, quasi auf der Bremse, und ich habe mich leicht verbremst und habe Liam getroffen", führt Lindblad weiter aus und deutet nun mit dem Finger auf Ocon. Was das Replay definitiv nicht hergibt: Ocon fuhr an keinem Punkt beim Restart eine unberechenbare Linie, sondern sauber bis zur ersten Kurve.

Baku-Stewards finden dritte Ausrede: Darum keine Lindblad-Strafe

Tatsächlich kam Lindblad aber mit einem Freispruch davon. Die Argumentation der Stewards führt jedoch wieder neue Punkte an. Das Feld hätte sich aufgrund des sich direkt davor ereignenden Unfalles zwischen den Alpines und Lando Norris bereits begonnen zusammenzustauchen. Lindblad habe darauf nicht mehr rechtzeitig reagieren können.

Diese Argumentation erscheint basierend auf den Onboards zweifelhaft. Der Alpine-Crash passierte nur Sekundenbruchteile vor dem Racing-Bulls-Crash. So ist auch Lawson vom Freispruch sehr überrascht: "Natürlich werde ich keinen Protest gegen meinen Teamkollegen anzetteln, aber ich verstehe es nicht. Ich werde so hart getroffen, dass da ein Loch in meinem Unterboden ist, nachdem ich einfach in die Kurve einlenke und dem Typen Platz lasse."

Lindblad macht sich indessen keine Sorgen über weitere interne Konsequenzen: "Sicher, ich kriege vielleicht einen Klaps auf die Finger, aber es war ja keine Absicht." Und schließlich kam er auf der anderen Seite des Chaos von Runde 36 plötzlich auf Platz zehn zurück, und konnte bis ins Ziel auch noch die beiden Haas vor sich überholen. Platz sieben und bester Mittelfeld-Pilot, das war an diesem schwierigen Wochenende eigentlich utopisch gewesen.

"Das nehmen wir mit", meint Lindblad. "Dieses Wochenende war wirklich hart, zum ersten Mal hatten wir wirklich damit zu kämpfen, es überhaupt durch Q1 zu schaffen." Dank Alpines Doppel-Aus aber wächst der Racing-Bulls-Vorsprung in der Konstrukteurs-WM sogar weiter, auf 15 Punkte.

Bei Alpine ist nach dem Crash ordentlich Feuer am Dach. Relativ zu ihren WM-Kontrahenten waren sie in Baku regelrecht überlegen gewesen, doch nach Franco Colapintos schwerem Restart-Fehler reisen sie mit null Punkten aus Baku ab. Flavio Briatore findet deutliche Worte: