Nur mit einem Auto brachte Ferrari bei der Formel 1 in Singapur auch das Potenzial des Autos über die Linie. Während Charles Leclerc Platz zwei holt, wird Lewis Hamilton bei einer selbstverschuldeten Strategie-Pleite aufgefressen. Unter anderem von beiden McLaren. Dort hatten die Strategen nämlich genau jenes Dilemma korrekt antizipiert, das Ferrari übersehen hatte.

In Sachen Performance schien Ferrari für das Rennen viel besser aufgestellt. Leclerc und Hamilton fuhren von den Plätzen zwei und drei los. Lando Norris und Oscar Piastri haderten das ganze Wochenende über mit einem Auto, mit dem sie alles erzwingen mussten. "In jeder Kurve auf Messers Schneide, du musst innerhalb eines Prozents fahren und es zwingen, du kannst das Auto nicht arbeiten lassen", beschreibt es Norris nach dem Rennen.

Hamilton widersetzt sich Ferrari-Strategie, Vasseur sauer! Was ist wirklich passiert? (09:56 Min.)

So starteten er und Piastri nur von den Plätzen fünf und sechs. In der Startaufstellung gab es jedoch bei den beiden Teams einen wichtigen Unterschied. Ferrari splittete die Reifenwahl und gab Hamilton als einzigem Fahrer der Spitzengruppe Medium. "Wir waren alle blind zwischen Medium und Soft", meint Ferrari-Teamchef Fred Vasseur. Mit nur einem Training und einem nassen Sprint waren Reifendaten Mangelware.

"Also haben wir uns entschieden, die Strategie zu splitten", sieht Vasseur darin eine rationale Entscheidung. Dass sich der Medium nach wenigen Runden als schlechter als der Soft herausstellte, hätte man nicht wissen können. Das lieferte Hamilton ans Messer. Auch, weil McLaren hinter ihm klüger wählte und es sehr wohl gewusst haben will.

McLaren ahnt Reifen-Dilemma in Singapur voraus

McLaren startete mit beiden Autos auf Soft. "Weil wir dachten, dass der Medium kein guter Reifen sei", lobt Teamchef Andrea Stella seine Strategen. "Wir wollten in der Frühphase des Rennens den maximalen Vorteil daraus ziehen, einschließlich des Starts. Mit dem Medium dachten wir, dass wir womöglich Boden auf die anderen Autos verlieren würden."

"Genau das passierte mit Hamilton", stellt Stella fest. "Das zwingt dich dann zu einem frühen Stopp. Genau das, was Hamilton passiert ist, und genau das Rennen, das wir nicht haben wollten." Der zweite Ferrari verlor sofort den Anschluss an den Soft-bereiften Leclerc und geriet massiv unter Druck von Kimi Antonelli und den beiden McLaren. Als McLaren begann, am Funk bei Norris laut über einen Undercut zu diskutieren, zog Ferrari in Runde 18 die Reißleine und rief Hamilton zu einem defensiven Stopp.

Auf dem Papier ist die Position auf der Strecke in Singapur schließlich Gold wert, weil Überholen so schwierig ist. Niemand will Opfer eines Undercuts werden. Mit einem so frühen Stopp landete Hamilton aber genau in der strategischen Hölle. So lange hielten die Soft-Reifen auch wieder nicht. McLaren hingegen zögerte nun die Boxenstopps hinaus: "Um zu schauen, ob ein Safety Car uns ein reduziertes Boxen-Delta schenkt, das ist hier viel wert."

Hätte Lando Norris auch Kimi Antonelli schlagen können?

Das Safety Car kam nicht, also stoppten Norris und Piastri in den Runden 32 und 33. Mit seinen 14 respektive 15 Runden älteren Reifen brachte das Hamilton jetzt massiv in Bedrängnis. Er hätte sich noch mit einem Stopp unter dem Virtuellen Safety Car in Runde 39 aus der Affäre ziehen können, reagierte aber nicht auf die Stopp-Anweisung des Teams. Damit war die Tür für seine Verfolger jetzt sperrangelweit offen.

Kurz sah es nach einer McLaren-Glanzleistung mit einem Norris-Podium auf. Denn auch Antonelli hatte beim VSC mit einem zweiten Stopp reagiert und war hinter Norris zurückgefallen. Mit nur sieben Runden neueren Reifen war er aber nicht massiv schneller als der McLaren. Überholen würde schwierig für ihn werden.

Norris aber verstrickte sich dann in Runde 54 in ein Scharmützeln beim vermeintlich einfachen Manöver gegen den leidenden Hamilton: "Ich und Lewis wollten wissen, wer später für Kurve 1 bremsen konnte, und er hat nicht einmal gebremst! Dann bin ich dort auch raus. Ich hätte Kimi da einen besseren Kampf um das Podium liefern können."

"Aber ich denke, er hätte mich trotzdem überholt", glaubt Norris. Stella tut sich schwer, das einzuschätzen: "Es wäre interessant zu sehen gewesen, ob Lando sich gegen Antonelli verteidigen hätte können, wenn er die Position nicht verloren hätte. Da gibt es einen Blickpunkt, dass wir ein Podium verloren haben, aber nachdem wir eine Serie an Rennen mit nur wenigen Punkten hinter uns haben, und einen schwierigen Samstag, nehme ich dieses Ergebnis gerne."

"Das Ergebnis ist das bestmögliche, aber ich hätte es auf bessere Art erreichen können", formuliert es Norris schließlich. Sensor-Probleme bremsten ihn in der Schlussphase auch weiter ein, da nimmt er den vierten Platz nur gerne. Genauso nimmt Oscar Piastri den fünften Platz nur gerne. Kaum endete das VSC, meldeten bei ihm die Reifendruck-Sensoren einen schleichenden Plattfuß und erzwangen einen zweiten Boxenstopp.

Piastri musste daher 40 Sekunden zu Hamilton zufahren. Dass er das innerhalb von 39 Runden schaffte, illustriert eingehend, wie dringend Hamilton unter dem VSC hätte stoppen müssen. Überholen war für Piastri aber immer noch nicht einfach: "Es braucht nicht viel, dass die Reifen überhitzen und du stecken bleibst. Aber so schnell, wie ich aufgeholt habe, wäre es ziemlich enttäuschend gewesen, nicht vorbeizukommen." P4 und P5 stellt McLaren nach diesem schwierigen Wochenende ausreichend zufrieden.