Der Formel-1-Gott scheint sich gegen George Russell verschworen zu haben. Nachdem der Mercedes-Pilot nach dem verlorenen WM-Titel vorrechnete, an 14 Rennwochenenden der bisherigen Saison vom Pech verfolgt gewesen zu sein, verpasste er im Qualifying zum Sao Paulo GP in Brasilien die provisorische Pole Position nur denkbar knapp – und erneut nicht selbstverschuldet, wie er unmissverständlich klarstellte.

Am Funk ging Russell auf seinen Renningenieur los. So heftig, dass sich umgehend Toto Wolff zu Wort meldete. Dabei ging es für ihn eigentlich nur um Pole, sondern nur um Startplatz sechs. Nach einem Motorwechsel kassierte er eine Strafversetzung um fünf Plätze. Trotzdem wurde Russell nach Platz zwei im Qualifying ungewöhnlich emotional.

Im Regen-Qualifying von Interlagos zeigte Russell von Anfang an eine starke Vorstellung. Er beendete Q1 auf Platz zwei, Q2 auf Platz eins. In Q3 befand er sich auf Bestzeitkurs, ehe er die Runde abbrechen sollte. Weil sich der Regen anschließend wieder deutlich intensivierte, konnte Russell seine Zeit aber nicht mehr verbessern.

Albon und Mercedes-Entscheidung stehen Russell im Weg

Das Unheil nahm seinen Lauf, weil Russell auf Alex Albon auflief. Beide waren auf schnellen Runden, nur fuhr der Brite eben deutlich schneller. Der Williams-Pilot aber musste laut Reglement keinen Platz machen. In Kurve sieben war Russell erstmals richtig nah an Albon. "Gib Gas, Albono!", schrie er unter seinem Helm.

Russells Renningenieur Marcus Dudley versuchte seinen Fahrer zu beruhigen: "Wir werden noch eine weitere Runde bekommen." Russell wollte Klarheit: "Du musst mir sagen, was ich machen soll, ob ich Abstand halten oder auf dem Gas bleiben soll."

Am Ende des zweiten Sektors kam die Antwort: "Du kannst dich zurückfallen lassen. Mach' das jetzt und geh' in Strat 1." Doch Russell hegte Zweifel: "Bist du dir sicher?" Doch war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Russell ging vom Gas und bekam umgehend die Nachricht: "Es regnet jetzt stärker. In der Boxengasse regnet es heftig."

"Ich hätte die Runde einfach zu Ende fahren sollen", schimpfte Russell noch auf Start und Ziel, ehe er trotzdem noch einen Anlauf unternahm. Recht schnell lief er aber wieder auf Albon auf und ihm wurde klar, dass die Bedingungen nun zu schlecht waren, um sich noch verbessern zu können.

"Du hast mir verdammt nochmal gesagt, ich soll mich zurückfallen lassen. Was zur Hölle?", fuhr Russell seinen Renningenieur an. Daraufhin meldete sich Mercedes-Teamchef Toto Wolff persönlich am Funk zu Wort: "George, du bist Zweiter!"

Russell faucht Wolff an: Ich will nicht Zweiter sein!

Für Russell goss Wolff damit Öl ins Feuer. "Ich will nicht Zweiter sein. Ich will Erster sein." Wolff gab sich verständnisvoll: "Ich weiß..." Russell aber konnte seinen Frust nicht zurückhalten: "Das war eine Pole-Runde, verdammt nochmal."

Tatsächlich zeigen die Daten klar, dass Russell auf Bestzeitkurs lag. Bis er auf Albon aufgelaufen war, lag er schon drei Zehntelsekunden vor Lando Norris und satte sieben Zehntelsekunden vor seiner persönlichen Bestzeit, die in Summe zwei Zehntel langsamer als die Norris-Pole war.

Hinter Albon verlor Russell Zeit, als er nach Kurve 10 aber die Runde abbrach und Abstand nahm, lag er noch immer zwei Zehntel vor seinem Landsmann. Auf dem langen Weg in Richtung Ziellinie wäre Albon nicht mehr im Weg gestanden, weil der Williams-Pilot selbst vom Gas gegangen war.

"Es war einfach ein kleines Missverständnis", resümierte Russell in der Pressekonferenz. "Das war sehr enttäuschend. Wir müssen verstehen, wie es dazu gekommen ist und warum wir uns da geirrt haben, aber ich habe mich während der gesamten Session sehr stark gefühlt. Ähnlich wie Lando hatte ich auf nasser Strecke mehr Selbstvertrauen als auf trockener. Ich hatte definitiv das Gefühl, dass die Pole-Position zum Greifen nah war."

Mercedes-Ingenieure haben mehr Informationen als Fahrer

An einen eigenen Fehler bei der Beurteilung der Situation glaubt der 28-Jährige nicht: "Sie haben die Wettervorhersage vor sich, ich aber nicht. In solchen Situationen braucht man dieses Vertrauen und man verlässt sich aufeinander. Offensichtlich war es die falsche Entscheidung, und ich glaube, sobald sie getroffen war, wussten wir schon, dass sie falsch war, denn sie konnten bereits spüren, wie der Regen immer stärker wurde."

Seinen Renningenieur nahm Russell dabei aber explizit aus der Schusslinie: "Wir verlassen uns auf viele Systeme; wir können nicht einfach mit dem Finger auf jemanden zeigen, sondern müssen verstehen, warum wir diese Entscheidung getroffen. Man verlässt sich auf das Radar, aber das macht es für mich nicht weniger frustrierend. Es ist nicht die Schuld meines Ingenieurs – er gibt Informationen weiter, er ist letztendlich derjenige, der die Nachricht weiterleitet. Er hat zwölf Leute, die mit ihm sprechen und ihm diese Informationen geben, die er weiterleiten soll. Wir müssen verstehen, warum wir diese Entscheidung getroffen haben."

Russell erklärt Emotionen: Nach den letzten Wochen hätte es mir viel bedeutet

Durch den Motorwechsel verliert Russell ohnehin fünf Startplätze und geht nun von Platz sieben statt sechs ins Rennen. Gerade deshalb überrascht seine heftige Reaktion. "Für mich persönlich hätte es angesichts der Umstände der letzten Woche sehr viel bedeutet, heute die Pole zu holen. Letzte Woche habe ich die Pole um neun Millisekunden verpasst", erklärt er.

Nach einem guten Start fiel Russell vergangene Woche in Mexiko durch einen Softwarefehler ins Mittelfeld zurück und erlebte anschließend ein schwierigeres Rennen, bei dem sich der Teamkollege zum Weltmeister krönen durfte. Russell verließ anschließend die Strecke sofort und verpasste sogar seine verpflichtenden Medientermine.

Trotz Startplatz sieben ist für ihn das Rennen aber noch nicht vorbei: "Ich habe mich im Regen wirklich gut gefühlt. Mein Tempo war zusammen mit dem von Lando mit Abstand das beste auf der Strecke." Weil beide Ferrari-Piloten und auch Max Verstappen von Strafversetzungen betroffen sind, ist das Feld an der Spitze wild durcheinandergewürfelt.

Russell gibt Sieg auch von Startplatz 7 noch nicht auf

Liam Lawson und Nico Hülkenberg starten aus der zweiten Startreihe, Isack Hadjar und Ollie Bearman aus Reihe drei vor Russell. "Die üblichen Verdächtigen sind dort nicht dabei, das könnte es vielleicht etwas einfacher machen. Aber bei dem Regen hier ist es immer eine Herausforderung. Ich hoffe, dass es morgen nass ist. Ich glaube, ich habe bessere Chancen, wenn es nass ist", so der Mercedes-Pilot.

Auf ähnlich viel Regen wie in Q1 hofft er aber nicht: "Ich hatte im fünften Gang bei 200 km/h noch durchdrehende Reifen und Aquaplaning. Es gibt keine Worte, das zu beschreiben, wenn du auf der Geraden Aquaplaning hast und dabei nichts sehen kannst. Es ist verrückt. Aber ein Rennen kann man bei diesen Bedingungen nicht fahren. Die Chancen, dass man dann einen richtig schlimmen Unfall hat, sind sehr, sehr hoch."