Nach dem Formel-1-Qualifying musste Nico Hülkenberg noch Überstunden leisten. Gleich zweimal besuchte der Audi-Pilot die Stewards, nachdem er aufgrund eines Software-Problems Carlos Sainz im Weg gestanden war. Das zweite Mal bereits weit nach Mitternacht. Die Besuche lohnten sich, denn letztendlich ließen sich die Rennkommissare von Audis Argumentation überzeugen. "Als wir gehört hatten, dass sie eine Strafe in Betracht ziehen, mussten wir zurückgehen und es glasklar machen. Ich denke, sie haben die richtige Entscheidung getroffen", so Hülkenberg.
Was sich konkret hinter dem Software-Problem verbarg und wie die Stewards ihren Freispruch begründeten, könnt ihr hier nachlesen:
Wie wichtig dieser Sieg am grünen Tisch war, zeigte sich auch am Rennsonntag. Denn an diesem konnte Hülkenberg perfekt seine zehnte Startposition umsetzen und in den ersten Kurven gleich zwei weitere Positionen einstreichen. Damit war die Grundlage für seinen achten Platz geschaffen. Hülkenberg kam bereits am Start gut weg – eine Schwachstelle von Audi in dieser Formel-1-Saison – und ließ damit schon einmal Arvid Lindblad stehen, danach stieg er später auf die Bremse als Esteban Ocon, der innen ein Manöver andeutete. Nach Kurve 1 positionierte sich Hülkenberg goldrichtig, um Pierre Gasly innen in Turn 3 auszustechen.
"Es war nicht nur der Start. Ich hatte eine gute erste Runde. Ich hatte ein gutes Gefühl heute und den richtigen Instinkt bei meiner Linienwahl", freute sich Hülkenberg nach dem Grand Prix. "Das war gut und hat uns in eine gute Position für den restlichen Grand Prix gebracht", weiß er um die Wichtigkeit dieser Positionsgewinne. Zweimal hätte er auch noch beinahe Liam Lawson hinter sich gebracht, aber sowohl auf der ersten Runde als auch bei einem Undercut-Versuch behielt der Racing-Bull-Fahrer die Oberhand.
Nico Hülkenberg verteidigt sich bravourös gegen George Russell
Als direktes Resultat aus der ersten Runde war Hülkenberg aber nicht nur positionell, sondern auch in Bezug auf die Rennzeit weiter vorne, als er sonst gewesen wäre. Er wurde erst im Endspurt von George Russell eingeholt, der ja nach einer Motorstrafe aus der vorletzten Startreihe losgefahren war. Eingeholt, aber nicht überholt, denn der Mercedes-Fahrer biss sich die Zähne an Hülkenberg aus.
"Ich dachte anfangs nicht, dass das möglich wäre, aber dann fand ich einen besseren Rhythmus und schloss die Lücke zu Liam [Lawson] ein bisschen", erklärte Hülkenberg diese Rennphase. Das erwies sich als entscheidend: "Ich bekam ein bisschen indirekten Windschatten ab, das half meinem Topspeed auf den Geraden." Aus den Daten lässt sich keine Topspeed-Verbesserung ablesen, aber möglicherweise half der Windschatten dabei, dass Hülkenberg punktuell etwas mehr MGU-K sparen konnte. Das lässt sich dann natürlich nicht aus den Daten ablesen.
Den Knackpunkt gab es in Runde 57, in welcher Hülkenberg seine Pace anzog und in nur einem Umlauf eine halbe Sekunde zu Lawson aufschloss. Von da an war er konstant deutlich schneller als der Racing Bull und fuhr sich von 3,9 Sekunden Rückstand bis auf 1,7 Sekunden heran. Das konterkarierte den Motor-Nachteil von Audi gegenüber Mercedes womöglich ein bisschen.
Audi-Teamchef lobt Hülkenberg: Erfahrung und Racing-Hirn gezeigt
Schon zuvor hatte er sich ab Runde 50 den Angriffen des Mercedes-Fahrers gut widersetzen können, der ihm anschließend Respekt zollte: "Nico hat beim Verteidigen einen guten Job gemacht." Audi-Teamchef Alan McNish war voll des Lobes für Hülkenberg: "Er hat seine ganze Erfahrung gezeigt und sein Racing-Hirn. Denn in den letzten zehn Runden war George eindeutig schneller, aber Nico war an den richtigen Stellen der Strecke schnell. Er hat gut verteidigt und gleichzeitig nicht zu viel verteidigt."
In den Augen von McNish fiel die Entscheidung im Duell gegen Russell schon knapp nach Runde 50, als der WM-Zweite zum Audi aufgeschlossen hatte. "Ich dachte, dass er zwei oder drei Runden hatte. Und wenn er es in diesen zwei oder drei Runden nicht vorbeischaffen würde, wäre Nico in der Lage, sich zu verteidigen. Genau das war der Fall", so McNish. Der Vorteil von Russells neuen Reifen nahm natürlich Runde für Runde ab, dazu kam, dass dessen Pneus schon einen Zweikampf gegen Pierre Gasly hinter sich hatten.
Hülkenberg reist so nach dem siebten Platz im Sprint in Summe gleich mit sechs Zählern aus Singapur ab. Damit sorgte er im Alleingang für das punktereichste Formel-1-Wochenende in der noch jungen Geschichte von Audi.
Vor diesem Grand-Prix-Wochenende hatte er in der gesamten Formel-1-Saison nur sieben Punkte gesammelt. Damit zog der Emmericher auch in der WM an Gabriel Bortoleto vorbei, der im Gegensatz zu ihm ein bitteres Wochenende erlebte und nach einem unverschuldeten Unfall im Sprint schon nach sieben Runden mit einem Getriebeproblem abstellen musste.
Hier findet ihr den kompletten WM-Stand nach dem Singapur-GP:



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