Knapp zwei Wochen hatten Ferrari und Lewis Hamilton Zeit, um in sich zu gehen. Was ist da in Singapur wirklich passiert? Am Donnerstag vor dem nächsten Formel-1-Rennen in den USA nimmt Hamilton den Fehler auf sich, rückt ihn aber zugleich in ein anderes Licht. In einem größeren Kontext sei es kein Fehler.

"Zuerst einmal lernst du aus diesen Erfahrungen", stellt Hamilton klar. Unter einem späten Virtuellen Safety Car hatte er in Singapur eine Anweisung zum Boxenstopp von Ferrari ignoriert, war auf alten Reifen draußengeblieben und in den letzten Runden des Rennens daraufhin durchgereicht worden. Einen sicheren dritten Platz hinter Teamkollege Charles Leclerc hatte er in einen enttäuschenden sechsten Platz verwandelt.

"Ich kam auf die Boxeneinfahrt zu und wusste nicht, ob Charles kommen würde, weil sein Stopp noch nicht so lange her war, und in diesem Sekundenbruchteil beschloss ich, draußenzubleiben", geht Hamilton etwas genauer ins Detail. Davor hatte Ferrari nach Singapur nur eine kurze Stellungnahme von ihm veröffentlicht, da er nach dem Rennen körperlich angeschlagen gewesen war und keine Interviews mehr gegeben hatte.

"Sobald ich an der Boxeneinfahrt vorbei war, wusste ich, es war wohl die falsche Entscheidung", gesteht Hamilton. "Aber ich habe das auf mich genommen, habe die Verantwortung geschultert, und es geht weiter. Wir hatten gute Gespräche im Hintergrund, was wir besser machen können, wie wir besser zusammenarbeiten können, aber nichts hat sich daran geändert, wie gut ich mit meinem Team zusammenarbeite."

Hamilton widersetzt sich Ferrari! Danner: Ein Riesendenkfehler! (29:22 Min.)

Lewis Hamilton fordert Risiko: Ein dritter Platz reicht mir nicht

Wie aber kam Hamilton zu dieser falschen Entscheidung, auf alten Reifen weiterzufahren, wenn sein Team - und alle anderen - es besser wussten? Der ganze Kontext des Rennens spielte eine Rolle. Weitere falsche Entscheidungen von Hamilton kommen dazu. Und hier fühlt er sich nun dazu gedrängt, nicht die Entscheidungen selbst zu verteidigen - aber zumindest die Philosophie, die sie auslöste.

"Auf der Startaufstellung war ich Dritter, und ich suche immer nach Wegen, um zu gewinnen, um etwas anders zu machen", so Hamilton. "Ich wollte eine andere Strategie. Nicht einfach die von Charles, wo wir einfach hintereinander herfahren." Ferraris Simulationen prognostizierten vor dem Rennen, dass Max Verstappens Red Bull zu schnell sein würde. Leclerc und Hamilton wären, hätten sie beide die optimale Soft-Medium-Strategie gewählt, nie in Position für eine Attacke gekommen.

"Das reicht mir nicht", so Hamilton. Seine Suche nach Alternativen führte ihn zum - ebenso falschen - Start auf Medium: "Ich wollte schauen, ob der Medium länger halten könnte. Das war nicht der Fall, er fühlte sich im ersten Stint nicht gut an." Er musste sogar vor Leclerc stoppen, und hatte nun bessere Soft, steckte aber jetzt hinter dem nunmehr Medium-bereiften Leclerc fest.

Lewis Hamilton verteidigt sich: Mit Hinterfragen bin ich so weit gekommen

"Das war ein bisschen ähnlich wie Zandvoort", kommt Hamilton nicht um einen Vergleich mit einem früheren Rennen in der Saison herum. Dort waren beide auf anderen Strategien gefahren, und gegen Rennmitte lief Hamilton kurz auf Leclerc auf, bekam aber keine Teamorder zu seinen Gunsten. In Singapur blieb er erneut hinter Leclerc stecken. Das steuerte zu seinem Frust bei, der ihn dann beim Virtuellen Safety Car zur fatalen Verweigerung des Stopp-Befehls trieb.

Dennoch verteidigt Hamilton seine Logik dahinter: "Ich glaube absolut, dass es mein Job ist, nicht bloß alles hinzunehmen, sondern permanent die Normen zu hinterfragen. Letztendlich bin ich deswegen so weit gekommen. Davor werde ich nicht zurückschrecken."

"Manchmal geht das nicht gut aus, das war einer dieser Fälle, aber das Leben geht weiter", sagt Hamilton. "Wir gewinnen und verlieren als Team, bezahlen den Preis gemeinsam. Natürlich schmerzt es, wenn ich dem Team Punkte koste. Das passiert mir nicht oft, und ich werde doppelt so viel Einsatz zeigen, um sicherzustellen, dass es nicht noch einmal passiert."

Mathematisch ist Hamilton sogar noch im WM-Rennen. Das kann sich am Sonntag ändern. Hier wird aufgeschlüsselt, was WM-Leader Kimi Antonelli schaffen muss - und was mit Hamilton und George Russell passieren muss -, um am Sonntag beim USA-GP schon den neuen Weltmeister zu krönen.