George Russell hatte ein über weite Strecken ereignisloses Formel-1-Rennen in Baku am Samstag fest im Griff, doch zwei Namen hätten ihm die Triumphfahrt beinahe ruiniert. Der Unfall von Alex Albon nahm ihm seinen komfortablen Vorsprung und in der letzten Runde verhinderte um ein Haar Valtteri Bottas den dritten Saisonsieg des Mercedes-Fahrers. Am Ende reichte die Power gerade so, um sich vor Max Verstappen über den Zielstrich zu retten. Das knappste Finish seit Rubens Barrichello und Michael Schumacher 2002 in Indianapolis brachte Russell ins Schwitzen. Umso größer war das Gefühl der Erlösung nach dem befreienden Erfolg.
"Als die gelbe Flagge rauskam, bin ich vom Gas gegangen und als ich wieder draufstieg hatte ich keinen Turbo. Ich hatte also keine Leistung und Max hat mich zur Linie hin fast erwischt", erklärt Russell nach seinem Sieg im 15. Saisonrennen in Aserbaidschan. Valtteri Bottas hatte seinen Cadillac in der vorletzten Runde in Kurve 15 in der Streckenbegrenzung versenkt. Die Rennleitung regelte die Angelegenheit nur mit einer lokalen gelben Flagge, kurz darauf kamen die Leader auf ihrer letzten Runde an der Unfallstelle vorbei.
Auch Verstappen wusste in diesem Moment sofort um seine Chance, das Rennen noch auf den letzten Metern drehen zu können. Er hatte in Runde 36 beim Restart nach Albons Unfall den zweiten Platz von Oscar Piastri übernommen und sich nach dem zweiten Restart in Runde 39 in Russell verbissen. Der Red Bull-Fahrer hielt sich hartnäckig am und teilweise im Overtake-Fenster, kam aber nicht in Schlagdistanz - bis eine Kurve vor Schluss.
"Ich habe Vollgas gepusht, war den ganzen Stint über so in etwa eine Sekunde dahinter. Das hat Spaß gemacht. Es wurde dann eng, weil ich glaube, dass George am Ausgang von Turn 15 ein Turbo-Lag hatte, wegen der gelben Flaggen. Deshalb war es so knapp", erklärt der Niederländer, der sonst keine Chance auf eine finale Attacke gesehen hätte: "Realistisch wäre ich wieder eine Sekunde dahinter gewesen, so wie den ganzen Stint über."
George Russell dominiert in Baku nach Belieben: Erster Formel-1-Grand-Slam
So waren es bei der Zielflagge nach 51 Runden nur 0,196 Sekunden, die Russell den achten Erfolg seiner Karriere bescherten. An einem makellosen Rennwochenende mit Pole Position, schnellster Rennrunde und Start-Ziel-Sieg bedeutete das für ihn den ersten Grand Slam in der Formel 1. Als Alex Albon in Runde 31 mit seinem Unfall in Kurve fünf für die erste Safety-Car-Phase sorgte, lag Russell bereits 15 Sekunden in Führung.
Nachdem er am Freitag mit einem monumentalen Vorsprung von acht Zehntelsekunden auf Ferrari-Pilot Charles Leclerc die Pole Position geholt hatte, war er auch im Rennen unantastbar. "Das mit Sicherheit das dominanteste Wochenende, das ich in meiner Karriere bisher hatte", so Russell. In der Weltmeisterschaft verkürzte er damit von 81 auf 66 Punkte gegenüber Mercedes-Teamkollege und WM-Leader Kimi Antonelli, doch das war für ihn an diesem Tag nur Nebensache.
George Russell final zurück auf der Siegerstraße? "Den Glauben nie verloren"
"Das kommt wirklich zu einem großartigen Zeitpunkt – und dann auch noch auf einer Strecke, die so viel Einsatz und Selbstvertrauen verlangt. Darauf bin ich wirklich stolz, denn ich glaube, es wäre für mich in dieser Saison sehr leicht gewesen, den Glauben zu verlieren. Nicht unbedingt daran, die Meisterschaft zu gewinnen, sondern an meine eigenen Fähigkeiten. Aber das ist nie passiert", zeigt sich der 28-Jährige erleichtert.
"Ich glaube, er war an diesem Wochenende von Anfang an voll da. Das Auto war in einem guten Fenster, und er hatte sofort Vertrauen. Er hat sich Schritt für Schritt gesteigert und dann im Q3 mit einer ziemlich magischen Runde alles auf den Tisch gelegt. Und im Rennen hat er ebenfalls alles perfekt umgesetzt. Manchmal gibt es einfach Wochenenden, an denen von Beginn an alles zusammenpasst. Er ist dann in seinem Flow, und genau das kann er leisten. Hoffentlich sehen wir davon im weiteren Saisonverlauf noch deutlich mehr", freut sich Mercedes-Deputy-Teamchef Bradley Lord bei Sky Sports F1.
Geht es nach Russell, werden an den noch ausstehenden acht Rennwochenenden einige dieser Art folgen: "Ich wusste, dass es einen Grund dafür gibt, weshalb mir die Pace gefehlt hat. Es war ja nicht so, als hätte ich plötzlich verlernt, wie man Auto fährt. Und ich wusste, dass ich es wiederfinden würde. Ich musste einfach geduldig sein. Deshalb bin ich zuversichtlich. Seit der Sommerpause sind vier Rennen vergangen, und bei drei davon stand ich in der ersten Startreihe. Aus diesen vier Rennen habe ich drei Podestplätze geholt. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt jedes Wochenende um den Sieg kämpfen kann."
WM-Titel kein Thema, Druck liegt bei Kimi Antonelli
Für Kimi Antonelli war Baku das erste wirklich schwache Wochenende der Saison. Nach einem Defekt am Trainingstag kam er nicht richtig in Gang und zerstörte sich im Qualifying dann das Auto. Von Startplatz 16 holte der WM-Favorit heute immer noch Platz fünf. "Auf mir lastet natürlich weniger Druck als auf ihm", sieht Russell die Favoritenrolle logischerweise beim Rivalen. "Mein Teamkollege fährt eine unglaubliche Saison und war bislang nahezu fehlerlos. Aber jetzt kommen wir in die entscheidende Phase."
Er selbst sah sich in den vergangenen Monaten nicht einmal im WM-Kampf. Doch mittlerweile fühlt er sich dazu durchaus in der Lage. "Wenn die Saison heute begonnen hätte oder nach der Sommerpause, dann hätte ich definitiv mitkämpfen können. Jetzt habe ich natürlich diesen großen Rückstand. Aber das kann sich schnell ändern. Aber deshalb jage ich dem nicht nach. Ich konzentriere mich darauf, jedes Rennen zu gewinnen – und was am Ende dabei herauskommt, wird sich zeigen."



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