Schon am Donnerstag hatte sich ein kompliziertes Wochenende für Ferrari abgezeichnet. Mit einem starken zweiten Startplatz für Charles Leclerc und einem schwachen sechsten für Lewis Hamilton wird das im Qualifying der Formel 1 in Baku erneut unterstrichen. Ferrari hat ein Reifen-Problem.
Eigentlich schon das ganze Jahr ist Ferrari besonders im Qualifying-Trimm regelmäßig nämlich nicht in der Lage, die Pirellis ins Arbeitsfenster zu bekommen. In Baku ist das eine große Gefahr. Der Asphalt ist hier glatt und der Weg zur ersten Kurve so lang, dass die Reifen dort meist auskühlen. Das macht es schwierig, Temperatur und Energie im Reifen zu koordinieren.
So sah es in den Trainings für Ferrari aus, so sah es im Qualifying aus. "Das ganze Wochenende hatte ich damit zu kämpfen, die Reifen zum Arbeiten zu bekommen", berichtet Hamilton. Das zog sich bis ins letzte Qualifying-Segment: "Ich bin Schlangenlinien gefahren, als ob es um mein Leben ginge, und trotzdem bekam ich diese dummen Reifen nicht ins Fenster. Unfassbar nervig."
Ferrari baut Setup um und ändert Qualifying-Taktik auf halbem Weg
Seit den ersten Trainings war der Kampf dagegen ein anhaltendes Projekt von Fahrern und Teams. Nach Plan lief dabei nichts, das klingt bei Leclerc nach dem Qualifying durch: "Manche Runden waren gut, aber wir waren nie konstant dabei. Im Qualifying hatte ich aber das Gefühl, dass ich da einen besseren Job gemacht habe."
"Wir haben ein paar signifikante Änderungen am Setup und an unserem Herangehen vorgenommen", verrät Teamchef Fred Vasseur danach. Trotzdem blieb es nicht leicht. "In Q2 hatte ich noch mehr mit den Hinterreifen zu kämpfen", meint Hamilton. Nach Q2 entschloss das Team sich dann zu einer neuen Q3-Taktik. Anstatt mit zwei fuhr man freiwillig nur mit einem Reifensatz.
Genauer gesagt fuhren beide Fahrer mit dem einen Reifensatz raus aus der Box, dann eine zusätzliche Vorbereitungsrunde, eine schnelle Runde, eine Kühlrunde, und dann eine zweite schnelle Runde auf dem bereits angefahrenen Reifen. Das ging zum Großteil auf eine Erkenntnis zurück, die alle Teams im Qualifying machten: Der weiche Reifen verlor nach einer Runde nicht wirklich Grip. Dafür war er einfacher im Arbeitsfenster zu halten, wenn er bereits eingefahren war.
Auch Polesetter George Russell fuhr das ganze Q3 deshalb mit einem Reifensatz durch und damit sogar drei schnelle Runden. Die letzte war die beste. Ferrari wollte aber wohl nicht so viel riskieren. Dass das die richtige Wahl war, das war vor Q3 nicht fix. Und die Russell-Taktik bedeutet, dass man auf der ersten Runde - wenn der Reifen noch neu ist und in der Theorie am besten sein sollte - sehr viel Benzin im Tank hat. Ferraris Plan war ein Kompromiss. Eine erste Runde mit halbwegs leerem Tank und neuen Reifen, eine zweite dann mit dem eingefahrenen Reifen und leerem Tank.
Hamilton bezahlt neue Ferrari-Taktik teuer, Leclerc profitiert
Dieser Kompromiss zwang Ferrari nur, beide Fahrer außerhalb des regulären Rhythmus der Konkurrenz auf die Strecke zu schicken. Kaum starteten sie ihren ersten Schuss, bogen die Autos um sie herum zum Reifenwechsel ab an die Box. Hamilton, der an diesem Wochenende in der internen Hackordnung vorn fahren muss, hatte deshalb auf keiner seiner Q3-Runden Windschatten.
Bis zu sechs Zehntel hätte ihm so ein Windschatten gebracht, klagt der um fünf Zehntel von Leclerc abgehängte Hamilton später. "Es passiert immer wieder, ich bin es gewohnt", seufzt er darüber, dass bei ihm aktuell immer wieder alles zusammenkommt. Immerhin klappte die Taktik bei Leclerc - er profitierte von Hamiltons Windschatten, und im zweiten Versuch schob er sich um eine Tausendstel vor den McLaren von Oscar Piastri auf Startplatz zwei.
"Es war ehrlich gesagt eine recht gute Runde", urteilt Leclerc, ist allerdings von den acht Zehnteln zu Polesetter Russell doch etwas schockiert. "Nach dem Freitag hätten wir das ungefähr erwartet. Heute Morgen schöpfte ich mehr Hoffnung. In Sachen Position entspricht das jetzt den Erwartungen, aber in Sachen Lücke ist das um einiges mehr als erwartet."
An eine Attacke gegen Russell im Rennen scheint Leclerc gar nicht zu denken. Und vor den Verfolgern von McLaren und Red Bull hat er in seinem topspeedschwachen Ferrari Angst: "Sicher, der Topspeed ist nicht unsere Stärke. Aber die Longrun-Pace war in FP2 recht stark. Hoffentlich wird das morgen der Fall sein."



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