"Was für ein beschissener Tag", konnte Lando Norris in der Auslaufrunde nach dem Rennen in Madrid nur mehr funken. Nach einer sensationellen Pole hatte er auch die ersten 14 Runden des Rennens dominiert und den Rest der Formel 1 bereits abgehängt. Genau diese Dominanz wurde ihm bei einer unglücklichen Situation mit einem Virtuellen Safety Car dann zum Verhängnis.
In Runde 13 war Lance Stroll mit einem Bremsdefekt in Kurve 20 ausgerollt. Beinahe schaffte er es hinter die Absperrung, aber nur beinahe. Dann musste die Rennleitung auf Virtuelles Safety Car entscheiden, damit Streckenposten den Aston Martin wegschieben konnten. Das geschah zwischen drei und vier Sekunden nachdem Norris die Boxeneinfahrt passiert hatte.
"Unfassbar unglücklich", nennt es Norris nach dem Rennen. "Ich war der Einzige im Feld, der die Chance auf einen Boxenstopp nicht bekam." Hinter ihm konnte jeder, der wollte, unter dem VSC zum Billigtarif Reifen wechseln. Das VSC dauerte knapp unter einer Runde. Kaum kam Norris zurück zur Boxeneinfahrt, wurde es aufgehoben. Mit seinem Stopp unter grüner Flagge fiel er auf Platz fünf zurück.
Auf dem wie erwartet überholfeindlichen Kurs bedeutete das Game Over. Den am Ende vor ihm fahrenden Max Verstappen konnte Norris selbst mit besserer Pace unmöglich überholen: "Ich lieferte einen guten Fight, um Max einzuholen, aber Überholen war so schwierig." Er gewann lediglich zwei Plätze von Fahrern, die im weiteren Rennverlauf vor ihm stoppten, und wurde Dritter: "Die Pace war sehr stark. Auf dem Hard steckten die vor uns fest, und dann haben wir 13 oder 14 Sekunden aufgeholt. Ein Tag voll Positivem. Nur eine Sache hat uns hängengelassen."
Lando Norris legt zu schnell los: Absurder Umstand führt zum VSC-Pech
Schon in der Auslaufrunde wurden Norris die wahrlich bizarren Umstände bewusst: "Wir waren zu schnell. Das war alles." Vom Start weg hatte er ein spektakuläres Tempo vorgelegt und den Mercedes von Kimi Antonelli sofort abgeschüttelt. Als das VSC kam, betrug seine Führung über sechs Sekunden. Wäre er nur vier Sekunden langsamer gewesen, so hätte er immer noch Antonelli klar im Griff gehabt und zugleich auf das VSC reagieren und ebenfalls stoppen können.
Bei McLaren ist man hier sehr deutlich. Der Rennleitung ist kein Vorwurf zu machen. "Wenn es so eine Situation gibt, gilt die Aufmerksamkeit des Rennleiters korrekterweise der Frage, ob es ein Virtuelles Safety Car verlangt, oder ob es wieder aufgehoben werden kann", unterstreicht Teamchef Andrea Stella.
Die Rennleitung hatte Stroll wie üblich nach dem Ausrollen Zeit gegeben, hatte abgewartet, ob er sich noch einmal in Bewegung setzen könnte. Dann aber begann er sich abzuschnallen, das Lenkrad abzunehmen, und dann war offensichtlich, dass das Rennen für einen aussteigenden Fahrer neutralisiert werden musste. "Ich glaube nicht, dass sie schauen, was im Rennen passiert, das wäre eine zu große Ablenkung", stellt Stella klar. "Wir haben absolut nichts gegen die Rennleitung zu sagen. Sie haben unter den Umständen gute Arbeit geleistet."
McLaren rechtfertigt Entscheidungen: VSC antizipieren? Keinen Stopp machen?
Genauso nehmen Stella und Norris die McLaren-Strategen in Schutz. Nach dem Rennen lässt sich etwa leicht sagen, man hätte das VSC antizipieren können, als man auf der Stroll-Onboard sah, wie er begann auszusteigen. "Mit dem Wissen, das wir jetzt haben, eine gute Idee, aber ich weiß nicht, das müssen wir uns mit den Ingenieuren anschauen", zweifelt Stella. Antizipieren ist ein Spiel mit dem Feuer: "Du musst extrem vorsichtig sein. Wenn du stoppst, und es kommt kein VSC, verlierst du 27 Sekunden."
"Eine gute Faustregel ist, auf das zu reagieren, was ein Fakt ist, was die realen Bedingungen auf der Strecke sind", sagt Stella. Warum aber nahm das Team eine Runde später die Stopp-Anweisung für Norris nicht zurück, als das VSC vor der Boxeneinfahrt erneut aufgehoben wurde? Hätte man nicht weiterfahren können?
"Wir dachten daran, aber du musst akzeptieren, dass du dann auf ziemlich gebrauchten Medium-Reifen bist, während die Leute hinter dir auf neuen Hards sind", sagt Stella. "Du würdest niemals eine Lücke zu den Leuten mit Hard auffahren." Genau das hätte Norris aber tun müssen, da seine direkten Gegner hinter ihm durchfahren würden. Nur der auf Hard gestartete Charles Leclerc hätte sie eventuell aufhalten können - aber prinzipiell war der Hard in Madrid um ein vielfaches widerstandsfähiger als der Medium.
"Der Medium war zerstört, der Hard war der Wahnsinn", ergänzt Norris. "Wir mussten reinkommen, das war die einzige Chance." Sonst hätte er über die Distanz auch Leclerc nicht mehr abschütteln können. "Manchmal wird das Wort Pech strapaziert, aber in diesem Fall ist es praktisch die mathematische Definition von Pech", findet Stella. Nur dass Norris dann auch noch 6,65 Sekunden beim Reifenwechsel stand, war kein Pech: "Aber das hätte keinen Unterschied gemacht."
"Das passiert in Rennen, oft hatte ich damit Glück, oft hatte ich damit Pech", trägt Norris die VSC-Nummer mit Fassung. "Noch nie hat nur sowas mich einen Sieg gekostet, denke ich, das ist frustrierend. Gerade wegen der Leistung gestern und zu Rennbeginn, und tatsächlich im ganzen Rennen. Ich dachte, ich hätte mehr verdient. Aber die anderen sind auch gute Rennen gefahren. Gratulation an sie."
Genauso hatte Lewis Hamilton in Madrid viel Pech. An seinem Ferrari machten schon zu Rennbeginn die Bremsen schlapp. Was Hamilton und das Team dazu sagen, gibt es hier:



diese Formel 1 Nachricht