Grundsätzlich muss man im Motorsport sagen: Jede Art von Neutralisierung oder Unterbrechung eines Rennens wird immer das Potenzial haben, Wettbewerber zu bevor- oder zu benachteiligen. Aber gibt es wirklich nichts, was man tun kann, um eine so krasse Situation wie die von Lando Norris bei der Formel 1 in Madrid zu vermeiden?
Norris war von einem Virtuellen Safety Car in Runde 14 für das Bergen eines ausgerollten Kontrahenten maximal gelackmeiert worden. Das VSC wurde drei Sekunden ausgerufen, nachdem er die Boxeneinfahrt passiert hatte. Alle - ja, wirklich alle - anderen Fahrer und Teams bekamen daraufhin hinter ihm die Chance, Boxenstopps zu absolvieren, während auf der Strecke VSC-Limits galten, und sich der Zeitverlust für die Stopps daher in etwa halbierte.
Doch just als Norris in der nächsten Runde erneut in der letzten Kurve vor der Boxeneinfahrt ankam, wurde das VSC wieder aufgehoben. Damit war er tatsächlich der einzige Fahrer, dem die Chance eines Billig-Boxenstopps verwehrt wurde. Wodurch es aufgrund der Rahmenbedingungen für Norris strategisch unmöglich wurde, die Führung zu verteidigen und den Sieg zu holen. Da ist es nur verständlich, dass Norris und McLaren nach dem Rennen laut nachdenken, ob der Prozess nicht verbessert werden kann.
Vonseiten der Rennleitung ist es grundsätzlich aktuell keine Frage der sportlichen Fairness, wann sie VSCs aktiviert oder deaktiviert. In diesem konkreten Fall wurde das VSC aktiviert, als klar war, dass der ausgerollte Lance Stroll nicht mehr weiterfahren konnte und begann auszusteigen, und dass Streckenposten hinter der Wand hervorkommen mussten, um das Auto wegzuschieben. Aufgehoben wurde es, als dieser Vorgang abgeschlossen wurde.
Sollte die Formel 1 nun sportliche Fairness in den Prozess mit einbeziehen? "Über die Jahre haben verschiedene Fahrer das oft schon aufgebracht", erinnert sich Norris nach dem Rennen. "Schwierig. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Ich habe in der Vergangenheit davon profitiert, habe deswegen verloren. Über eine Saison hinweg gleicht es sich wahrscheinlich aus, auch wenn es jetzt natürlich mehr weh tut, wenn du den Sieg verlierst."
Was kann die Formel 1 für die VSC-Fairness tun?
"Ein paar Mal haben wir darüber gesprochen, dass wir es zumindest für eine komplette Runde aktiviert lassen, damit jeder die Chance hat, zu stoppen", bringt Norris den ersten Alternativ-Vorschlag ein. Anhand des Madrid-Beispiels mag das sofort wie eine perfekte Lösung ohne große Probleme anmuten. Norris hätte ebenfalls stoppen können, und das Rennen wäre wirklich neutralisiert geworden.
Praktisch hat die Idee aber sehr wohl einen Nachteil. Sie verhindert, dass die Rennleitung eine sehr kurze VSC-Phase ausruft. Diese gibt es immer wieder, wenn man etwa kurz ein einzelnes Trümmerteil bergen muss. Oftmals dienen solche VSCs dann lediglich dazu, einem einzelnen Streckenposten das Betreten der Strecke zu ermöglichen. Sie sind so kurz, dass ein Boxenstopp für niemanden möglich ist.
Solche Mini-VSCs können vor allem später im Rennverlauf sehr hilfreich sein, weil sie verhindern, dass einem Fahrer, der auf alten Reifen noch auf der Strecke ausharrt, ein glückliches Geschenk gemacht wird und er mit einem Billig-Stopp vor all jenen landet, die bereits reguläre Boxenstopps absolviert haben. Das ist ohnehin das fundamentale Problem von VSCs, Safety Cars und roten Flaggen. Dass sie jene belohnen, die eigentlich geschlagen sind, und dann einfach nicht stoppen und zocken.
Lässt sich das aber mit einer anderen Idee verhindern? "Einfach die Boxengasse schließen, und niemand darf stoppen, außer wegen Reifenschäden und so", meint Norris. Ein Boxenstopp-Verbot bei VSCs und Safety Cars ist in vielen anderen Serien auch sogar vorhanden. Das Problem ist, dass es in diesem Fall immer fundamentale Argumente dafür und dagegen gibt.
Dafür spricht, dass es unverdientes Zocken nicht mehr belohnt. Dagegen, dass es Fahrer bestraft, die ihre Strategie auf ein bestimmtes Fenster ausgerichtet hatten und nun weiterfahren müssen. Wobei das in der Formel 1 tatsächlich kein so großes Problem sein sollte. Das ist vielmehr ein Problem in Rennserien, in denen nicht nur Reifen gewechselt werden, sondern auch nachgetankt wird.
Norris: Die Formel 1 muss geeint nach VSC-Lösungen suchen
"Ich bin mir nicht sicher, was richtig ist", meint auch McLaren-Teamchef Andrea Stella. Er ist allerdings der Meinung, dass Madrid ein guter Moment ist, um das Thema im sogenannten "Sporting Advisory Committee" wieder zu besprechen. Das ist ein Gremium, in der alle Teammanager und Vertreter der FIA alle möglichen Änderungen am Sportlichen Reglement debattieren und konzipieren, ehe sie dem tatsächlichen Entscheidungsgremium, der F1-Komission, vorgelegt werden.
"Das ist ein recht langer Prozess, außer vonseiten der F1 oder der FIA gibt es viel Druck, etwas zu ändern", meint Stella. "Aber als Teilnehmer hätte ich aktuell keine klare Meinung." Norris hofft hier auch auf Input der Fahrer: "Das ist eine größere Diskussion. Nichts, um das ich bitten kann. Das müssen wir als Gruppe von Fahrern alle wollen."
"Da hängt auch viel mehr dran", weiß Norris. Zum Beispiel: "Was ist, wenn es anfängt zu regnen, du hast ein VSC, und du bist auf Slicks. Darfst du wechseln? Ein kompliziertes Thema. Als Fahrergemeinschaft, wenn wir darüber sprechen, dann wollen wir alle dasselbe, Fairness für alle. Aber ich beschwere mich heute. Nächstes Mal könnte ich einen Vorteil daraus ziehen."
"Wir werden im nächsten Fahrerbriefing sicher darüber sprechen, ob man da irgendetwas tun kann", meint auch Max Verstappen. Er und Norris eint hier eine Geschichte - Norris bekam bei seinem ersten Sieg die Führung über Verstappen durch eine Neutralisierung geschenkt. "Ich habe auch Rennen deswegen gewonnen, habe Rennen verloren. Heute ist es für Lando sehr schmerzhaft, weil er einen Sieg verloren hat. Manchmal sind es nur Punkte, aber ein Sieg, das ist wirklich nicht toll."



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