Der FIM Harley-Davidson Bagger World Cup sorgte bei seinem Finale im Rahmen des MotoGP-Wochenendes in Spielberg für Gesprächsstoff. Der Titelkampf wurde am Samstag ausgerechnet von Ex-MotoGP-Fahrer Andrea Iannone vorentschieden. Der Italiener war selbst noch mit Meisterschaftschancen nach Österreich gereist, brachte im ersten Rennen aber sich und Titelanwärter Eric Granado zu Sturz. Für den Zwischenfall kassierte der 'Maniac' dann auch noch eine Long-Lap-Penalty für den zweiten Lauf, durch die er nur Sechster wurde. Er sieht die Schuld, wenn überhaupt, beim Gegner. Am Sonntag stand er deshalb mit einer flammenden Rede für sich selbst ein.

"Ich kann euch die Daten zeigen. Wenn wir die Daten aus dem Qualifying und die aus der vorherigen Runde nehmen, habe ich alles exakt gleich gemacht. Wenn wir uns seine Daten ansehen, wird man definitiv erkennen, dass er drei oder vier Meter weiter außen war. Was soll man da also machen? Meiner Meinung nach war es ein Rennunfall", so Iannone, der als Vierter in der Meisterschaft ins sechste und letzte Rennwochenende gegangen war und bei 147 Punkten stand. Bei noch 50 zu vergebenden Punkten lag er 27 hinter dem späteren Champion Archie McDonald. Granado fehlten nur sieben Punkte auf den Australier.

Andrea Iannone hält Plädoyer für eigene Fairness: In der MotoGP immer fair

Am Samstag hatten McDonald und er von den Startplätzen zwei und drei gleich nach dem Start Pole-Sitter Granado kassiert. In Runde zwei holte dieser sich in Kurve sechs Platz zwei von Iannone zurück, der umgehend zum Konter ansetzte. "Schaut, ich hatte nichts zu verlieren. Wenn jemand etwas zu verlieren hatte, dann waren es sicherlich die beiden vor mir. Was sollte ich also sonst machen? Ich konnte nur versuchen, beide Rennen zu gewinnen", erklärt er und holt daraufhin zum Plädoyer für seine eigene Fairness aus.

"Natürlich fahre ich ein Rennen nicht mit der Absicht, andere Fahrer zu Fall zu bringen. Mir tut es auch leid, wenn so etwas passiert, denn ich stürze dabei ja ebenfalls. Und wenn man sich meine gesamte Karriere und all die Zweikämpfe ansieht, die ich hatte, bin ich immer sehr fair gefahren. Ich habe nie jemanden von der Strecke gedrängt oder etwas in der Art gemacht. Ich hatte unzählige Zweikämpfe und soweit ich mich erinnern kann, wurde ich für so etwas noch nie bestraft", so der 37-jährige MotoGP-Sieger.

Kuriose Unfall-Analyse: Andrea Iannone bleibt mit Seitenkoffer am Gegner hängen

Seiner Ansicht nach wäre es bei der Szene am Red Bull Ring außerdem Granado gewesen, der den Crash hätte verhindern können: "Das sage nicht ich, das sagt die Telemetrie. Mir liegt nichts daran, jetzt eine Kontroverse daraus zu machen, denn die Sache ist vorbei. Aber die Telemetrie zeigt, dass ich alles genauso gemacht habe wie in der Runde zuvor, während er das offensichtlich nicht getan hat", beteuert er. "Er kommt weit raus und wartet mit dem Gas, weil er darauf wartet, dass das Motorrad wieder zurück auf die Ideallinie kommt. Es sieht so aus, als würde ich beschleunigen, aber in Wirklichkeit beschleunigt er einfach nicht. Ich bin auf meiner Linie und befinde mich in Schräglage auf dem Motorrad. Ich kann ihn nicht sehen."

Dabei spielten außerdem die Dimensionen der 280 Kilogramm schweren und 200 PS starken Harley-Davidson Road Glide eine Rolle, die trotz Renntrimm im seriennahen Look mit Gepäcksystem im Wettbewerb fährt. "Als er wieder zurückkam [auf die Ideallinie], berührte mein Seitenkoffer seine Schulter und wir sind beide gestürzt. Ich habe dann dafür die Strafe bekommen, okay, kein Problem. [...] Aber er ist dreieinhalb Meter vom Kerb entfernt, während McDonald und ich praktisch dieselbe Linie ganz eng am Kerb fahren. Doch egal, für mich bleibt es ein Rennunfall."

Eric Granado nach Clash mit Andrea Iannone unversöhnlich

Eric Granado war auch einen Tag später nach seinem Sieg im Sonntagsrennen unversöhnlich. Er beendete die Premierensaison des Harley-Davidson Bagger World Cup als Dritter, nur zehn Punkte hinter McDonald. "Heute habe ich das Rennen gewonnen, aber gestern hat mir ein anderer Fahrer die Meisterschaft gekostet. Darüber bin ich wirklich sehr verärgert. Mein einziges Ziel heute war, auf Sieg zu fahren und diesen Moment mit dem Team zu genießen. Ich kann mich einfach nur bei allen bedanken, die mir geholfen haben, bis hierhin zu kommen. Ich weiß, dass ich es zumindest verdient hätte, bis zum Ende um die Meisterschaft zu kämpfen", sagte der Brasilianer.

"Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Er wollte mir nicht zuhören und meine Entschuldigung auch nicht annehmen. Das kann ich verstehen. Er ist sehr wütend – und das auch völlig zu Recht", gibt sich Iannone einsichtig, doch ein Schuldgeständnis ist das nicht. "Leider hat es uns beide getroffen. Er hat dadurch sicherlich die Chance verloren, um die Meisterschaft zu kämpfen – aber ich genauso. Es ist ja nicht so, als hätte ich selbst nicht auch an die Meisterschaft gedacht", sagt er weiter.

Andrea Iannone im Zweikampf mit Oscar Gutierrez beim Harley-Davidson Bagger World Cup, Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire
Andrea Iannone im Zweikampf mit Oscar Gutierrez beim Harley-Davidson Bagger World Cup, Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Andrea Iannone sicher: Er hätte der erste Champion im Harley-Davidson Bagger World Cup sein können

Letztendlich müsse sich Granado aber genauso an die eigene Nase fassen, den Titel mit nur zwei Siegen aus zwölf Rennen nicht geholt zu haben. "Ich weiß, dass er sauer ist. Aber er hat die Meisterschaft nicht erst gestern verloren. Er hatte bereits in den USA einen Sturz, er hatte in Aragon einen Sturz. Er hat mehrere Fehler gemacht. Das ist normal. Das hier war mein erster Fehler", so Iannone, der den Auftakt in Austin noch verpasst hatte und erst am zweiten Rennwochenende in Mugello einstieg. Mit drei Siegen holte er die zweitmeisten Erfolge, nur Gutierrez gewann ein Rennen mehr.

Bei Teilnahme an allen Veranstaltungen wäre die Meisterfrage für ihn eine mehr oder weniger klare Angelegenheit gewesen: "Ich denke, es wäre schwierig gewesen, noch mehr herauszuholen. Wir sind mit zwei Rennen weniger in die Saison gestartet, standen immer auf dem Podium und haben die anderen Rennen gewonnen. Leider gab es diesen Zwischenfall. Das am Samstag war der einzige Fehler, den wir gemacht haben. Abgesehen davon lief es. Wenn man aus Amerika pro Rennen 20 Punkte oder auch nur 16 Punkte dazurechnet, sieht das Gesamtbild natürlich völlig anders aus."