So eine Szene hatte die MotoGP noch nicht gesehen: Marco Bezzecchi stürzt im Brünn-Sprint, ein Marshal verhält sich beim Bergen der Aprilia ungeschickt und kassiert dafür zunächst einen kräftigen Schubser und anschließend eine waschechte Ohrfeige vom WM-Leader. Die Stewards greifen knallhart durch: Bezzecchi wird vom Rennsonntag ausgeschlossen. Ein Einspruch des Aprilia-Teams gegen die Strafe wird abgeschmettert. Bezzecchi muss damit beim Tschechien-GP zusehen.

Eine brutale Situation für einen Fahrer, der um seinen ersten MotoGP-Weltmeistertitel kämpft. Und doch darf sich Bezzecchi nicht über das Strafmaß wundern, wenn man seinen Ausraster mit ähnlichen Situationen in anderen Sportarten vergleicht. Tennisstar Novak Djokovic traf etwa bei den US Open 2020 außerhalb eines Ballwechsel eine Linienrichterin mit dem Ball. Ein klares Versehen, aber auch ein rücksichtloses Verhalten des Grand-Slam-Rekordsiegers. Die Folge: Ein Ausschluss vom gesamten Turnier, das zu den vier wichtigsten des Jahres zählt.

MotoGP-Fahrer stöhnen in Brünn: Protokoll für Hitze nötig? (07:45 Min.)

Marco Bezzecchi: Nicht immer die liebe Maus!

Doch nicht nur der Vergleich mit Fällen wie diesem sollte Bezzecchi im Nachgang des Skandals Grund zum Optimismus geben. Er ist ein begnadeter Rennfahrer. Er ist auch ein Charakterkopf, der unter den MotoGP-Fans bereits viele Unterstützter gefunden hat und auch in Zukunft finden kann. 'Bezz' ist ein echter Showman mit einem großartigen Sinn für Humor. Doch er hat auch seine schwierigen Züge. In den Stunden seit der Auseinandersetzung mit dem Marshal habe ich von mehreren Seiten gehört, dass solch ein Verhalten ja völlig untypisch für Bezzecchi sei. Eine Einschätzung, der ich nicht wirklich zustimmen kann. Mehr als nur einmal habe ich Situationen erlebt, in denen sich Bezzecchi - in meiner persönlichen Einschätzung - unhöflich, ungeduldig oder unpassend verhalten hat.

Er kokettierte stets gerne mit dem Image des ewig junggebliebenen Schlingels. Doch dabei vergaß er, dass er ein mittlerweile 27-jähriger Mann ist, der ein Unternehmen mit rund 6.000 Angestellten und 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz repräsentiert. Er vergaß, dass er als Spitzenpilot der Königsklasse ein Vorbild für viele junge Rennfahrer und Kinder darstellt. Und er vergaß, dass er 2026 um die ultimative Auszeichnung des Motorradrennsports kämpft.

Marco Bezzecchi hat weltweit inzwischen viele Fans und damit viel Verantwortung, Foto: MotoGP Press
Marco Bezzecchi hat weltweit inzwischen viele Fans und damit viel Verantwortung, Foto: MotoGP Press

All das sind Dinge, die Ernst erfordern. Das dürfte Bezzecchi nach seinem Ausraster klargeworden sein. Sein auf den Sozialen Medien gepostetes Statement kann man noch als PR-Maßnahme sehen. Doch jene Bilder, die uns am Sonntagmorgen erreichten, lassen mich mit der Überzeugung zurück, dass Bezzecchi die Schwere seines Vergehens völlig bewusst geworden ist und seine Entschuldigung in Richtung des Marshals eine absolut aufrichtige war. Er besuchte den Mann, den er wenige Stunden zuvor geohrfeigt hatte, auf seinem Posten, überreichte ihm ein Geschenk und widmete ihm unter Tränen eine lange, kräftige Umarmung.

Strafe als Chance: Marco Bezzecchi kann an dieser Rennsperre wachsen!

Erwachsenwerden ist ein Prozess, der sich für jeden Menschen unterschiedlich gestaltet. Für manche mag er ganz von allein passieren. Andere benötigen dafür einschneidende Lebensereignisse: Den Bau eines Hauses. Eine Ehe. Die Geburt des ersten Kindes. Für Spitzensportler wie Marco Bezzecchi kann so ein Lebensereignis aber auch ein vergleichsweise trivialer Vorfall wie die körperliche Auseinandersetzung mit einem Marshal und deren dramatische Folgen sein.

Es würde mich wundern, wenn die Vorkommnisse von Brünn Marco Bezzecchi nicht reifen lassen würden - als Mensch, damit aber auch als Rennfahrer. Und das ist etwas, das ihm in seiner weiteren Karriere noch von großem Nutzen sein könnte. Denn in einem WM-Kampf, den er möglicherweise auch mit dem gnadenlosen Marc Marquez ausfechten wird, ist jedes Quäntchen Lebenserfahrung und Reife wertvoll. Das gilt für Bezzecchi auch, wenn es darum geht, in zwischenmenschlichen Interaktionen häufiger seinen tollen Humor und seine liebenswerten Charakterzüge über die weniger charmanten Seiten seiner Persönlichkeit triumphieren zu lassen.

Ich bin überzeugt davon, dass Marco Bezzecchi ein guter Mensch ist, der das Herz am rechten Fleck trägt. Und einen solchen sollte man nicht bis an sein Lebensende verurteilen, sondern ihm zugestehen, sich in gewissen Situationen noch bessern und weiterentwickeln zu können. Ich wünsche ihm, dass er uns das zukünftig beweisen wird. Denn dass er menschlich ebenso überragend sein kann wie als Rennfahrer, hat er uns bereits gezeigt. Für die Version Marco Bezzecchi 2.0 könnte das nun zum Standard werden.

Was meint ihr: Wird Bezzecchi aus diesem Zwischenfall gestärkt hervorgehen? Sagt es uns in den Kommentaren!

Wie Bezzecchis MotoGP-Kollegen auf das Urteil der Stewards reagiert haben, erfahrt ihr derweil in diesem Artikel: