Die beiden MotoGP-Starts in Assen waren etwas Besonderes. Zum ersten Mal seit Jahren waren keine 'Tiefflieger' zu sehen, da der Einsatz des sogenannten 'Holeshot-Device' zur Absenkung der Front aus Sicherheitsgründen verboten wurde. Bei der Dutch TT gab es keine Unfälle, aber ist der Start so nun wirklich ungefährlicher? Die Piloten sind sich nicht einig.

Pedro Acosta lehnt Verbot ab: Nur noch schlimmer als vorher!

"Ich denke es war zuvor besser, aber ich hatte auch keine bestimmten Probleme. Ich hoffe einfach, dass das jetzt so bleibt", kommentierte Fabio Di Giannantonio recht neutral. Letztendlich ergaben sich aber zwei Muster der Argumentation. Das erste Bezog sich auf den Wheelie nach dem Losfahren, welcher durch das Device größtenteils unterdrückt wurde. Beim zweiten ging es dann um das Anbremsen in die erste Kurve. Zuvor musste hart gestoppt werden, um die Vorrichtung wieder zu deaktivieren.

Beim Start kommt es nun mehr zum Wheelie, Foto: VR46 Media
Beim Start kommt es nun mehr zum Wheelie, Foto: VR46 Media

Pedro Acosta gewichtete den Effekt des Wheelie deutlich höher und zeigte sich nicht zufrieden mit dem Verbot: "Ich halte es jetzt für noch gefährlicher als zuvor. Es ist einfach, einen Wheelie zu bekommen und zum fahrenden Hindernis zu werden. Ich denke sie sollten es entweder ganz ausbauen [also auch das Heck-Device, Anm. d. Red.] oder wir bauen es in der Front wieder ein, denn ich halte es sogar für noch schlimmer als zuvor."

Luca Marini feiert: Verbot funktioniert perfekt

Genau auf der Gegenseite steht Luca Marini. "Es war gut, perfekt. Alles war unter Kontrolle", ließ uns der Italiener wissen. Für ihn gilt das Argument in die erste Kurve: "Du bremst auf Kurve 1 an und du musst dich nur noch auf eine Sache konzentrieren, denn du weißt, dass das Heck-Device beim Anbremsen wieder hochgehen wird. Das ist alles kein Problem und du musst keine eigenartigen, starken Bremsmanöver mehr machen, damit du das Front-Device deaktivierst. Es ist perfekt."

Der MotoGP-Start in Assen
Luca Marini empfindet die erste Kurve als sicherer, Foto: IMAGO / PsnewZ

Zustimmung erhielt er von Landsmann Enea Bastianini: "Ich fühle mich damit wohl. Aus meiner Sicht war es kein Problem. Du kommst nicht mehr so schnell in Kurve 1 an. Es fühlt sich nicht mehr wie eine 'Launch-Control' an, aber das ist in Ordnung. Ich halte es im Vergleich zum Device für ein wenig sicherer."

Wheelie verhindern: Können der MotoGP-Fahrer nun wieder gefragt

Weltmeister Marc Marquez hingegen platzierte sich zwischen den Fronten. Er betonte Vor- und Nachteile des Verbots: "Es war, wie ich es erwartet hatte. Von 0 bis zum ersten Bremspunkt siehst du mehr Wheelies und du musst mehr mit dem Gas spielen. Es ist wieder manueller. Das ist schwieriger. Aber beim Anbremsen in die erste Kurve ist es sicherer und natürlicher."

Für Jorge Martin ist die Konsequenz nun, dass die Fahrer eben selbst etwas gegen den Wheelie unternehmen müssen, wie es vor der Einführung der Ride-Height-Devices der Fall war: "Wenn wir in die erste Kurve bremsen, dann ist es sicherer. Du spürst, wie die Gabel an der Front funktioniert. Aber auf den ersten paar Metern musst du mit dem Wheelie sicherlich mehr Dinge im Griff haben als zuvor. Du musst mit der Kupplung spielen, gleichzeitig entweder das Gas zumachen oder mit dem Heck dagegen bremsen. Es geht also wieder mehr um deine Fähigkeiten. Wir waren das einfach nicht mehr gewöhnt."

Jorge Martin auf dem Weg in die Startaufstellung
Für Jorge Martin zählen nun wieder die Fähigkeiten der Fahrer, Foto: IMAGO / PsnewZ

MotoGP-Experte Tom Lüthi befürwortet Holeshot-Verbot, aber: Start wird immer gefährlich bleiben

Der 'Martinator' geht damit bereits in eine Richtung, die unser Experte Tom Lüthi vertritt. Der Schweizer ist klarer Befürworter des Verbotes. "Ich glaube, es ist sicher nicht negativ. Es ist nicht so, dass es gefährlicher wird ohne die Start-Devices an den Motorrädern. Es stimmt, dass die Fahrer mehr Wheelie haben. Das ist so, aber üblicherweise bekommen sie die Wheelies auch in den Griff, wenn bis zum zweiten, dritten Gang durchgeschaltet wird, bis zur ersten Kurve oder zum ersten Anbremsen nach dem Start. Dann ist das Vorderrad auch am Boden und dann kann natürlich sofort angebremst werden. Die Federgabel vorne hat die volle Wirkung. Das bringt eigentlich mehr Sicherheit", meinte er in der neuesten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins. Diese könnt ihr hier sehen:

Fehlt Bezzecchi mentale Stärke? Lüthi warnt vor Psychospielchen (34:19 Min.)

Trotz positiver Wirkung darf das Verbot nicht als Wundermittel angesehen werden. Der Start bleibt für Lüthi von Natur aus ein gefährlicher Moment: "Wenn wir das ganze Bild anschauen, wird der Start immer das größte Risiko haben oder das größte Potenzial für Unfälle. Wenn das gesamte Fahrerfeld, alle eng aufeinander in die erste Kurve fährt, das erste Mal hart anbremst, ist das einfach nicht ungefährlich und das wird es sicher auch nie werden."

Tom Lüthi hat im neuen Magazin nicht nur über die Starts, sondern auch über den Mann der Stunde gesprochen. Warum der Fahrstil von Ai Ogura ihn im Rennen im stärker werden lässt, lest ihr hier: