"Wisst ihr, diese Saison hat es einfach nicht sollen sein", resigniert George Russell am Donnerstag vor dem USA-GP. Die ganze Formel 1 sah in ihm vor dem Saisonstart den klaren Favoriten auf den WM-Titel. Stattdessen könnte sich schon fünf Rennen vor Schluss Teamkollege Kimi Antonelli krönen. Russell zieht in Austin jetzt eine ernüchternde Bilanz.

"Ich bin deswegen nicht verbittert", versichert Russell. "Ich werde zurückblicken auf Bereiche, die ich hätte besser machen sollen, anstatt auf Dinge, über die ich keine Kontrolle hatte und die gegen mich gelaufen sind. Und ich würde sagen, es mag viel gegen mich gelaufen sein in Sachen Pech, aber genauso waren meine Leistungen nicht auf dem Niveau, von dem ich weiß, dass ich es bringen kann. Das ist die Realität."

Sich auf das Technik-Pech hinauszureden, wäre ein großer Fehler, das weiß Russell. Schon im Sommer war ihm das bewusst. Als er damals nach Silverstone darauf angesprochen wurde - damals war nach einem Antonelli-Ausfall der Rückstand kurz auf 25 Punkte geschrumpft -, hatte er den Rückstand immer noch als fair beurteilt. Beide hatten zu dem Zeitpunkt schließlich Pech mit Ausfällen gehabt.

George Russell erklärt Fahrstil-Nachteil gegenüber Kimi Antonelli

Russell ist sich inzwischen sehr gut bewusst, wo Antonelli ihn wirklich abgehängt hat: "Mit diesen neuen Autos und Reifen, da ist sein natürlicher Fahrstil, besonders im Renntrimm, sehr stark. Ich war immer ein Fahrer, der sich auf die Kurvenmitte und den Ausgang fokussiert. Aggressiv mit dem Gaspedal. Früh am Gas."

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"Für ihn ist es das Gegenteil", beschreibt Russell. "Er attackiert die Kurven sehr. Oft geht er später ans Gas, was auch mit diesen neuen Power Units nicht unbedingt schlecht ist. So sind diese Autos, die Reifen und die Power Units zusammen gewissermaßen perfekt für seinen Fahrstil, woran ich mich anpassen musste."

"Vielleicht hätte ich das früher vorhersehen können", überlegt Russell. Glaubt es aber eigentlich nicht: "Ganz ehrlich, du kannst solche Probleme nicht vorhersagen, bis sie dir passieren. Ich denke, ich habe mich mit dem Team toll vorbereitet. Das hat mir geholfen, das erste Rennen der Saison zu gewinnen. Wisst ihr, bei so wenig Tests und so wenig Trainingszeit lernst du über die Probleme in den Rennen. Dann braucht es zwei oder drei Rennen, um einen konstanten Trend zu sehen."

"Dann braucht es Zeit, um zu checken und zu versuchen, wie ich so ein Problem löse, und dann haben wir kaum Trainings, um diese ganzen neuen Dinge auszuprobieren", beschreibt es Russell. An mehreren Punkten in dieser Saison begann er in unterschiedlichem Umfang verschiedene Aspekte seines Fahrstils umzustellen, im Bestreben, das zu schaffen, was Antonelli so mühelos tat.

George Russell fühlt sich immer noch top - kein mentaler Knacks

"Ich denke, ich habe mich gut angepasst", lautet Russells Fazit zu seiner rein sportlichen Leistung. "Das Ding ist, dass die Ergebnisse nicht da sind, weil wir als Team nicht mehr so dominant sind. Zu Saisonbeginn gewann der von uns, der vorne lag. Jetzt hat Red Bull zwei Rennen gewonnen, McLaren hätte drei gewinnen können, Ferrari hat zwei gewonnen. Das war zu Saisonbeginn nicht so. Meine Verbesserungen kamen fast zur falschen Zeit."

"Natürlich bin ich nicht zufrieden damit, wie die Saison abgelaufen ist, aber ich bereue nichts, wenn ich zurückblicke", meint Russell. "Ich habe mich so gut es ging vorbereitet, mehr als jeder andere, und bin auch von den schwierigen Momenten zurückgekommen. Ich habe so hart es ging daran gearbeitet, die Probleme zu verstehen und versucht sie zu lösen."

"Das ist Sport, du kannst nicht jedes Jahr gewinnen", wähnt sich Russell folglich mental nicht in einem Tief. Er hat nichts gesehen, das seine Meinung darüber geändert hätte, was es für eine Meisterschaft braucht: "Ich habe in Nachwuchsklassen um Titel gekämpft. Ich wusste, wie ich es angehen wollte, mehr Rennen für Rennen, und als zu Saisonbeginn die Leistung nicht da war, habe ich nicht auf die Meisterschaft geblickt, nur auf meine Leistung."

"Dieses Jahr war ein richtiger Test meines Charakters und meiner Belastbarkeit", so Russell zu Motorsport-Magazin.com. "Die harten Rennen, das Pech, und ich schätze, ich musste in den Spiegel schauen und überlegen: Wie komme ich zurück? Will ich deswegen heulen, es mich negativ beeinflussen lassen? Oder will ich zurückkommen, kämpfen, es lösen? Das wird mir, denke ich, helfen, über die nächsten 10 bis 15 Jahre meiner Karriere ein besserer Mensch und Fahrer zu werden."