Eigentlich hätte es nur eines jener üblichen Routine-Mediengespräche werden sollen, die Michael Schumacher fast an jedem Donnerstag vor einem Grand Prix spät nachmittags im Ferrari-Motorhome im Fahrerlager abhält. Doch dann sorgte der siebenmalige Weltmeister für eine Überraschung. Zu erkennen schon daran, dass sich die Reportertraube um die rote Trutzburg schneller viel schneller auflöste als üblich, dass sogar schon vor dem offiziellen Ende der ein oder anderer Berichterstatter ungewöhnlich schnellen Schrittes die Stätte des Ereignisses verließ - ohne wie sonst nebenan noch auf einen schnellen Espresso einzukehren.

Welches Ereignis könnte wohl an einem normalen Donnerstag in Barcelona das Fahrerlager in Aufruhr versetzen? Hatte Schumacher doch schon, früher als erwartet, seine Vertragsverlängerung mit Ferrari bekannt gegeben, oder gar, noch sensationeller, weil nach den letzten erfolgen unerwarteter, seinen Rücktritt zum Saisonende? Nichts dergleichen - Schumacher hatte eigentlich nur gesagt, dass er entschieden habe, noch länger als gedacht nichts zu entscheiden. Erst ganz beiläufig, auf Englisch, dass "länger" auch bis Ende des Jahres heißen könne. Dann auf konkretes Nachfragen in der deutschen Runde: "Ja, ich werde erst nach dem letzten Saisonrennen eine Entscheidung darüber treffen, ob ich weitermache oder nicht. Ferrari hat mir diese Möglichkeit eingeräumt und ich habe dankend angenommen."

Bis jetzt war immer angenommen worden, dass sich Schumacher bis spätestens Mitte der Saison über seine Zukunft äußern würde - auch sein Manager Willi Weber hatte sich ja immer wieder in diese Richtung gehend geäußert. "Aber für so eine Entscheidung kann man gar nicht genug Zeit haben." Damit ist aber auch endgültig klar: ein Wechsel von Schumacher zu einem anderen Team, so unwahrscheinlich er von vorne herein war, kommt endgültig nicht mehr in Frage - die Alternative ist Ferrari oder aufhören.

Möglich, dass er sich so die Chance auf den großen Abgang offen halten will: mit einem achten WM-Titel in der Tasche auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere aufzuhören. Und wenn er auch nichts über die Hintergründe des Verzögerns sagen wollte, "denn das ist eine so wichtige Entscheidung für mich, das möchte ich nicht in die Tiefe gehen" - Schumacher wirkte fast erleichtert, als die Sätze draußen, das Thema für ihn damit hoffentlich für die nächste Zeit erst einmal erledigt war. Nur, weil er die ständigen Fragen leid ist? Oder vielleicht auch, weil es ihm wirklich schwer fällt, sich selbst zu einem Entschluss durchzuringen?

Betroffen von dieser neuen Entwicklung sind freilich einige in der Formel 1 - das ganze Transferkarussell kann jetzt einerseits zum Stocken, andererseits aber auch in andere Richtungen in Schwung kommen. Ein Beispiel: Kimi Räikkönen. Die Option seines Vorvertrages - oder was auch immer der Finne da mit Ferrari unterschrieben hat - soll ja im Sommer auslaufen. Nicht unwahrscheinlich, dass sich Räikkönen unter diesen Voraussetzungen, nicht zu wissen, was ihn 2007 bei Ferrari erwarten würde, doch noch einmal umorientiert. In Richtung Renault etwa, von wo es ja inzwischen nicht überraschend ein konkretes Angebot geben soll, auch wenn die kursierende Zahl von 112 Millionen Euro für vier Jahre allgemein in Zweifel gezogen wird. Oder aber Räikkönen überlegt sich doch noch einmal, bei McLaren-Mercedes zu bleiben. Dann ist da auch Felipe Massa - vor allem dann, sollte Räikkönen trotzdem zu Ferrari gehen: Denn dann hinge der Brasilianer bis zum Saisonende völlig in der Luft...

Aber auch für Ferrari selbst ist es ein gewisses Risiko, Schumacher so lange Zeit zu geben: Denn sollte sich Räikkönen aufgrund der jetzt gegebenen Fakten gegen die Roten entscheiden und Schumi am Ende der Saison tatsächlich aufhören, dann läuft Ferrari Gefahr, 2007 ohne absoluten Top-Piloten dazustehen - ob Felipe Massa diese Rolle bis dahin schon ausführen könnte, ist nicht sicher. Insofern ist es sicher ein Zeichen der besonderen Wertschätzung der Ferrari-Führung von Luca di Montezemolo bis Jean Todt, ihrem Star diese Freiheit einzuräumen. Und vor allem auch ein Dank für die vergangenen mehr als zehn Jahre und fünf Fahrer- und sechs Konstrukteurs-WM-Titel...