Die Entscheidung im Formel-1-Qualifying von Spielberg fiel auf eine kontroverse Art. Zunächst legten die beiden Ferrari-Fahrer eine Bestzeit vor, dann verunfallte Max Verstappen und löste damit vor der letzten Kurve eine Gelbphase aus. Qualifying entschieden, oder? Nein, denn George Russell brachte noch eine schnelle Runde durch und sicherte sich mit dieser die Pole.
Was zunächst wie ein klares Vergehen wirkt, entpuppt sich aber als filigrane Situation. Denn Russell ging tatsächlich 100 Meter früher vom Gas, wie er selbst betonte und wie auch die Daten einwandfrei belegen. Das reichte den Formel-1-Stewards. Denn, als Russell die Unfallstelle passierte, galt nur eine einfache gelbe Flagge und kein Double Yellow. Die Stewards entschieden schnell: Kein Verstoß! Russell durfte seine Pole Position behalten.
Rettet dieser Präzedenzfall George Russell die Pole Position?
Alexander Wurz erklärte nach dem Formel-1-Qualifying, warum die Situation so heikel ist. "Das ist eine Grundsatzfrage, auf die es bis jetzt keine kristallklare Antwort gibt, mit Punkt, Beistrich, Komma und exakter Definition", so der ehemalige F1-Pilot. Laut dem sportlichen Reglement der Formel 1 muss ein Fahrer bei einer einzelnen gelben Flagge seine Geschwindigkeit deutlich reduzieren und darauf vorbereitet sein, die Richtung zu ändern.
Was in diesem Kontext "deutlich" bedeutet, ist nirgends genauer definiert und damit Interpretationssache. Aber es gibt Präzedenzfälle, wie dieser Passus konkret angewandt wird, und in diesen erkennt Wurz eine Begründung dafür, dass Russell sich an die Regeln gehalten hat. Im Vorjahr hatte der Brite nämlich beim Miami-GP eine gelbe Flagge für den am Streckenrand geparkten Oliver Bearman passiert und dabei 25 Prozent gelupft. Er blieb straffrei. Trotz eines Protests von Red Bull Racing behielten die Stewards damals ihren Standpunkt bei, dass diese Verlangsamung ausreichend war.
Wurz erklärte die Parallelen zum Qualifying in Spielberg: "Er geht eindeutig vom Gas, respektiert somit [die gelbe Flagge], so wie er es letztes Jahr gemacht hat. Also macht er im Prinzip konstant das, was er auch im letzten Jahr gemacht hat und was als gut befunden worden ist." Der F1-Experte versteht deshalb das Vorgehen des Briten: "Im Bruchteil dieser Sekunde reagiert George nur nach der Konstanz der Entscheidungen. Dementsprechend muss man ihm recht geben."
Alex Wurz: Entscheidung richtig, aber trotzdem gefährlich
"Ob man das jetzt aus Sicherheitssicht für gut befindet, da glaube ich nicht, dass es gut ist", gibt der Präsident der F1-Fahrergewerkschaft zu Bedenken. Deshalb sieht er durchaus eine Argumentationsgrundlage, dass die Formel-1-Stewards auch anders hätten entscheiden können. "Man könnte natürlich sagen, dass es eine andere Situation ist. Damals [in Miami 2025, d. Red] hat man das Auto stehen gesehen, hier hat man es nicht gesehen", so Wurz.
Sein Urteil fällt dennoch für Russell aus, aber mit einer klaren Empfehlung, dass die Entscheidungsträger anschließend das Gespräch mit den Fahrern suchen sollten. "Ich würde ihm die Pole Position überlassen, weil er aus Konstanz heraus, aus dem wie die FIA entschieden hat, Recht bekommen hat. Ich würde mich dann aber sofort mit allen Fahrern hinsetzen und würde sagen, dass wir das nochmal aufarbeiten."
Ob die Rennleitung dieser Handlungsempfehlung nachkommt, ist nicht bekannt. Grundsätzlich hätte es auch eine Möglichkeit gegeben, diese brisante Situation in Spielberg ohne Interpretationsspielräume schon im Ansatz zu entschärfen. Nämlich auf jene Art, dass umgehend eine doppelte gelbe Flagge oder sogar Rot gezeigt worden wäre. Dann wären nämlich die Runden automatisch gestrichen worden und die Zeit von Russell hinfällig geworden.
Etwa 15 Sekunden nachdem Verstappen gecrasht war, wurde tatsächlich auch auf Double Yellow entschieden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden Mercedes und auch Isack Hadjar die betreffende Stelle allerdings schon hinter sich gelassen. Gestrichen wurden also nur noch die Cooldown-Runden von Russell und Co.
Für George Russell befindet sich also die vierte Pole Position dieser Saison in trockenen Tüchern. Ob er in Österreich diese in seinen zweiten Saisonsieg ummünzen kann, steht auf einem anderen Blatt Papier.



diese Formel 1 Nachricht